Internet Langer Abschied von der E-Mail

Die E-Mail hat unser Leben revolutioniert. Doch nun wenden sich die ersten Unternehmen von der elektronischen Post ab - und setzen stattdessen auf soziale Netzwerke.

ARCHIV - ILLUSTRATION - Ein Quelle: dpa

Der Siegeszug beginnt mit einer Panne. Michael Rotert sitzt in der Karlsruher Universität, als er 1984 die erste E-Mail empfängt, die je in Deutschland eintrifft. In der Betreffzeile steht: „Wilkommen im CSNET“. Und vermutlich muss Rotert in diesem Moment schmunzeln, denn eigentlich schreibt man Willkommen mit Doppel-L. Die Mail wurde in den USA verschickt. CSNET war ein Netzwerk, in dem sich amerikanische Universitäten zusammengeschlossen hatten.

In den folgenden Jahren hat die E-Mail unsere Kommunikation revolutioniert. 85 Prozent der Internetnutzer verschicken private Mails, das sind mehr als 43 Millionen Bundesbürger. Sehr zu Lasten der guten, alten Briefe. Weihnachts- und Geburtstagsgrüße werden seit Jahren fast ausschließlich per E-Mail verschickt, nicht mehr mit der Post. „E-Mails haben unsere Kommunikation schneller und einfacher gemacht“, sagt August-Wilhelm Scheer, Präsident des Hightech-Verbandes BITKOM.

Doch der gute Ruf der E-Mail leidet. Sie sei umständlich, heißt es, sie mache uns unproduktiv und raube unsere Zeit. Etwa 95 Prozent aller E-Mails sind lästige Werbung, heißt es in einer Studie der europäischen Agentur für Internetsicherheit. Erste Unternehmen verabschieden sich deshalb von der E-Mail.

Zum Beispiel der französische IT-Dienstleister Atos Origin. Das Unternehmen aus Paris will seinen Mitarbeitern das Schreiben von E-Mails ganz abgewöhnen. Denn die Masse an  Mails sei nicht mehr akzeptabel. „Unsere Manager verbringen bis zu 20 Stunden pro Woche damit, ihre E-Mails zu lesen oder zu beantworten“, erklärt Atos-Chef Thierry Breton. In den kommenden drei Jahren will Breton die interne Kommunikation deshalb umstellen.

Sein Ziel: Künftig sollen die Atos-Mitarbeiter auf die meisten E-Mails verzichten. Stattdessen sollen sie Nachrichten über eigene Plattformen verschicken - oder über Werkzeuge, mit denen mehrere Mitarbeiter gleichzeitig an einem Dokument arbeiten. So würde jede fünfte E-Mail wegfallen, heißt es in einer Mitteilung des Unternehmens.

Die E-Mail wird zum Rentnermedium

Nicht nur in der Wirtschaft, auch bei Jugendlichen hat es die E-Mail schwer. Denn soziale Netzwerke wie Facebook oder SchülerVZ werden immer beliebter – und laufen der klassischen Mail den Rang ab. Zwar haben 98 Prozent der 16- bis 18-Jährigen eine eigene E-Mail-Adresse, doch die jugendlichen Surfer kommunizieren lieber via Chat oder Nachrichtendienst. Fast jeder zweite Internetnutzer zwischen 14 und 29 Jahren unterhält sich im Chat mit anderen. Messenger nutzen vor allem Jugendliche besonders häufig. 86 Prozent der Jungen verschicken statt einer E-Mail lieber Sofortnachrichten im Internet. Noch beliebter sind die Sofortnachrichten bei Mädchen. Nach Angaben des BITKOM verschicken 94 Prozent der jugendlichen Internetnutzerinnen regelmäßig Sofortnachrichten.

Dieser Trend zeigt sich auch in den USA. Dort sank allein im Dezember die E-Mailnutzung bei Jugendlichen um 59 Prozent, ermittelte der Marktforscher Comscore. Auch die untersuchten Personen zwischen 18 und 54 Jahren verbrachten weniger Zeit mit Mails. Dagegen entdecken Ältere zunehmend die elektronische Post: In der Gruppe der über 65-jährigen stieg die E-Mailnutzung um 28 Prozent. Wenn es so weiter geht, wird die E-Mail zum Rentnermedium.

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