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Huawei Mate 30 Das kann Huaweis erstes Handy ohne Google

Das neue Huawei Mate 30. Quelle: AP

Wegen der US-Sanktionen bringt Huawei sein Top-Handy Mate 30 ohne Google-Dienste auf den Markt. Ob die Kunden das akzeptieren, entscheidet über die Zukunft des Technikkonzerns. Wesentliche Fragen bleiben aber offen.

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Als Richard Yu am Donnerstagmittag in Halle A6 der Münchner Messe auf die Bühne tritt, wirkt es fast wie eine typische Vorstellung neuer Huawei-Smartphones: der Chef der Handysparte des chinesischen Kommunikationskonzerns im Fokus der Scheinwerfer, strahlend lächelnd, ein glänzendes Telefon in der Hand. Vor der Bühne eine Messehalle voll mit rund 1000 Journalisten und Tech-Bloggern, denen Yu die neuesten Finessen demonstriert.

Wieder einmal, das soll Yus fast zweistündige Präsentation belegen, hängt Huawei mit den Top-Modellen seiner neuen Mate-30-Serie die Konkurrenz von Apple bis Samsung ab. Schnellere 5-G-Funktechnik, ein strahlenderes Display, lichtstärkere Kameras, eine neue Super-Zeitlupe, 3-D-Raumvermessung, die Liste der Highlights zieht sich schier endlos hin. Schneller, besser, innovativer sein als die Konkurrenz, so kennt man das von Huawei, seit die Chinesen 2011 mit der eigenen Marke die Aufholjagd im Smartphone-Geschäft gestartet hatten. Und es spricht viel dafür, dass Yu das selbstgesteckte Ziel auch diesmal wieder erreicht.

Trotzdem ist in diesem Jahr alles anders. Das neue Mate 30, das Yu da ins Scheinwerferlicht hält, ist das erste Android-Handy der Oberklasse für westliche Kunden, das ohne Apps von Google auskommen muss. Im Frühsommer hatte US-Präsident Donald Trump den amerikanischen Technologieunternehmen ein Kooperationsverbot mit dem chinesischen Kommunikationskonzern auferlegt, dem er Spionage vorwirft.

Das ist Huaweis neues Top-Smartphone
Huawei hat am Donnerstag sein neues Top-Smartphone Mate 30 vorgestellt - dabei aber keine Angaben zur Verfügbarkeit der Geräte gemacht. Zugleich wurden bei der Präsentation in München nur Euro-Preise der Geräte genannt, was zumindest auf Pläne für eine Markteinführung in Europa hinweist. Die Geräte erscheinen - wir schon zuvor bekannt wurde - wegen der Sanktionen der US-Regierung ohne vorinstallierte Google-Apps. (Text:dpa) Quelle: dpa
Der Chef des Huawei-Verbrauchergeschäfts, Richard Yu, betonte in dieser Situation, die Mate-30-Smartphones seien Konkurrenz-Modellen von Apple oder Samsung überlegen, etwa bei der Geschwindigkeit des 5G-Datenfunks oder der Batterieleistung. Um die Lichtstärke der verbauten Vierfachkamera von Leica zu demonstrieren, präsentierte Yu auf der Bühne das Nachtbild einer Berglandschaft - als Vergleichsbild von einem Samsung Galaxy Note 10 war nur ein schwarzes Viereck zu sehen. Dabei wurde auch deutlich, wie sich Huawei an ein Leben ohne Google anpasst: „Man braucht keine anderen Foto-Apps“. Quelle: dpa
Als Alternative zu Googles App-Plattform Play Store präsentierte Huawei seine eigene „App Gallery“. Huawei muss es schaffen, dafür die App-Entwickler zu gewinnen. Der Konzern will eine Milliarde Dollar investieren, um das eigene App-Ökosystem anzukurbeln. Analystin Annette Zimmermann von der Marktforschungsfirma Gartner zeigte sich jedoch sehr skeptisch zu den Aussichten. Ohne Google-Apps habe das Gerät kaum Marktchancen in Deutschland und Europa, sagte sie. Dabei zeigte Huawei durchaus einige innovative Funktionen. So nutzt das Mate 30 eine Gesichtserkennung, um vertrauliche Benachrichtigungen nur dann einzublenden, wenn sein Nutzer darauf blickt. Taucht eine andere Person im Blickfeld des Telefons auf, werden die Informationen wieder versteckt. Außerdem wechselt die Bildschirmorientierung automatisch, weil die Kamera dafür auf die Position des Gesichts achtet. Quelle: dpa
Die Akkus des Mate 30 sollen schnell aufgefüllt werden können: Das Ladegerät mit Kabel hat eine Leistung von 40 Watt und das drahtlose dafür ungewöhnlich hohe 27 Watt. Für schnellen Datenfluss sollen 14 5G-Antennen sorgen. Das alles hat seinen Preis: Die 5G-Version des Mate 30 soll 1199 Euro kosten. Der Preis des Basismodells wurde auf 799 Euro angesetzt und beim Mate 30 Pro sind es 1099 Euro. Das Telefon läuft mit der neusten quelloffenen Version 10 des Google-Betriebssystems Android, auf die Huawei weiterhin zugreifen kann. Quelle: AP
Neben den Smartphones kündigte Huawei auch einen Fernseher und neue Computer-Uhren an. Diese sollen im Oktober auf den Markt kommen. Beim Mate 30 nannte Huawei unterdessen weder einen Termin noch die Länder. Yu bestätigte auch, dass das Auffalt-Smartphone Mate X im Oktober zunächst nur in China auf den Markt kommen wird. Quelle: AP

