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Internet im Homeoffice „Ich fürchte eine Mehr-Klassen-Gesellschaft“

Uwe Peter, Deutschland-Chef des amerikanischen Netzwerkspezialisten Cisco Quelle: PR

Cisco-Deutschland-Chef Uwe Peter sieht Deutschland für eine Verschärfung der Homeoffice-Regeln gerüstet. Das Netz stecke das locker weg. Weniger gelassen blickt er auf den digitalen Schulbetrieb.

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Uwe Peter, 54, kam nach einem Elektrotechnikstudium und Stationen bei Siemens 1999 zu Cisco. Seit Januar 2019 leitet er das Deutschlandgeschäft des weltweit tätigen Anbieters für IT- und Netzwerkinfrastruktur.

Herr Peter, wie viel Homeoffice verträgt eigentlich das deutsche Internet?
Uwe Peter: Stillstand droht ganz sicher nicht. Im vergangenen Frühjahr haben wir eine Zunahme des Datenverkehrs in Deutschland um nur rund 20 Prozent im Transportnetz verzeichnet, dem sogenannten „Backbone“. Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass der Verkehr bei einem Großevent wie beispielsweise der Fußball-WM 2014 auch mal um 50 bis 100 Prozent steigen kann.

Die Wahrnehmung vieler Menschen war aber eine andere. Im vergangenen Frühjahr klemmte es an vielen Stellen. Ist das jetzt anders?
Wir hatten zwei Engpässe, einer ist heute behoben, einer nicht. In den Rechenzentren und bei den Cloud-Dienstleistern wurde die Kapazität hier und da knapp. Wir bei Cisco haben beispielsweise eine Vervierfachung der Last auf unserem Cloud-Angebot Webex binnen kürzester Zeit erlebt. Die ist übrigens bis heute nicht mehr zurückgegangen. Den gesteigerten Bedarf hatten wir nach ein paar Wochen im Griff.

Und der andere Engpass ...
... der bis heute besteht, ist der sogenannte „Access“. Das ist das Zugangsnetz, über das die Menschen online gehen. Das war und ist bis heute vielerorts nicht fürs Homeoffice gerüstet. Nicht einmal 60 Prozent der Festnetzanschlüsse im ländlichen Raum haben hierzulande 100 Megabit pro Sekunde, sehr viele sehr viel weniger. Da ist es kein Wunder, wenn es beim mobilen Arbeiten manchmal hakt.

Wer hat Schuld daran?
Klare Schuldzuweisungen sind schwierig. Innerhalb eines Jahres lässt sich das Access-Netz nicht für eine Republik im Homeoffice nachrüsten. Dabei hat sich das deutsche Netz in der Coronakrise noch ziemlich gut geschlagen. Wir analysieren regelmäßig die Qualität der Internet-Infrastrukturen weltweit. Und da liegt Deutschland weltweit auf einem sehr guten achten Platz.

Eine weitere Verschärfung der Pandemieregeln, eine Homeoffice-Pflicht gar, würde daran auch nichts ändern?
Es würde die Situation jedenfalls nicht verschlechtern. Die Lage bei den Hausanschlüssen verbessert sich nur langsam. Und hinten im Netz reichen die Kapazitäten.

Und wenn schlagartig Millionen von Schülerinnen und Schülern auch noch komplett zu Hause lernen?
Das Problem ist auch hier der Netzzugang. Nicht so sehr bei den Schulen. Da haben wir in den vergangenen Monaten in einem Kraftakt landesweit Tausende auf die Schulplattform von Webex gebracht. Sondern bei den Schülerinnen und Schüler: Da steuern wir auf eine Mehr-Klassen-Gesellschaft zu, die ich viel problematischer finde als die Frage, ob nun jeder Haushalt sofort einen Glasfaseranschluss braucht.

Inwiefern?
Es gibt Kinder und Jugendliche, die haben schnelles Netz und gute Technik und oft auch noch eine gute Förderung daheim. Dann gibt es viele, da sind Onlinetempo und Computer irgendwie passabel. Und dann gibt es hierzulande noch immer viel zu viele Kinder, die maximal ein Smartphone mit 3G haben, um dem Unterricht zu folgen. Die bleiben in Coronazeiten bildungsmäßig auf der Strecke. An der Stelle muss mehr passieren, um mithilfe digitaler Technologie gleiche Chancen für alle zu ermöglichen. Und es muss schnell passieren.

Als Infrastrukturanbieter zählt Cisco eher zu den Coronagewinnern, oder?
Wir mussten eher damit kämpfen, die enorme Nachfrage zu befriedigen. Und wir merken sehr deutlich, dass Corona auch den Innovationsdruck in der deutschen Netzwelt massiv erhöht hat. Sei es bei den Investitionen in den Glasfaserausbau oder in den Aufbau von 5G-Infrastrukturen. Wenn es so etwas wie eine positive Nebenwirkung von Corona gibt, dann ist es der immense Digitalisierungsschub, den es uns gebracht hat – den Unternehmen genauso wie den Privatleuten.

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Ist das nicht etwas zu euphorisch? Nicht jeder, der einen Video-Call abhält, hat deshalb wirklich sein Geschäft digitalisiert. Und der massenhafte Umzug ins Homeoffice hat viele Probleme bei der Sicherheit mit sich gebracht.
Das ist richtig und doch nur ein Teil der Wahrheit. Natürlich gab es beispielsweise Sicherheitsprobleme. Aber bei weitem nicht so dramatisch, wie es der Umbau der Arbeitsstrukturen hätte erwarten lassen und wie wir es befürchtet haben. Die Anzahl der Attacken ist 2020 nicht stärker gestiegen als üblich, nur „Corona“ war neues Top-Thema bei Phishing und Schad-Software. Die Entwicklung war aber auch ein Katalysator für grundlegende Sicherheitsprinzipien, wie die altbekannte Zwei-Faktor-Authentifizierung beim Anmelden im Netz. Die ist zwar noch immer nicht flächendeckend etabliert, aber heute weiter verbreitet als noch vor einem Jahr. Da wären wir ohne Corona sonst vermutlich in ein paar Jahren noch nicht.

Mehr zum Thema: In einem weiteren Interview spricht der Deutschland-Chef von Cisco über die Bedeutung der Digitalisierung für eine neue Normalität in der Wirtschaft.

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