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Internet Die Überholspur im Netz wird kommen

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Profi-Internet mit neuen Tarifstaffeln

Lange sah es deshalb so aus, als gäbe es in Berlin und Brüssel keine Pläne, an der seit 30 Jahren gültigen Gleichbehandlung aller Daten zu rütteln. „Wir werden die Netzneutralität gesetzlich verankern und uns auch auf europäischer Ebene dafür einsetzen“, versprach Kanzlerin Angela Merkel noch vor wenigen Monaten bei der Verabschiedung ihrer „Digitalen Agenda“, mit der Deutschland gegenüber anderen Industrieländern aufholen soll.

Doch wie weit das Versprechen reicht, ist inzwischen fraglich. Denn mit dem Reformpaket für einen einheitlichen europäischen Digitalmarkt, das EU-Kommissar Günther Oettinger Ende April vorlegte, will die EU den Telekommunikationskonzernen mehr Freiheiten bei der Einführung von Sonderspuren und Spezialdiensten einräumen. Die bisher gültige Maxime, dass alle Daten, unabhängig von Größe und Urheber, gleichbehandelt werden müssen, soll nicht mehr für alle Web-Dienste gelten. „Es muss einen einheitlichen Qualitätsstandard für alle geben“, sagt Oettinger (siehe Seite 68). „Zusätzlich muss es aber auch Spezialdienste geben können, die im allgemeinen Interesse sind und Vorrang genießen.“

Die Telekommunikationsunternehmen haben mit den Vorbereitungen längst begonnen. Durch verstärkten Einsatz von schnellen Glasfaserkabeln in Ortsnetzen wollen Anbieter wie die Deutsche Telekom die Übertragungskapazität im Fest- und Mobilfunknetz auf bislang unerreichte Spitzenwerte von bis zu zehn Gigabit pro Sekunde vergrößern. Das wäre im Extremfall 100-mal so viel wie heute.

Gleichzeitig bauen sie die Vermittlungsstellen so um, dass der Zugriff auf besonders wichtige Daten nicht mehr als ein bis drei Millisekunden benötigt, bis zu 50-mal weniger als aktuell.

Das alles wollen sich die Konzerne extra bezahlen lassen, indem sie in den kommenden fünf Jahren auf Basis der neuen Technik ein schnelleres Profi-Internet mit höheren Qualitätsklassen und ganz neuen Tarifstaffeln schaffen. Dass die superschnellen Spuren für alle Internet-Nutzer von Interesse sind, hält die Deutsche Telekom für eine eher „theoretische“ Annahme. Es sei doch eine sehr „puristische“ Vorstellung von Netzneutralität, dass Nutzer auf Daten etwa des Online-Fernsehsenders Netflix oder des Videokanals YouTube gleich schnell zugreifen können sollten wie Fahrer auf Daten eines sich selbst steuernden Autos. „Solch eine Gleichbehandlung aller Daten ist technisch und wirtschaftlich Unsinn“, heißt es, „weil der Kunde überhaupt keinen Nutzen davon hätte.“

Klar ist, dass die Telekommunikationskonzerne sich von Aufrüstung und Umbau des Internets einen neuen Milliardenmarkt versprechen, auf dem bisherige Web-Riesen wie Google, Facebook oder Apple keine dominante Rolle mehr spielen. Dabei zeichnen sich vier aussichtsreiche Geschäftsfelder ab:

  • Bei der Digitalisierung der Fertigung, Industrie 4.0 oder Internet der Dinge genannt, müssen Daten in Sekundenbruchteilen zwischen Maschinen und Werkstücken wandern.
  • In der Medizin benötigen Ärzte gestochen scharfe 3-D-Bilder ohne Zeitverzug aus dem Operationssaal, wenn sie künftig komplizierte chirurgische Eingriffe aus der Ferne vornehmen.
  • Die Informationen, die beim autonomen Fahren anfallen, sollen über die künftigen Mobilfunknetze so schnell verarbeitet werden können, dass Crashs so gut wie ausgeschlossen sind. Die Datenmenge, die Sensoren und Kameras eines selbstfahrenden Mercedes S-Klasse bei einer Testfahrt lieferten, ist gigantisch: rund ein Gigabit pro Sekunde. Das reicht um über 19 000 Stunden MP3-Player zu hören.
  • Broker und Hedgefonds platzieren heute ihre Rechner möglichst nahe an den Großrechnern der Börsen, um möglichst kurze Standleitungen zu haben. Beim computergesteuerten Hochfrequenzhandel kommt es auf die Millisekunde an. Künftig könnten sie auch von unterwegs per Laptop ihre Order abgeben, wenn die Mobilfunkbetreiber diese extrem hohe Geschwindigkeit garantieren.
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