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Internet Wie Webdienste legal Millionen Musiktitel anbieten

Neue Online-Portale bieten Millionen Musiktitel zum Anhören. Kostenlos und legal. Sind sie das Aus für Raubkopierer?

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Umsätze mit Musikverkäufen

Andere würden sich wahrscheinlich nachts schlaflos im Bett wälzen. Doch Steffen Wicker und Christoph Lange sitzen ziemlich ausgeschlafen in ihrem Büro auf einem ehemaligen Fabrikgelände im Kölner Szeneviertel Ehrenfeld und arbeiten unbeirrt an ihrem großen Plan: Mit dem Internet-Portal Simfy wollen die beiden Betriebswirte den Musikmarkt aufrollen. Simfy ist eine gigantische virtuelle Jukebox mit drei Millionen Titeln, von neuesten Chart-Alben über Siebzigerjahre-Hits bis zu Beethoven-Sonaten, fast durchweg kostenlos – und vor allem legal.

Der Dienst ist nichts weniger als ein Angriff auf mächtige Gegner wie Apple, Amazon oder den Telekom-Ableger Musicload, die den Internet-Vertrieb von Musik beherrschen: „Bislang“, sagt Wicker, „hat keiner ernsthaft die Frage gestellt, wie das Geschäftsmodell des Musikvertriebs der Zukunft aussieht. Und wofür Kunden wirklich bereit sind, zu zahlen.“

Die Frage wollen Wicker und Lange, die sich beim Studium in Mannheim kennenlernten, der Branche nun aufzwingen. Und eine mögliche Antwort liefern sie mit ihrem Musikportal gleich mit.

Schon jetzt ist Simfy das größte Angebot seiner Art in Deutschland. Und täglich wächst der Katalog um Zehntausende Titel. Festplattenweise haben die großen Musiklabels den Kölnern Songs und Sinfonien geliefert – in einer Klangqualität, die Normalmenschen in der Regel kaum von CD-Aufnahmen unterscheiden können. Die Stücke werden nun auf die gut gekühlten Großrechner des Startups geladen. Im Spätsommer spätestens soll der Simfy-Katalog rund sechseinhalb Millionen Titel umfassen.

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    Kern der Strategie ist jedoch die sogenannte Streaming-Technik. Kunden kopieren dabei Musik nicht mehr aus dem Netz auf ihre Rechner, wie etwa die Kundschaft von Apples iTunes Store, dem Marktführer im Online-Musikgeschäft. Sie klicken auf den gewünschten Titel – schon läuft der Track, ähnlich wie es viele vom Videoportal YouTube kennen. Der Rechner spielt die Musik direkt vom Server des Anbieters ab – oft ohne Zeitverzögerung.

    Pro Monat sind etwa 700.000 Menschen auf dem Portal von Simfy aktiv und greifen auf die Titelsammlung über das Browserfenster zu, egal, ob im Büro, unterwegs oder zu Hause. Und mittlerweile gewinnt das Unternehmen jeden Tag einige Tausend angemeldete Fans hinzu.

    Diesen Andrang will Simfy nun zu Geld machen: Der Radiovermarkter RMS soll schon in den nächsten Wochen Werbespots liefern, die dann zwischen den Titeln eingespielt werden. Damit sieht sich das Kölner Startup sogar traditionellen Radiosendern überlegen. Denn Simfy kennt durch die Anmeldung nicht nur Geschlecht, Alter und Wohnort vieler seiner Hörer, sondern auch ihren Musikgeschmack. „Damit können Werbekunden ihre Zielgruppen direkter ansprechen“, glaubt Simfy-Mitgründer Wicker.

    Wer das nicht will, kann für monatlich zehn Euro ein werbefreies Abo buchen und bekommt zugleich die Möglichkeit, die Musik unterwegs über das Handy abzuspielen. Premiumkunden können zudem Titel auf ihren Telefonen zwischenspeichern, um sie etwa im Flugzeug oder im Ausland abspielen zu können. Die Musik auf CDs zu brennen oder auf andere MP3-Spieler zu übertragen lässt Simfy allerdings nicht zu.

    Ungewohnt hohes Investment

    Bei den Geldgebern sorgt das Konzept dennoch für lebhaftes Gerangel. Die Risikokapitalgeber DuMont Venture und Earlybird sowie die NRW Bank überhäuften Simfy erst vor wenigen Wochen mit einer für die deutsche Startup-Landschaft ungewohnt hohen Summe von sieben Millionen Euro. Jeder will irgendwie dabei sein. Denn langsam haben auch die Letzten begriffen, dass YouTube und der US-Internet-Serienkanal Hulu mit ähnlichen Streaming-Techniken bereits den Konsum und damit den Vertrieb von Bewegtbildern revolutioniert haben.

    Nun, glauben Internet-Apologeten, sei die Musikbranche an der Reihe. Sie sind davon überzeugt, dass künftig immer weniger Menschen zu Hause CD-Regale füllen oder Plattensammlungen anlegen werden. Sie werden Musik stattdessen vermehrt auf Abruf nutzen, vollkommen virtuell. „On demand“ nennt die Branche dieses Prinzip.