Seither war klar, dass Google nur noch ältere Huawei-Handys mit Android-Updates versehen, seine Version des Betriebssystems aber nicht mehr für kommende Huawei-Modelle lizenzieren darf. Modelle also wie das neue Mate 30, das Mate 30 Pro sowie den Premium-Ableger Mate 30 RS im Porsche Design. Geräte, die je nach Ausstattung zwischen 799 und 2095 Euro kosten sollen. Wann die neuen Smartphones in die deutschen Läden kommen sollen, möchte Yu hingegen – bei aller Opulenz der Präsentation – nicht verkünden.

Denn tatsächlich ist es, bei aller technologischen Exzellenz, vor allem eine Frage der Software, ob die neuen Mate-Modelle im Markt ankommen. Zugleich wird es der Lakmus-Test dafür, wie sehr Smartphone-Käufer – zumindest solche von Android-Telefonen – inzwischen von den Apps und Diensten des amerikanischen Internet-Konzerns abhängig sind.

Schließlich fehlen dem neuen Mate 30 nicht bloß die Apps für Gmail und Google Maps. Der Zugriff auf Googles Foto-App und das zugehörige Online-Album dahinter, sowie auf die Youtube-App ist nicht möglich, ebenso wenig auf Googles Musikdienst auf dem Gerät. Auch der Google Assistant und die Steuerung des vernetzten Heims mithilfe des Google-Home-Dienstes sind nicht verfügbar.

Dass sich das Mate 30 seinen Benutzern trotzdem in vertrauter Android-Optik präsentiert, liegt daran, dass – aller erzwungenen Google-Abstinenz zum Trotz – auch Huaweis neues Top-Modell auf dem bekannten Betriebssystem basiert. Allerdings einer besonderen Variante, die Android AOSP heißt. Es ist die lizenzfreie Version von Android, hinter der ein globaler Verbund von Entwicklungspartnern steht – das Android Open Source Project.

Wie geht es weiter mit Huawei ohne Google?

Diese Software kann jeder Elektronikkonzern frei verwenden, ungeachtet Trumps Kooperationsverbot. Allerdings fehlt der AOSP-Version, neben den genannten Apps, noch ein weiteres wichtiges Stück Google-Software. Es sind die sogenannten Google Play Services, ein ganzes Paket von Funktionen, die – für die Anwender unsichtbar – im Hintergrund dafür sorgen, dass sich Handynutzer beispielsweise bei anderen Apps mit Ihrem Google-Konto anmelden können. Oder, dass andere App-Entwickler die Google-Karten in ihre Smartphone-Programme einbinden können.

Daneben sorgen die Play-Dienste auch dafür, dass Handybesitzer ihre Benutzereinstellungen, von den installierten Apps bis zu den Passwörtern zu Webseiten, Apps oder WLAN-Basisstationen, in ihrem Google-Konto sichern können. Wem sein altes Telefon gestohlen wurde, wer es verloren oder beschädigt hat, oder schlicht von einem alten Android-Handy zu einem neuen umsteigt, kann deshalb beim ersten Start des neuen Gerätes ohne großen Aufwand alle Apps und Daten aus Googles Speichern wieder herstellen lassen.

