WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Internet in der Bahn Turbo-Internet im Zug kommt mit Verspätung

Surfen in der Bahn ist eine Qual. Bahn und Netzbetreiber wollen das ab 2016 ändern. Doch die Technik dafür gibt es noch gar nicht.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Ein Mann sitzt mit Laptop in einem ICE der Deutschen Bahn. Quelle: REUTERS

Anfang Juli war Urs Mörgeli per ICE Richtung Rheinland unterwegs. „Es war wie in einem Entwicklungsland“, schimpft der Manager eines Schweizer Mobilfunkanbieters, der deutsche Netzbetreiber besuchte. Dabei schlug er sich weder mit defekten Klimaanlagen noch Zugausfällen herum. „Ich wollte im Internet arbeiten, doch das Netz war entweder gar nicht da oder quälend langsam“, sagt der Funkspezialist. „Es war zum Heulen.“

Mörgeli heißt nicht wirklich so. „Ich muss ja mit den Kollegen noch zusammenarbeiten“, sagt er und will aus diesem Grund anonym bleiben. Doch was er beschreibt, ist nervtötende Realität für Zigtausende Reisende in der Deutschen Bahn: stockende Telefonate und ruckeliges Internet. Nur 84 bis 89 Prozent der Anrufe aus Zügen kommen überhaupt an, ermittelten die Tester der Aachener P3 Communications für das Fachmagazin „Connect“. Webzugriffe gelingen in gerade 50 bis 63 Prozent der Fälle. In Städten sind dagegen Werte bis zu 99 Prozent drin.

In Deutschland rächt sich, dass verlässliche Sprach- und Onlineverbindungen für Deutsche-Bahn-Chef Rüdiger Grube lange keine Priorität hatten. Als die Bahn beispielsweise 2011 einen Teil der ICE-Flotte komplett sanierte, verzichtete das Unternehmen auf den Einbau von WLAN im Zug – und musste später teuer nachrüsten.

Denn die neue Fernbus-Konkurrenz auf der Straße legte vor: Anbieter wie MeinFernbus, FlixBus und Postbus bieten seit 2013 WLAN gratis an. Die Bahn fährt bis heute hinterher. Freies Internet gibt es nur in der 1. Klasse im ICE. Reisende in der 2. Klasse zahlen knapp fünf Euro für den Tagespass – und sind doch nur langsam im Netz unterwegs.

Kollektiver Nachrüstungsbeschluss

Inzwischen, immerhin, hat die Bahn erkannt, dass sie im Digitalzeitalter nachlegen muss. In zwei Konsortien rüstet der Konzern nun mit den Mobilfunk-Netzbetreibern ICE-Trassen und -Waggons mit moderner Funkinfrastruktur nach. Insgesamt stecken Bahn und Mobilfunker einen hohen zweistelligen Millionenbetrag in das Nachrüstprojekt, kalkulieren Branchenexperten.

Das ist bitter nötig, bisher hat die Bahn vor allem Technik installiert, die für Telefonate optimiert ist, nicht aber für Onlinezugriffe. Nun erweitern Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica (O2/E-Plus) entlang der ICE-Trassen eigenständig ihre Netze. In den Tunnels installieren sie unter Federführung von Vodafone moderne LTE-Funktechnik, die alle gemeinsam nutzen.

