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Huawei auf der IFA Chinesen in der Wildnis

Richard Yu, Chef von Huaweis Endkundengeschäft, hielt die Eröffnungsansprache am ersten Messetag.

Die Unsicherheit über die weitere Zukunft dominiert den Auftritt des Technologiekonzerns auf der IFA in Berlin.

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Das Blockhaus, das der chinesische Technologiekonzern Huawei auf dem Berliner Messegelände aufgebaut hat, passt mit seinen dunkelbraunen, grob gesägten Bohlen nicht so recht ins Bild der ansonsten glitzernden und bunten Technikmesse, die in dieser Woche unterm Funkturm beginnt. Der rustikale Bau, in dem Huawei während der kommenden Tage Kundenservice für Messebesucher anbietet und Pressegespräche führt, würde jeder Hochalm zur Ehre gereichen, Unterkunft und Schutz in der rauen Wildnis bieten.

Und zumindest damit passt die Hütte – gerade im Fall von Huawei – dann doch wieder ins Bild. Denn so strahlend sich die Funkausstellung in diesen Spätsommertagen präsentiert, für die Chinesen hat sich das Umfeld seit ihrem Auftritt in Berlin drastisch gewandelt. Der Konzern, der vor Jahresfrist bei den Netzbetreibern noch für den Auf- und Ausbau der Telefon- und Handynetze gesetzt war und beim Absatz seiner Smartphones von Verkaufsrekord zu Verkaufsrekord eilte, ist mittlerweile in ein zunehmend feindliches Umfeld geraten.

Die Handys, die die Chinesen in den Schaukästen im Blockhaus präsentieren, sind möglicherweise die letzten, die sie im Westen noch mit Googles Version des Android-Betriebssystems vermarkten dürfen. Nach dem Verbot, noch Geschäfte mit Huawei zu machen, mit dem US-Präsident Donald Trump die US-Wirtschaft belegt hat, wird Google seine Software nicht mehr für neue Huawei-Handys lizenzieren.

In diesem Blockhaus bietet Huawei in den kommenden Tagen Kundenservice für Messebesucher an und führt Pressegespräche.

Das neue Top-Modell Mate 30, das die Chinesen am 19. September in München vorstellen werden, wird das erste Smartphone für westliche Kunden sein, das ohne Googles Dienste – von Gmail bis Maps – auskommen muss. Damit ist zweifelhaft, ob sich deutsche und internationale Kunden noch annähernd so sehr für die neue Mate-Generation begeistern werden, wie das zuletzt bei jeder anderen Neuvorstellung von Huaweis Top-Telefonen der Fall war.

Und auch als Netzausrüster, speziell für den Aufbau der kommenden 5G-Mobilfunknetze, ist der Konzern wegen des Verdachts, er könnte mit seiner Technik chinesischen Geheimdiensten die Spionage in westlichen Staaten und Unternehmen öffnen, heftig umstritten. Zwar zeichnet sich ab, dass es neue, rigide Sicherheits- und Kontrollauflagen (die alle Netzausrüster erfüllen müssen) Huawei erlauben, die eigene Netzwerktechnik weiter in Europa zu verkaufen. Doch wie umfassend die deutschen Netzbetreiber die chinesische Technik künftig noch in ihren Systemen einsetzen werden, ist bisher unklar.

Entsprechend gespannt wartete man in Berlin auf den Auftritt von Richard Yu, den Chef von Huaweis Endkundengeschäft, den die IFA-Verantwortlichen in diesem Jahr als Gast zur Eröffnungsansprache am ersten Messetag geladen hatten. Immerhin hatte Messe-Chef Christian Göke vor IFA-Beginn mit Blick auf Yus Rede eine wichtige und spannende Ankündigung versprochen.

Tatsächlich aber erschien der Auftritt des Spitzenmanagers am Freitagmorgen sonderbar aus der Zeit gefallen. Gut eine halbe Stunde präsentierte Yu detaillierte technische Details neuer Chipsätze für mobile Endgeräte. Es sind Bauteile, die noch mehr künstliche Intelligenz ins Handy bringen, die noch bessere Fotos aus den Aufnahmen der Mini-Linsen errechnen können, den Puls von Menschen aus Selfies errechnen können und Elektronik, die – das ist tatsächlich eine technische Meisterleistung – die komplette Funktechnik für die neuen 5G-Mobilfunknetze in einen Mikroprozessor integrieren. Er zeigte neue Bluetooth-Kopfhörer und einen neuen Ableger der P30-Smartphone-Serie, der sich einmal mehr durch bemerkenswerte Fotoqualitäten auszeichnet, das P30 Pro.

Das derzeit brisanteste Thema für Huawei aber sprach Yu mit keinem Wort an: Nämlich, wie es für den chinesischen Konzern überhaupt weitergeht? Denn so technologisch innovativ die Chinesen auch sind, so leistungsfähig die neuen Chips sein mögen: Huawei ist seit diesem Frühjahr, als Trump das Embargo ankündigte, eine Art Jumbojet im Blindflug.

Alle Pläne für neue Produkte sind seither Makulatur. Die atemberaubende Aufholjagd im Handygeschäft, die Huawei in nicht mal einem Jahrzehnt auf Platz zwei des weltweiten Handygeschäfts gebracht hat, hat einen scharfen Knick bekommen. Konkurrent Samsung, der im Frühjahr beim weltweiten Smartphone-Absatz bereits in Schlagweite schien, ist erst einmal wieder enteilt. Und wie es nun konkret weitergeht, weiß niemand: „Jeder Tag kann eine neue Wende bringen“, bringen langjährige Mitarbeiter aus dem Europageschäft das Problem auf den Punkt. „Wir haben einen Plan B, aber schon morgen kann der wieder überholt sein, wenn sich Trump etwas Neues ausdenkt.“

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