Internet-Boulevard-Portal Heftig.co-Gründer setzen auf pure Emotionen

Exklusiv

Im exklusiven Interview mit der WirtschaftsWoche sprechen die Heftig.co-Gründer erstmals über das Geschäftsmodell hinter ihrer Plattform. Künftig wolle man auch mit Online-Werbung Geld verdienen, kündigen Michael Glöß und Peter Schilling an.

Wie Heftig, Buzzfeed & Co. auf Leserfang gehen
Die Portale setzen auf emotionale Themen – dafür stehen Überschriften wie „Seine Mama ist an Krebs erkrankt. Also hat er etwas gemacht, das mich unglaublich berührt hat“ oder Doppelt niedlich: Katze streichelt weinendes Baby in den Schlaf. Quelle: REUTERS
Haustiere sind niedlich, aber Katzenbabys sind die Stars des Internets. Unterbewusst wissen wir, dass "Catcontent" peinlich, aber eben auch unglaublich süß ist - und klicken beinahe automatisch auf Geschichten, die mit einem Katzenbaby angepriesen werden. Quelle: AP
Auch Kuriositäten ziehen, etwa „24 Tiere, die Yoga machen“ oder „Er wog 560 Kilogramm: Der schwerste Mann der Welt ist tot“. Geben Sie es zu: An dieser Stelle hätten Sie lieber ein Foto von einem Katzenbaby in einer Yoga-Position gesehen. Quelle: dpa
Was nicht emotional oder skurril ist, berührt häufig den Alltag der Leser. Kostprobe: „ Diese Bilder zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedlich 200 Kalorien aussehen können“. Zu sehen ist eine Galerie mit Lebensmitteln von Äpfeln bis Gummibärchen. Quelle: dpa
Alle Portale setzen extrem auf klickoptimierte Überschriften. Dahinter verbergen sich indes meist dürre Artikel, in die eine Bildergalerie oder ein Youtube-Video eingebunden ist. Oft sind die Themen nicht aktuell, sondern geistern schon länger durchs Netz. Quelle: Screenshot
Die Portale locken viele Leser über soziale Netzwerke auf ihre Artikel – je häufiger ein Link geteilt wird, desto besser. Dementsprechend sind die Überschriften darauf getrimmt, dass die Nutzer sie gerne weiterverbreiten. Quelle: dpa

Die Gründer des neuen Internet-Portals Heftig.co. wollen sich konsequent von den vorhandenen Nachrichten-, Magazin- und Boulevard-Portalen absetzen. „Wir betreiben keinen Journalismus“, sagten Michael Glöß und Peter Schilling der WirtschaftsWoche in ihrem ersten Interview nach Bekanntgabe ihrer Identität. „ Keine Politik, keine Wirtschaft, keine Celebrities. Unsere Fans wollen keine Nachrichten. Bei uns geht es also um pure Emotion und Empathie.“ Als Zielgruppe von Heftig.co sehen Glöß und Schilling weibliche Nutzer eher jüngeren Alters, die bisher kaum Medien konsumieren. „Das sind, salopp gesagt, Frauen im Alter zwischen 25 und 45 Jahren, die eigentlich nicht medienaffin sind“. Diese seien „sehr neugierig darauf, wie es anderen echten Menschen in vergleichbaren Lebenssituationen ergangen ist. Wie zum Beispiel andere Leute ihre ganz persönlichen Krisen bewältigen, Happy End inklusive“. Fans von Heftig.co wollten per Klick im Internet „ihr ehrlich empfundenes Mitgefühl ausdrücken“.

Heftig.co ist für seine Nutzer fast ausschließlich über Facebook erreichbar. Die Inhalte bestehen zumeist aus persönlichen Erlebnissen sowie Tiergeschichten und sprechen die Nutzer über gezielt emotionale Überschriften an. Damit ist es Heftig.co. gelungen, innerhalb von fünf Monaten die führenden Portale auf Facebook wie Bild.de und Spiegel Online zu überholen.