Zugleich sind die Play-Services aber auch Googles große Datenstaubsauger. Sie ziehen – wenn wir uns auf Android-Telefonen mit einem Google-Konto anmelden – alle Informationen über unseren Tagesablauf, über besuchte Orte, Online-Suchabfragen oder verschickte SMS und E-Mails auf die Server des Netzkonzerns.

„Es gibt sicher eine Kundengruppe, denen es sogar ganz recht ist, Android nutzen zu können, ohne dabei von Google erfasst zu werden“, sagt Annette Zimmermann, Forschungsdirektorin und Mobilfunkexpertin beim Marktforscher Gartner, am Rande der Präsentation. „Aber ob das auch die Leute sind, die in Massen solche High-End-Telefone kaufen, da habe ich meine Zweifel.“

Umso mehr wird also die Frage, wie Huawei künftigen Besitzern der neuen Mate-30-Modelle (und künftiger Geräte) vergleichbare Funktionen anbieten kann, zum Überlebenskriterium für den Konzern – zumindest im westeuropäischen aber auch sonst im internationalen Smartphone-Markt. Dieses Geschäft steht nach Gartner-Berechnungen inzwischen für immerhin rund ein Viertel des gesamten Konzernumsatzes.

Die App-Strategie für den Westen

In China kommt Huawei seit Jahren ohne Google aus. Denn dort lässt die staatliche Zensur den Einsatz der US-Dienste ohnehin nicht zu. Dort existieren deshalb zu allen hierzulande beliebten Google-Apps mindestens so erfolgreiche chinesische Alternativen. Manche, wie die E-Commerce-Plattform WeChat, sind technisch ohnehin weit ausgereifter als ihre westlichen Pendants. Und so wundert es nicht, dass die Mates in China als erstes auf den Markt kommen – nächste Woche schon soll es dort soweit sein.

Um den Google-Boykott im Westen zu kompensieren, baut Huawei derzeit unter anderem seinen eigenen App-Store aus, der auf allen eigenen Handys bereits parallel zum Google Play Store installiert ist. Um die 45.000 Handy-Programme sind schon enthalten – darunter viele bereits heute im Google Play Store beliebte Anwendungen.

Dass das noch nicht reichen wird, ist aber auch den regionalen Produktentwicklern klar. „Aktuell sind in allen unseren wichtigen regionalen Märkten eigene Teams unterwegs, um auch Apps an Bord zu holen, die nur regional oder lokal relevant sind, die aber dort keiner missen möchte“, heißt es aus Huaweis europäischem Vertrieb. Konkret: Wenn das Mate 30 startet, sollen Handybesitzer darauf nicht bloß Facebook oder Tiktok installieren können, sondern beispielsweise auch die App des Münchner Verkehrsverbundes oder die Mediathek des Bayrischen Rundfunks.

Ansonsten bleibt Yu in München enttäuschend vage, was die App-Strategie im Westen angeht. Wichtige Kooperationspartner für zugkräftige Apps, bei vergleichbaren Neuvorstellungen sonst üblich, präsentiert Huawei nicht. Zu unsicher scheint die Strategie auch angesichts der Launen des US-Präsidenten, der mal Lockerungen der Sanktionen andeutet, mal den transpazifischen Streit eskaliert.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass Huawei selbst jetzt noch darauf setzt, dass sich der Konflikt entspannt und ein Marktstart in Europa doch mit Googles Diensten möglich wird. Dass das technisch problemlos möglich ist, belegen einige Demonstrations-Handys die nach der Präsentation zu sehen sind – und auf denen alle relevanten Google-Apps installiert sind.

Zugleich aber zwingt der Boykott Huawei zum Handeln: Und so haben die Chinesen die Huawei Mobile Services (HMS) entwickelt, eine Softwareplattform, die in ihren Funktionen mit Googles Play Services vergleichbar ist. Auch die HMS sollen es ermöglichen, sich bei unterschiedlichen Online-Diensten mit einem Nutzerprofil anzumelden, auch sie bieten die Möglichkeit, Apps und Benutzereinstellungen im Hintergrund zu sichern. Auf Huaweis Cloud-Servern, nicht auf denen von Google und voll verschlüsselt, wie Richard Yu auf der Bühne mehrfach betont.

Kann Huawei genug Entwickler überzeugen?

