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Insurtechs Alexa, versicher' mich!

Insurtechs: Versicherungen via Smartphone und Alexa Quelle: Getsafe: Friedemann Hertkrampf

Insurtechs wollen mobil und online den traditionellen Versicherungen Konkurrenz machen, aber auch Kooperationen nehmen zu. Über neue Dienste für Verbraucher, die Maschen der Anbieter und Policen via Smartphone und Alexa.

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Zwischen die Werbung für Lederstiefel und Reisen nach Australien hatte sich der Versicherer Coya in die Facebook-Timeline von Thomas Husse* gemogelt. Eine Hausratversicherung, die – das suggerierte zumindest die Werbung – so ganz anders sei. Modern, schnell, digital – und natürlich preiswert.

Husse war seit Monaten unschlüssig, welchem Anbieter er vertrauen sollte. Der kostenpflichtige Versicherungsvergleich, den der 49-jährige Angestellte für seine 100-Quadratmeterwohnung bestellt hatte, brachte als Ergebnis eine ihm unbekannte Versicherung. Die sich auf seine Anfrage nie meldete. Die Facebook-Werbung des Insurtechs aus Berlin, das erst seit Juni 2018 eine Versicherungslizenz der Finanzaufsicht Bafin hat, kam Husse da gerade recht. Nur wenige Klicks und er stand vor der Wahl – das extrem günstige Angebot einer Versicherung annehmen, deren Namen er noch nie gehört hatte, oder weiter hoffen, dass keiner einbricht, bis er sich für einen klassischen Anbieter entschieden hat. Coya lockte mit einer Versicherungsprämie von nur 3,83 Euro pro Monat. Für eine Versicherungsabdeckung in Höhe von 65.000 Euro, die er auf der mobilen Webseite von Coya errechnet hatte, noch dazu monatlich kündbar.

„Was soll schon passieren?“, dachte Husse, und hatte keine 15 Minuten später die Versicherung auf seinem Smartphone abgeschlossen. Erst später quälten ihn Fragen: Bin ich eigentlich wirklich versichert? Trotz des Pdf-Dokuments mit der Police, das er im Kundenportal heruntergeladen hatte? Auch die nächste Post von Coya ließ ihn stutzen: Als einer der ersten 500 Kunden bedankte sich das Startup mit einem kleinen Geschenk. Noch keine 500 Kunden? Was würde sein, wenn ein Versicherungsfall eintritt und die Carbon-Rennräder und die Stereoanlage aus dem Wohnzimmer gestohlen würden?

Tatsächlich erorbern sich die neuen Versicherungsangebote in kleinen Schritten etwas vom Markt der großen Traditionsversicherer. Unter dem Oberbegriff Insurtechs versammeln sich technologiegetriebene Start-ups im Versicherungssektor mit sehr unterschiedlichen Geschäftsmodellen. Einige Insurtechs wagten den Einstieg in das Versicherungsgeschäft zunächst als Online-Makler. So kamen Start-ups wie Knip, Getsafe und Clark mit digitalen Versicherungsordnern auf den Markt. Der Kunde hat so den Vorteil, mehr Übersicht über seine Versicherungen zu erhalten. Zugleich unterbreiten die Unternehmen Vorschläge für günstigere Alternativen.

Bei den Kunden punkten die Anbieter aber vor allem damit, dass sie ohne viel Papierkram und ohne Termine beim Berater auskommen. Es funktioniert auch auf dem Smartphone oder Tablet abends auf der Couch. In den Apps von Anbietern wie Knip genügen schon wenige Klicks, um einen digitalen Versicherungsordner für die eigenen Versicherungen zu erstellen.

Dem hohen Komfort steht aber oft noch ein gewisses Misstrauen gegenüber, und das teilweise zu recht. Beispielsweise ist die Nutzung einer App oft mit der Erteilung eines Maklermandats für den jeweiligen Anbieter verbunden. Nicht alle Insurtechs informierten ihre Kunden darüber in der Vergangenheit klar und eindeutig. Es kam zu Protesten von Maklerverbänden, Verbraucherschützern und Versicherungsunternehmen. Die Verbraucherschützer zweifelten zudem an der Beratungsqualität der Online-Makler. Die Platzhirsche reagierten verärgert: die Deutsche Vermögensberatung (DVAG), der deutsche Finanzvertrieb des italienischen Versicherungskonzerns Generali, griff 2016 in einer öffentlichen Stellungnahme die Insurtechs an. Und die Berliner Ideal-Versicherung kündigte die Zusammenarbeit mit ihnen auf.