Gründer zielen gegen Google

Die beiden Gründer von Heftig.co zielen mit ihrem Internetportal, das fast ausschließlich über Facebook zu erreichen ist, gegen Google. Damit wollten sie „beweisen, dass man auch ohne Google und Suchmaschinenoptimierung eine stark besuchte Internet-Seite aufbauen kann“, sagten Michael Glöß und Peter Schilling der WirtschaftsWoche. In der gegenwärtigen Debatte um die Marktmacht von Google gehe es um die Frage, ob es jenseits von Google digitale Content-Formate und lukrative Geschäftsmodelle gebe, die ohne Google funktionieren. „Wir haben mit Heftig.co bewiesen, dass es sogar komplett ohne Google geht“, so Glöß und Schilling. „Der gesamte Traffic kommt bei uns von Facebook.“

Dabei wollen es die Heftig.co-Gründer nach eigenen Angaben auch belassen. Auf die Frage, ob sie auch andere Internetportale bespielen wollten, sagten Glöß und Schilling: „Nein, nur Facebook.“ Mit den anderen Plattformen hätten sie sich „nicht sonderlich“ beschäftigt. „Es ist ja auch nicht viel los bei Google+, das wird vor allem für Hangout-Videokonferenzen genutzt. Twitter wiederum hat nicht die Zielgruppe, die wir ansprechen wollen – das ist eher eine kleine Avantgarde.“

Was die Deutschen im Internet suchen
Der Begriff Miete wurde in den Monaten Januar bis August 2013 deutlich häufiger gesucht als noch vier Jahre zuvor. Die Steigerung liegt bei 79 Prozent. Die steigenden Mietpreise in den Städten werden für nicht wenige Bürger zum Problem. Fast alle Parteien haben sich daher bereits für eine Mietpreisbremse nach der Wahl eingesetzt. Die Wohnungsbaugesellschaften stellen sich dagegen. Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor der Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber in Bad Mergentheim auf einer Tischtennisplatte. Auch die Zuwanderungspolitik scheint die Deutschen mehr zu beschäftigen. Der begriff Asyl wurde jedenfalls 64 Prozent häufiger bei Google gesucht als noch vor vier Jahren. Quelle: dpa
Ebenfalls eingeschlagen hat die Debatte über die niedrigen Gehälter in etlichen Branchen - von Taxifahrern über die Fleischindustrie bis hin zu den Pflegeberufen. Die Google-Suche nach dem Wort Mindestlohn hat zumindest um 52 Prozent zugenommen. Quelle: dpa
Ob Hochschulen und Universitäten Studiengebühren erheben, ist nach dem föderalen System in Deutschland Ländersache. Für künftige Studierende kann der Wegfall von Studiengebühren zum entscheidenden Kriterium werden. Entsprechend häufig wird der Begriff gesucht - 2013 um 40 Prozent häufiger als vor der vergangenen Bundestagswahl. Quelle: dpa
Die stark schwankenden Benzinpreise beschäftigen die Bundesbürger ebenfalls. Auch dieser Begriff wurde häufiger gesucht als 2009. Die Steigerung liegt bei 27 Prozent. Quelle: dpa
2013 hat für gesetzlich Versicherte gut angefangen: Die bürokratische Praxisgebühr von zehn Euro pro Arztbesuch pro Quartal wurde zu Grabe getragen. Doch die Neuregelung bei der Praxisgebühr scheint viele Bundesbürger verwirrt zu haben. Der Begriff wurde zu 24 Prozent häufiger gesucht als vor vier Jahren. Quelle: dpa
Die Sorge um die Lücke in der Altersvorsorge scheint die Menschen auch 2013 weiter stark beschäftigt zu haben. Bei Google wurde das Wort Rente mit einem Plus von 20 Prozent deutlich häufiger gesucht als 2013. Quelle: dpa

Bisher aus Eigenmitteln finanziert, künftig Werbung

Die beiden Gründer des neuen Internetportals Heftig.co wollen künftig mit Online-Werbung Geld verdienen. „Bisher haben wir uns aus Eigenmitteln finanziert“ sagten Michael Glöß und Peter Schilling der WirtschaftsWoche. „Wir verhandeln aktuell mit Online-Vermarktern, um das Geschäft mit der Online-Werbung zu professionalisieren – aber langsam und behutsam“. Bisher habe Heftig.co nur „mit ganz wenig Google-Werbung“ auf der Web-Site experimentiert. Ihren Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Internet-Portalen sehen Glöß und Schilling darin, das sie mit ihrem Gesprächsstoff „direkt in die laufende Konversation“ der Nutzer eingriffen. Persönlicher er gehe es nicht, so die Plattform-Gründer. „So weit konnten bislang weder klassische Medien noch Werber vorstoßen.“

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