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Huawei auf der IFA Chinesen in der Wildnis

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Huaweis Plan B

Tatsächlich hat Huawei nicht nur einen, sondern sogar zwei Pläne B. Der erste, den Richard Yu mit dem Mate 30 in München präsentieren wird, heißt Android AOSP. Es ist die lizenzfreie Variante von Android, hinter der ein globaler Verbund von Entwicklungspartnern steht – das Android Open Source Project. Diese Software kann jeder Elektronikkonzern frei verwenden, auch Huawei, ungeachtet Trumps Kooperationsverbot. Allerdings fehlen der AOSP-Version Google-eigene Apps.

Deshalb baut Huawei derzeit unter anderem mit größtem Elan den eigenen App-Store aus, der auf allen eigenen Handys bereits parallel zum Google Play Store installiert ist und Tausende beliebte Handy-Apps enthält. Noch existiert diese Programmsammlung im Verborgenen. Auf dem Mate 30 muss sie den Kunden einen möglichst umfassenden Ersatz für den Google Play Store bieten. Zumindest die globalen Top-Apps finden sich dort schon heute.

Dass das noch nicht reichen wird, ist aber auch den regionalen Produktentwicklern klar. „Aktuell sind in allen unseren wichtigen regionalen Märkten eigene Teams unterwegs, um auch Apps an Bord zu holen, die nur regional oder lokal relevant sind, die aber dort keiner missen möchte“, heißt es aus Huaweis europäischem Vertrieb. Konkret: Wenn das Mate 30 startet, sollen Handybesitzer darauf nicht bloß Facebook oder Tiktok installieren können, sondern - beispielsweise – die App des Münchner Verkehrsverbundes oder die Mediathek des Norddeutschen Rundfunks.

Doch das ist nur die erste Stufe von Huaweis Plan, sich von Google unabhängig zu machen. Der zweite Teil von Plan B heißt „Harmony“, oder – in China - „Hongmeng“. Beide Namen stehen für ein komplettes, eigenes Betriebssystem, das Huawei bereits seit Jahren für den Einsatz auf verschiedensten elektronischen Geräten entwickelt; von der Smart Watch bis zum TV-Gerät. Und eben auch für Smartphones künftiger Generationen.

In den ersten Versionen von Harmony werden Softwarekomponenten enthalten sein, die es erlauben sollen, auch herkömmliche Android-Apps zu installieren. Langfristig aber soll das Betriebssystem so attraktiv und relevant werden, dass App-Entwickler es als dritte Plattform – neben Android und Apples iOS – akzeptieren und ihre Programme auch für Harmony entwickeln.

Bisher ist das kaum mehr als ein frommer Wunsch. Und dass er Realität wird, ist mehr als zweifelhaft. Verschiedene namhafte Anbieter haben schon versucht, das Duopol der Smartphone-Plattformen zu knacken. Und sind daran gescheitert, dass es ihnen nicht gelungen ist, ein ausreichend großes und attraktives Portfolio an Apps für ihre Plattformen zu gewinnen. Weder die Finanzkraft eines Softwareriesen wie Microsoft hat der Windows-Plattform zum Erfolg verhelfen können, noch die Größe und das Engagement einer Community, wie sie der Browser-Entwickler Mozilla rund um seine Firefox-Software entwickelt hat, konnte das Firefox-OS im Handygeschäft etablieren.

Was das Szenario bei Huawei allerdings von den anderen Versuchen unterscheidet ist, dass er wie kein Fall zuvor deutlich macht, wie abhängig die Smartphone-Branche von Google inzwischen geworden ist. Und – mehr noch – vom Wohlwollen der US-Regierung, den amerikanischen Tech-Konzernen die Zusammenarbeit mit ausländischen Geschäftspartnern zu erlauben – oder eben nicht. Im Fall der Smartphone-Hersteller sind von letzterem inzwischen zum allergrößten Teil chinesische Unternehmen betroffen. Solche, die Smartphones bloß fertigen, wie Foxconn für Apple, und solche, die sie unter ihren eigenen Marken verkaufen, also Hersteller wie Huawei, Xiaomi, OnePlus. Selbst die Traditionsmarke Motorola ist längst Teil des chinesischen Lenovo-Konzerns. Sie alle haben gelernt, wie erratisch bis wankelmütig die Entscheidungen des US-Präsidenten sind. Und sie alle wissen auch, wie sehr der aktuelle US-Chinesische Handelskonflikt – zumindest potenziell – auch ihr Geschäft treffen kann.

Offiziell äußert sich keiner der chinesischen Huawei-Konkurrenten zur Frage, wie man reagierte, wenn Trumps China-Bann auch das eigene Unternehmen träfe. Zu groß ist die Sorge, sich mit klaren Aussagen in dem sensiblen wirtschaftspolitischen Umfeld zu sehr zu exponieren. Klar ist aber auch, dass sich niemand leisten kann, nicht zumindest die Optionen zu prüfen.

Die Neuheiten der IFA 2019
Amazon will die TV-Fernbedienung durch Sprachbefehle ablösen. Quelle: dpa
Samsung nutzt die Technik-Messe IFA als Bühne für eine 5G-Offensive. Den Marktstart seines ersten auffaltbaren Smartphone kündigte das Unternehmen in Berlin am Donnerstag in einem zweiten Anlauf an. Quelle: dpa
Bosch setzt auf Künstliche Intelligenz.
Miele enthüllt seinen ersten akkubetriebenen Handstaubsauger.
Siemens zeigt den ersten Backofen, dessen Tür durch Sprachsteuerung geöffnet werden kann.

Und hier positioniert sich Huawei taktisch geschickt. Die Harmony-Plattform, die derzeit noch nicht viel mehr ist als ein erster Demonstrator eines künftigen, potenziell sehr viel leistungsfähigeren Betriebssystems für vielfältigste mobile Geräte und vernetzte Bauteile im Internet der Dinge, wird der chinesische Konzern als Open-Source-Software allen interessierten Partnern lizenzkostenfrei zur Verfügung stellen. Vermutlich (auch) mit dem Hintergedanken, dass andere Hersteller das Betriebssystem übernehmen und damit eine so große Nutzerbasis entsteht, dass sich Harmony doch als Alternative zu iOS und Android etablieren könnte.

Dass Huawei dabei nicht bloß auf andere chinesische Unternehmen spekuliert, machte vor wenigen Tagen Huawei-Chairman Eric Xu im Gespräch mit dem Handelsblatt deutlich. „Wenn Europa sein eigenes Ökosystem für smarte Endgeräte hätte, würde Huawei es benutzen“, sagte Xu. Die Pläne diskutiere Huawei mit europäischen Firmen. „Ich gehe davon aus, dass wir die Details bis zum Ende diesen oder Anfang nächsten Jahres geklärt haben werden“, sagte Xu.

Ob es Huawei gelingt, tatsächlich ein Netz von Harmony-Partnern zu knüpfen, erst recht ein Netz, das auch Unternehmen in Europa einschließt, muss sich zeigen. Angesichts der Sorgen vor Spionage, denen sich das Unternehmen in Europa ausgesetzt sieht, gibt es Anlass zu Zweifeln. Aber zumindest sollte bis Jahresende klar sein, ob sich die europäischen Kunden tatsächlich für ein Highend-Smartphone begeistern, das ohne Googles Dienste auskommen muss.

Und es dürfte absehbar werden, ob das Sinnbild vom Blockhaus auf der IFA in diesen Tagen zutreffend ist und die Chinesen tatsächlich versuchen müssen, in der rauen Wildnis zu überleben.

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