Weniger Kunden als erhofft

Trotz dieser Probleme ist das Geschäftsmodell Online-Makler erfolgreich, aber das Marktpotenzial ist keineswegs unbegrenzt. Die Nutzerzahlen sind in den vergangenen Jahren zwar deutlich gewachsen, aber im Vergleich zu traditionellen Versicherern noch eher bescheiden. So zählt der deutsche Online-Makler „Clark“ mit etwa 100.000 Kunden Mitte 2018 bereits zu den größten Insurtechs europaweit.  Der digitale Versicherungsmakler Knip wurde 2017 von einem niederländischen Softwareunternehmen übernommen, nachdem sich die Wachstumshoffnungen nicht erfüllt hatten. Es ist erkennbar, dass bis jetzt nur eine Minderheit der Deutschen, meist jüngere Menschen, bereit sind, Versicherungen über das Smartphone abzuschließen. Ein weiteres Problem der Makler dürfte sein, dass sie oft keine Schadenregulierung per App anbieten, weil dafür die Versicherer kontaktiert werden müssen. Knip und Clark etwa nehmen immer den Schadenfall auf, leiten ihn zur Regulierung dann aber an die Versicherer weiter.

Nach den ambivalenten Erfahrungen der Online-Makler wandten sich Insurtechs in den vergangenen Jahren verstärkt neuen Geschäftsfeldern zu. So ist das Start-up Getsafe, ursprünglich als reiner Makler gestartet, nun selbst Versicherer. Der Altersdurchschnitt der Kunden liegt bei 29 Jahren, in der Gruppe der 24 bis 29 Jährigen belegt Getsafe unter den Erstversicherern den ersten Platz mit einem Marktanteil von fast zehn Prozent. Dieses Geschäftsmodell scheint also durchaus Potenzial zu haben.

Peer-to-Peer: Mit Gruppentarifen Geld sparen

Ein weiteres neues Geschäftsfeld sind Peer-to-Peer Versicherungen. Dabei schließen sich Versicherungskunden zusammen und günstigere Gruppentarife bei traditionellen Versicherern zu bekommen. Von den Versicherungsbeiträgen fließt ein Teil in eine Rücklage der Gruppe, aus der beim Ausbleiben von Schäden jeder Versicherte am Ende des Jahres etwas zurück erhält. Der Versicherte hat also den Vorteil eines günstigen Tarifs und einer möglichen teilweisen Beitragsrückerstattung bei gleichzeitig voller Abdeckung im Schadensfall wie bei einem Einzelvertrag.

In Deutschland ist Friendinsurance der wichtigste Peer-to-Peer-Anbieter.  Friendinsurance gibt an, dass bei Schadensfreiheit in der Kfz-, Hausrat-, Haftpflicht- oder Rechtsschutzversicherung bis zu 40 Prozent der Beiträge zurückerstattet werden können.

*Name von der Redaktion geändert

Geräteversicherungen als lukrative Nische

Ein weiteres interessantes Geschäftsfeld für Insurtechs sind zeitlich befristete Verträge anhand besonderer Anlässe, beispielsweise beim Kauf eines Produktes. Unter der Marke „Schutzklick“ verkauft die simplesurance GmbH aus Berlin Versicherungen für Elektronik wie Smartphones, Laptops, Computer, Fernseher aber auch Fahrräder, Kameras und Musikinstrumente. Das Unternehmen lockt Kunden auf seiner Homepage mit der Aussage  „Wir brauchen von Dir keine Anträge und Du musst keine langen Formulare ausfüllen.“

Für eine Versicherung von Smartphones und Laptops braucht es auch wirklich nur die Produktbezeichnung, Seriennummer und Adresse des Versicherungsnehmers. Ein Versicherungsabschluss für elektronische Geräte ist bis zu drei Monate nach dem Kauf möglich. Vorteil: Die Versicherung läuft nach 36 Monaten automatisch aus. Im Schadensfall sorgt Schutzklick selbst für die Regulierung, also die Reparatur oder Kaufpreiserstattung, normalerweise verbunden mit einer Selbstbeteiligung.

Den eigentlichen Versicherungsschutz tragen jedoch Kooperationspartner wie die Allianz, die Arag oder die Mannheimer. Anbieter wie Schutzklick machen vor allem den Versicherungsabschluss sowohl über Smartphone als auch Laptop für den Kunden bequem und zeitsparend. Die untersten Preise bei Smartphones liegen bei 35 Euro für einen Jahresvertrag und steigen entsprechend dem Kaufpreis.

Angebote werden allmählich anspruchsvoller

Das Segment der kurzfristig abschließbaren Elektronikversicherungen zeigt, dass Insurtechs in Geschäftsfeldern besonders erfolgreich sind, in denen sich die traditionellen Versicherer bisher weniger engagiert haben. Allerdings ändert sich dies bereits: nun bieten auch etablierte Versicherer zunehmend eigene Elektronikversicherungen an. Aber auch in recht komplexe und erklärungsbedürftige Versicherungssparten wie die Krankenversicherung wagen sich Start-ups, wie das Beispiel des Onlinekrankenversicherers Ottonova zeigt.