So vertreiben sich Pendler die Zeit
Gut gerüstet96 Prozent der Befragten verfügen über ein Smartphone. 42 Prozent der befragten Pendler besitzen zusätzlich ein Tablet. Nur vier Prozent der Pendler sind ausschließlich mit einem Tablet ausgestattet. Quelle: dpa
Das Tablet versüßt lange FahrtenWer ein Tablet hat, zieht dies am liebsten auf langen Zugfahrten aus der Tasche (85 Prozent). Auf kürzeren Strecken im öffentlichen Nahverkehr kommen die Geräte nur bei 45 Prozent zum Einsatz. Für den Blick aufs Smartphone hingegen scheint immer Zeit zu sein. Auf kurzen Strecken im öffentlichen Nahverkehr gucken 90 Prozent mindestens einmal auf ihr Smartphone, 87 Prozent tun dies auch auf längeren Zugfahrten. Quelle: Fotolia
Kurz und gutNicht jeder liest Romane auf den smarten Geräten. Viele Pendler gucken während der Fahrt weniger als eine Minute auf den Bildschirm - meist um nachzusehen, ob sie einen Anruf oder eine E-Mail erhalten haben (87 Prozent). Mitunter dient dem Pendler das smarte Telefon auch als Uhrenersatz (79 Prozent), um schnell die Wetterlage (57 Prozent) zu erfahren oder soziale Netzwerke zu überprüfen (58 Prozent). Quelle: dpa
Apps schlagen Mobile-BrowserOb Nachrichten lesen oder in sozialen Netzwerken surfen – meist wird dazu nicht der Browser, sondern die passende App genutzt: 63 Prozent der Befragten nutzen häufig Apps, 33 Prozent gelegentlich. Bei den 18- bis 35-Jährigen sind es sogar 76 Prozent, die Apps häufig nutzen. Quelle: dpa
Pendler lieben soziale NetzwerkeMit 83 Prozent führt Facebook die Rangliste der am häufigsten genutzten Apps an. Es folgen YouTube, WhatsApp, Amazon und Google Maps. Ebenfalls in den Top-Ten vertreten: Anwendungen, die Onlinebanking auf dem Smartphone ermöglichen (von 49 Prozent genutzt), die Apps der örtlichen Verkehrsverbünde (45 Prozent) und Wikipedia (35 Prozent). Quelle: dpa
Morgens Nachrichten lesenAuf dem Weg zur Arbeit wollen sich Pendler schnell auf den neuesten Stand bringen. Morgens werden deshalb am häufigsten Apps genutzt, die Pendler mit aktuellen Nachrichten versorgen. Auch Bücher werden dann gern gelesen: iBooks oder Kindle nutzen 15 Prozent der Befragten auf dem Weg zur Arbeit. Quelle: dpa
Abends mit Freunden verabredenNach getaner Arbeit rücken Freunde und Familie auf den Radar. WhatsApp (67 Prozent) und Facebook nutzen Pendler abends häufiger. Zur Entspannung werden allerdings auch Musik Apps oder YouTube gerne geöffnet. Quelle: dpa

Vor allem aber haben die alten Mobilfunkverstärker ausgedient, die bisher Telefonate in den Handywagen der ICEs ermöglichten. Ihr Austausch startet „voraussichtlich im 2. Quartal 2016“, erfuhr die WirtschaftsWoche aus dem Kreis der Netzbetreiber.

Vorausgesetzt, die Technik ist bis dahin überhaupt verfügbar, denn die erforderlichen Geräte gibt es noch gar nicht: „Größte technische Herausforderung ist, einen passenden Verstärker zu entwickeln“, heißt es in der Branche. Das ist alles andere als trivial. Denn die neuen Geräte müssen nicht nur die Frequenzen aller Anbieter beherrschen – anders als die alte Technik, von der vor allem Kunden der Telekom profitierten. Vor allem dürfen sie keinesfalls den Bahn-eigenen Funk stören, der neben den Handyfrequenzen liegt.

Schleichender Übergang

Doch selbst wenn die Technik im Frühjahr einsatzbereit ist – stabile Telefon- und Internetverbindungen bleiben in deutschen Zügen Stückwerk. Denn aufgerüstet werden zunächst nur ICEs. Bis auch Intercitys flächendeckend im Internetzeitalter ankommen, vergehen nochmals Jahre. Erste neue Doppelstock-ICs mit Funkverstärkern rollen frühestens ab Ende 2015. Die alten IC-Wagen will die Bahn wohl nicht mehr umrüsten.

Und im Nahverkehr, wo Länder und Verkehrsverbünde S-Bahn- und Regionalzüge bestellen, laufen viele Ausschreibungen für vernetzte Waggons gerade erst an. Nicht nur Urs Mörgeli dürfte also noch Jahre in rollenden Funklöchern unterwegs sein, wenn er per Zug durch Deutschland reist.

Digitale Welt



Dass es heute schon anders geht, zeigt das Beispiel Schweiz. Bei den Eidgenossen ist schneller, stabiler Mobilfunk auch in der Bahn längst die Regel, „obwohl viele Strecken durch Alpentäler und Tunnels führen“, sagt Mörgeli. Die Erfolgsquote der Anrufe erreicht bis zu 93 Prozent, die der Datenzugriffe 96 Prozent.

Und das liegt nicht nur daran, dass viele Züge im Alpenland langsamer fahren als deutsche ICEs, was die Verbindungen stabiler macht. Vor allem investieren Schweizerische Bundesbahn und Mobilfunker seit Jahren gemeinsam in die Technik.

Das Geld stammt aus den hohen Mobilfunktarifen im Land. Die Netzbetreiber Swisscom, Orange und Sunrise machen pro Kunde zwei- bis dreimal so viel Umsatz wie die deutschen Anbieter. Qualität hat eben ihren Preis.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%