Huawei hat seinen mobilen Werkzeugkasten Googles Vorbild weitgehend nachempfunden, bis hin zur Möglichkeit, Nachrichten in Echtzeit aus dem Netz aufs Handy zu schicken oder das Telefon als digitale Geldbörse fürs mobile Bezahlen zu nutzen. Das Problem: Damit all diese Funktionen auch auf den neuen Mates funktionieren, müssen die Entwickler von Android-Apps ihre Handyprogramme um die Anbindung an Huaweis mobile Dienste erweitern.

Weltweit, sagt Yu, sollen bereits mehr als eine halbe Milliarde Menschen aus 140 Ländern Apps nutzen, die an die HMS-Funktionen andocken. Vor allem aber dürften das vor allem Menschen aus China sein, wo Google ja ohnehin keine Rolle spielt. Offiziell bestätigt das in München niemand, es widerspricht aber auch niemand vehement.

Damit sich die Entwicklergemeinde auch außerhalb der Volksrepublik für Huaweis Plattform erwärmt, will der Konzern tief in die Tasche greifen. Immerhin eine Milliarde Dollar werde man in den Aufbau eines breiten, weltweiten Entwickler-Ökosystems investieren, kündigt Yu auf der Bühne an – und bleibt dann aber doch jedes weitere Detail schuldig. Etwa, wann das Programm startet oder auch, wie leicht sich Google-optimierte Apps zusätzlich an die HMS-Plattform andocken lassen.

„Wir haben uns das schon mal näher angeschaut“, sagt Patrick Remy, Entwickler beim deutschen Softwarehersteller Divera. Das Unternehmen aus Wuppertal betreibt eine Plattform, über die Feuerwehren, Rettungsdienste und Katastrophenschutz Einsatzkräfte via Apple- oder Android-Smartphones alarmieren und dabei sofort erfassen können, welche Retter in welcher Zeit und mit welcher Qualifikation verfügbar sind.

Dabei mutieren die Smartphones der haupt- und ehrenamtlichen Helfer zum 2-Wege-Piepser, über den die Rettungskräfte sowohl aktiviert werden, als auch Rückmeldung geben können. „Bisher nutzen wir für die Echtzeitalarme auf Android-Handys Googles Firebase-Dienst“, sagt Remy. Um Alarme auch an Geräte wie die neuen Mates schicken zu können, müsste das Divera-Team, seinen Service auch an die HMS-Plattform anpassen. Das sei, so der Entwickler, nicht ganz trivial. „Ob sich der Aufwand lohnt, müssen wir prüfen.“

Es sind solche Spezialanbieter, die mit der Vielfalt ihrer Apps dafür gesorgt haben, dass sich Apples iOS-Betriebssystem und eben auch die Android-Plattform als Duopol im Handymarkt haben durchsetzen können. Und auch dafür, dass selbst ein früherer Branchenführer wie Blackberry oder ein milliardenschwerer Konzern wie Microsoft mangels ausreichender App-Angebote am Ende mit ihren eigenen Smartphone-Betriebssystemen BB10 und Windows Mobile gescheitert sind.

Ob nun ausgerechnet Huawei genügend Entwickler für sich gewinnen kann, ist also die entscheidende Frage, die auch an Ende der Zwei-Stunden-Schau in der Münchner Messe unbeantwortet bleibt.

Es sei „eher zweifelhaft, dass sich deutsche und internationale Kunden noch annähernd so sehr für die neue Mate-Generation begeistern, wie das bei jeder anderen Neuvorstellung von Huaweis Top-Telefonen der Fall war“, urteilt denn auch Gartner-Expertin Zimmermann, als Huawei-Frontmann Yu die Bühne verlassen hat. „Was er heute gezeigt hat, lässt mich eher skeptisch zurück.“

Nur eines sei klar: Die Aufholjagd, die Huawei in nicht mal einem Jahrzehnt auf Platz zwei des weltweiten Handygeschäfts gebracht hat, die ist bis auf Weiteres vorbei. Konkurrent Samsung, der im Frühjahr noch, vor Trumps Bann, beim weltweiten Smartphone-Absatz bereits in Schlagweite schien, ist erst einmal wieder enteilt. Und es gibt wenig Anlass anzunehmen, dass sich daran kurzfristig irgendwas ändert. Allen noch so beeindruckenden technischen Finessen der neuen Mate-Modelle zum Trotz.

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