Anfangs war das Verhältnis zwischen Insurtechs und den traditionellen Versicherungen vor allem durch Konkurrenz geprägt. Die Insurtechs wurden von vielen in der Versicherungsbranche misstrauisch beäugt. Das ursprüngliche Gegeneinander ist in den letzten Jahren aber zunehmend zu einem wohlkalkulierten Miteinander geworden, da die etablierten Versicherer nicht vom Markt verschwinden werden. Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Verbandes der deutschen Versicherungswirtschaft, bleibt daher gelassen:  „Insurtechs werden etablierte Anbieter auf absehbare Zeit nicht verdrängen. Sie besetzen aber wichtige Nischen: Die Anbieterlandschaft differenziert sich weiter aus.“

Alt und neu brauchen sich gegenseitig

Die Versicherer sind bestrebt, das digitale Know-how und die innovativen Ideen der Start-ups in ihre Unternehmensprozesse einzubinden. Viele Insurtechs sind auch deswegen auf Kooperationen angewiesen, da sie wegen fehlender Lizenzen nicht selbst Versicherungen verkaufen können. Zudem können sie von der Finanzstärke, der Marktkenntnis und den meist umfangreichen Kundenbeziehungen der etablierten Versicherer profitieren.

Gleichzeitig beteiligen sich immer mehr etablierte Versicherer und Finanzinvestoren an Insurtechs. So erhielt Simpleinsurance 20 Millionen Euro von der Allianz sowie Rakuten, dem führenden japanischen Online-Marktplatz. Clark akquirierte 2018 in einer Finanzierungsrunde 29 Millionen Dollar von internationalen Investoren. Und Ottonova überwiesen mehrere deutsche Investoren zum Start 40 Millionen Euro.

Die nächste Police vom Sprachassistenten

Manche Insurtechs und Versicherungen planen nun den Verkaufsprozess weiter zu digitalisieren, und zwar durch Sprachassistenten wie Alexa. Bei der Deutschen Familienversicherung ist das bereits seit Oktober 2018 Realität. Stefan Knoll, Gründer und CEO der Deutsche Familienversicherung: Durch unser hochmodernes IT-System ist es uns endlich gelungen, den volldigitalen Abschluss über Amazons Alexa Realität werden zu lassen. Der Kunde kann sich nun nicht mehr nur von Alexa beraten lassen, sondern zeitgleich, innerhalb weniger Sekunden, eine Versicherung abschließen.“ Auch bei der Allianz kann man sich den Einsatz von Alexa vorstellen, aber bis jetzt nur bei eher einfachen Funktionen wie Standardinfos über Produkte oder der Suche nach einem Versicherungsvertreter.

Allerdings wirft der Einsatz von Sprachassistenten die Frage auf, ob dies im Sinne des Verbraucherschutzes ist. Eine individuelle Beratung ist durch Alexa wohl auch in Zukunft kaum möglich, geschweige denn die Aufklärung über die Bedingungen des Versicherungsvertrages. Zudem gibt es bei Alexa auch ein relativ hohes Datenschutzrisiko, auf das Verbraucherschützer immer wieder hingewiesen haben. So stehen beispielsweise die Server für Alexa nicht in Deutschland, sondern in den USA mit ihrem niedrigen Datenschutzniveau. Zudem gibt es erste Berichte über falsche Bestellungen, die Alexa aufgenommen und weitergeleitet hat.

Wenn der frischgebackene Abiturient überraschend eine Sterbegeldpolice erhält, wird er sich bei Alexa wohl kaum darüber beklagen können.

Für Thomas Husse lief es mit seiner Hausratversicherung von Coya immerhin ganz gut. Einige Tage nach Abschluss kontaktierte er die Versicherung per Chat. Zu seiner Beruhigung reagierte Coya prompt. Nein, die Versicherungssumme sei ausreichend, ja, die Fahrräder seien im Wohnraum mitversichert und ja, er könne gerne ein Inventarliste hochladen, wenn es ihm lieber wäre. Gerne auch mit Fotos. Husses Nervosität verschwand.

Er war auch nicht mehr überrascht, als er die nächste Mail von Coya erhielt: Ob er damit einverstanden sei, dass man seinen Schadenfreiheitsbonus in Höhe von fünf Prozent seiner gezahlten Beträge – also etwa 50 Cent - an einen guten Zweck spende. Noch ist kein Schadensfall eingetreten und weiter offen, was dann passiert. „Aber als Kunde fühle ich mich zumindest gut aufgehoben“, sagt Husse heute.

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