    Wünsch-Dir-Was-Webradio

    Studien geben ihnen recht. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) prognostiziert, dass der Markt für Platten und CDs noch bis 2013 um fünf Prozent pro Jahr schrumpft. Im Digitalgeschäft rechnen die Marktforscher dagegen mit jährlich 17 Prozent Wachstum. Impulse kämen vom Verkauf digitaler Alben sowie innovativen On-Demand-Diensten. Vor allem Streaming-Angebote haben „großes Potenzial“, sagt Joe Hugger von Sony Music, zuständig unter anderem für neue Geschäftsfelder. „Wir erhoffen uns davon substanzielle Umsätze.“

    Das Rennen darum geht nun in die entscheidende Runde. Einen deutschen Wettbewerber hat Simfy mit der etwas kleineren Plattform Steereo bereits. Auch das amerikanische Online-Netzwerk MySpace bietet seinen Mitgliedern ein Wünsch-dir-was-Web-Radio. Die einst illegale Tauschbörse Napster und der Handyriese Nokia wiederum hoffen, mit kostenpflichtigen Musik-Abos Kunden zu gewinnen.

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      Dabei wird es kaum bleiben. Schon seit Monaten rätseln Experten, wann Apple eine Streaming-Alternative herausbringt. Die größten Sorgen dürfte den deutschen Rivalen Simfy und Steereo jedoch Spotify machen.

      Niemandem in der Branche konnte der Erfolg des schwedischen Musikportals entgehen: Rund sieben Millionen Spotify-Nutzer aus sechs europäischen Ländern haben bereits rund 100 Millionen individuelle Titellisten angelegt. Und während 95 Prozent der Nutzer die Musik kostenlos hören, unterbrochen von kurzen Werbespots, kaufen sich 250.000 Nutzer für monatlich zehn Euro von der Reklame frei.

      Im Grunde sind Simfy und Steereo nichts als Kopien von Spotify. Der wichtigste Unterschied: Die Schweden dürfen ihre Dienste in Deutschland nicht anbieten. Vorerst jedenfalls. Wer die Seite von einem deutschen Rechner aus ansteuert, wird abgewiesen, weil sich das Unternehmen mit den hiesigen Rechteverwaltern nicht einig wurde. Die Gema sei das größte Hindernis, klagt Spotify-Gründer Daniel Ek bei jeder Gelegenheit.

      Verhandeln mit der Gema

      Dort ist man sich keiner Schuld bewusst: Das Problem sei, dass Spotify die Urheber lediglich pauschal entlohnen will. Die Gema jedoch verlangt Gebühren, nach der Zahl der angeklickten Musiktitel. Wer das nicht akzeptieren will, darf in Deutschland nicht starten. Simfy und sein Partner Music Networx haben sich darauf eingelassen, schweigen aber zu den Details.

      Hinter den Kulissen wird nun kräftig gefeilscht: Zusammen mit dem Branchenverband Bitkom verhandelt die Gema über eine neue, industrieweite Vergütungsregelung für Online-Musikläden. Akzeptiert Spotify die, könnte das Portal sofort loslegen. Dann wird es eng für lokale Anbieter wie Simfy und Steereo. Das wissen sie. Und so macht es den Anschein, als wollen sie wenigstens hübsche Bräute sein, wenn das große Fressen auf dem deutschen Markt beginnt.

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        Simfy plant, sich schon in wenigen Tagen mit Fernsehspots einen Namen zu machen. Zugleich vergrößert das Unternehmen die Musikauswahl. Erst vor wenigen Tagen einigten sich die Kölner mit Merlin, einem Zusammenschluss von rund 12.000 Independent-Plattenlabels, die Künstler wie Arctic Monkeys, Franz Ferdinand und Björk unter Vertrag haben. Merlin erweitert den Simfy-Katalog um eine halbe Million Titel.

        Zudem baut das Startup Einnahmequellen wie das Angebot Simfy Live aus. Dafür schneiden Techniker des Unternehmens Auftritte bekannter Künstler mit. Am Ausgang können die Konzertbesucher von Elton John, den Toten Hosen, Mando Diao oder den Ärzten die Aufnahme dann auf USB-Sticks kaufen. Irgendwann könnten die Tracks auch auf Simfy.de erreichbar sein. Erst einmal aber geht es den Kölnern darum, das Publikum von dem Streaming-Dienst zu überzeugen.

        Manche Musikmanager beurteilen den Wandel indes kritisch: Kostenloses Streaming sei für die Industrie „nicht positiv“, sagt Warner-Chef Edgar Bronfman. Es sei ein Trugschluss, zu glauben, dass man Kunden mit kostenlosen Angeboten zum Kauf der Musik veranlassen könne.

        Andere sehen das differenzierter: Wenn viele Menschen die neuen Pauschalangebote nutzen, bestehe zwar „die Gefahr, dass der Umsatz pro Titel sinkt“, sagt Sony-Music-Manager Hugger. „Zugleich gibt es aber auch die Chance, mit den neuen Angeboten Kunden zu erreichen, die bislang nur wenig Geld für Musik ausgegeben haben.“

        Illegale Anbieter verlieren

        Hugger könnte recht behalten. In Großbritannien, wo legale Streaming-Plattformen bereits zum Alltag gehören, verlassen Teenager massenhaft illegale Tauschbörsen. Rund 65 Prozent der Jugendlichen nutzen Spotify & Co., ergab eine Studie der Beratungsfirma Music Ally. Jeder Dritte sogar täglich.

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          Vielleicht bewirkt der sanfte Druck von Simfy und Spotify ja letztlich doch, dass sich die Musikindustrie noch einmal wandelt. Und vielleicht macht die Branche, die von dem Internet einst aus den Angeln gehoben wurde, am Ende doch noch ihren Frieden mit dem Netz.  

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