WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Internet Anfang vom Ende der Anonymität

Mausibär75 adé. Noch tummeln sich die meisten Internetnutzer unter dem Schutz anonymer Pseudonyme. Das größte Onlinespiel will das nun verbieten. Ein Kulturwandel hat begonnen, an dessen Ende steht Identifizierbarkeit statt Anonymität.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Ende der Anonymiät? Quelle: REUTERS

Die Meldung klingt zunächst nach einem exklusivem Problem für Computerspieler: Der Anbieter des erfolgreichsten Online-Spiels „World of Warcraft“ will künftig in seinem Forum nur noch Einträge unter echtem Namen erlauben. Viele Spieler sind empört und fürchten, bald für jeden googelnden Personalchef als Liebhaber virtueller Schlachten mit Elfen, Trollen und Magiern identifizierbar zu werden. Denn obwohl selbst viele der heutigen Führungskräfte mit C64,  Amiga und Playstation groß geworden sind, werden Computerspiele von vielen Nichtspielern immer noch mit Amokläufern und realitätsfremden Nerds assoziert.     

Doch hinter dem Streit um Warcraft findet sich eine viel tiefer gehende Debatte: Wie viel Anonymität soll es künftig im Internet noch geben? Der Streit um die Nutzung von Klarnamen oder Pseudonymen ist zwar so alt wie das Internet selbst. Doch jetzt zeichnet sich ein Kulturwandel ab. War es bislang völlig selbstverständlich, sich im Internet unter dem Schutz eines Nicknames auf den ersten Blick weitgehend unidentifizierbar bewegen zu können, wird die Verwendung des echten Namens zur neuen Normalität.

"Das Internet wird erwachsen"

„Es ist wie ein Lernprozess“, sagt die wohl bekannteste US-Bloggerin Arianna Huffington, „so wie sich die Verkehrsregeln ändern und das Internet erwachsen wird, geht der Trend von der Anonymität weg.“

Sie überlegt derzeit, die Kommentarregeln in ihrer „Huffington Post“ zu verändern und auch andere Medien, wie die „Washington Post“ oder die „New York Times“ überlegen Registrierungen zur Pflicht zu machen und Klarnamen zu bevorzugen. In Deutschland verlangt die „Badische Zeitung“ seit Februar von ihren Nutzern, bei Online-Kommentaren Vor- und Nachnamen zu nennen.    

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Der vielleicht wichtigste Treiber dieser Entwicklung sind soziale Netzwerke wie Facebook, StudiVZ oder Xing. Dort ist es üblich oder zum Teil Pflicht, sich mit seinem Klarnamen anzumelden. Zwar finden sich auch bei Facebook zahlreiche Fantasienamen, doch die Seite behält es sich vor, Fakeprofile zu entfernen.   

    Seriosität statt Pseudonym

    Zudem gibt es immer mehr Nutzer, die bewusst unter ihrem echten Namen im Internet auftreten. „Auf obskuren Nutzernamen gebildete Profile interessieren mich immer weniger“, schreibt der Gründer des Videoportals Sevenload, Ibrahim Evsan. Viele Blogger äußern sich ähnlich. Da sie zumindest über das Impressum identifizierbar sind, wollen sie auch im Falle persönlicher Kritik wissen, mit wem sie es zu tun haben, argumentiert Martin Weigert in seinem Blog Netzwertig.

    „Seit einigen Jahren vollzieht sich ein Wandel im Web – aus dem, was einmal dem Wilden Westen glich, wird zunehmend ein professionelles, seriöses Umfeld, in dem User sich nicht länger hinter Pseudonymen verstecken“, schreibt Weigert. Ein wichtiger Treiber dabei ist auch der Trend zur Selbstvermarktung im Internet. „Personal Branding“ wird immer wichtiger und viele Nutzer versuchen bewusst durch die Nutzung zahlreicher Social-Media-Plattformen, eigene Blogs und Kommentare ihr Profil im Netz so positiv wie möglich zu präsentieren – natürlich unter dem Klarnamen.

    Neben diesem kulturellen Wandel führen technische, wirtschaftliche und politische Entwicklungen dazu, dass in Zukunft Identifzierbarkeit statt Anonymität zur Regel werden dürfte.

    Vor allem Facebook breitet sich immer weiter über das Internet aus. Mit dem Dienst „Facebook Connect“ können sich Nutzer auch auf anderen Webseiten anmelden und mit ihren Facebook-Freunden austauschen. Auch andere Anbieter versuchen, die verschieden und durch das Web2.0 immer mehr gewordenen Online-Identitäten zusammenzuführen. Dem Nutzer erspart das immer neues Anmelden, Unternehmen können das so weiter wachsende Wissen über ihre Kunden besser vermarkten.    

    Auch Politiker und Sicherheitsbehörden sind bestrebt, Internetnutzer öfter einfacher identifizieren zu können. „Eine schrankenlose Anonymität kann es im Internet nicht geben“, erklärte beispielsweise Innenminister Thomas de Maiziere in seinen „14 Thesen zu den Grundlagen einer gemeinsamen Netzpolitik der Zukunft“. Diese Selbstverständlichkeit als Grundsatzthese aufzubauen lässt für Constanze Kurz vom Chaos Computer Club „wohl nur die Deutung zu, dass in Zukunft der anonyme Zugang noch weiter eingeschränkt werden soll.“

    Identifizierung per elektronischem Personalausweis

    Ein Schritt dahin wird die Einführung des elektronischen Personalausweises. Damit soll es auch möglich sein, sich über ein Lesegerät am Computer bei Bankgeschäften oder dem Einkauf im Internet eindeutig zu identifizieren. Auch die Einführung der De-Mail, der neuen rechtsverbindlichen elektronischen Kommunikation, geht in diese Richtung. Die kürzlich gestartete Registrierung erfolgt nach dem Prinzip vorname.nachname@gmx.de-mail.de. Pseudonyme sind zwar möglich, werden jedoch durch ein vorangesteltes „pn“ für pseudonym kenntlich gemacht. Die Zeiten von Mausibär75 & Co. sind also auch bei der neuen Form der Mail bald vorbei.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Das alles hat für Nutzer natürlich auch viele Vorteile: gerade bei allen Geldgeschäften kann Missbrauch so deutlich erschwert werden. Doch wie bei allen technischen Neuerungen ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie von der Option zur Notwendigkeit werden. Wenn die Möglichkeit erst einmal vorhanden ist und die Nutzer die Vorteile größerer Sicherheit schätzen, werden immer mehr Anbieter eindeutige Identifikationsverfahren einführen. Dann wird man sich auch bei vermeintlich harmlosen und weniger sicherheitsrelevanten Angeboten eindeutig identifizieren müssen. Je mehr Nutzer das freiwillig tun, umso schneller kommt das Ende der Anonymität im Internet.

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%