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Internetdienst Google boxt Street View durch

Trotz aller Proteste geht der Internetkonzern mit seinem Foto-Stadtplan in Deutschland im November ins Netz. Zunächst werden die Straßenzüge der 20 größten deutschen Städte ins Internet gestellt - mit Millionen von Häuserfassaden. Werbetreibende sind begeistert, doch Datenschützer bleiben skeptisch.

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Autos für die Quelle: dpa

Es ist das wohl derzeit umstrittenste Projekt des Werberiesen Google: "Street View". Die geplante lückenlose und detaillierte fotografische Abbildung ganzer Städte und Landstriche im Internet hatte in Deutschland zu heftigen Protesten geführt und Datenschützer auf den Plan gerufen. Zum Schluss mussten die Fahrten mit den Google-Kamerawagen sogar gestoppt werden. Doch die Fotoausbeute seit 2008 reicht, um voraussichtlich im November die Straßenzüge der 20 größten deutschen Städte fast vollständig ins Internet zu stellen. Das bestätigte Googles oberster deutscher Datenschutzmitarbeiter Per Meyerdierks am Montag gegenüber dem Handelsblatt. Für Ralf Kaumanns, Google-Experte bei der internationalen Beratungsfirma Accenture, ist das beharrliche Vorgehen der Kalifornier nur logisch: "Das Thema ist viel zu wichtig für Google, um es zu ignorieren. Die bauen da gerade ein gigantisches Betriebssystem für Geodaten auf."

Denn Google Street View ist nur ein winziges Puzzlestückchen im Google-Geodaten-System. Es ist Teil von Google Maps, und das wiederum ist Basis des Google Navigationssystems für Android-Smartphones und der Routenplaner auf dem PC. Das wiederum ist verbunden mit Googles Fotodienst Panoramino, auf dem Hobbyfotografen ihre Aufnahmen einstellen. Alles wird verbunden durch dieselbe Positionsbestimmung nach Längen- und Breitengraden. "Wenn Sie das alles nehmen und mit den jüngsten Neuerwerbungen wie dem Reisebuchungssystem ITA kombinieren, erkennen Sie die Richtung: lokale Dienste auf allen Ebenen anbieten", erklärte Kaumanns. Auf Google Maps ruft der Nutzer eine Straßenkarte eines Zielorts auf. Per Menü kann er auswählen, ob er den einfachen Landkartenmodus, Satellitenbilder oder eben auch Street View haben will. Durch einfaches Ziehen mit der Maus dreht sich der Zuschauer dann sozusagen um seine eigene Achse und kann die Umgebung erkunden.

In der Verknüpfung liegt die Macht

In der Werbe- und Telekommunikationsbranche wird Google Street View mit großer Spannung erwartet. "Derzeit ist Street View für uns noch ein ungelegtes Ei. Wir beobachten aber seit langem ein steigendes Bedürfnis der Internetnutzer nach lokaler Information", sagte ein Sprecher des Informationsdienstleisters Telegate. Der Spezialist für die lokale Suche erwartet hohe Wachstumsraten. "Wir sind bei der Werbevermarktung für lokale Information noch ganz am Anfang", hieß es bei Telegate. Künftig werde der Kunde nicht mehr nach Adressen, sondern nach Firmen suchen. Die Bilder von Google könnten in diesem Zusammenhang eine wertvolle Ergänzung sein.

Serviceplan, die größte konzernunabhängige Werbeagentur in Deutschland, sieht ebenfalls eine exzellente Möglichkeit, Werbung lokalisierbar zu machen. "Internet wird von einem globalen zu einem lokalen Medium", sagte Florian Haller, Gesellschafter und Chef von Serviceplan, dem Handelsblatt. "Es entsteht ein großer Markt für Branchen wie beispielsweise Handel und Finanzwirtschaft. Endlich kann die Werbung lokalisiert werden." Der Werbemanager sieht in lokalisierter Werbung auf der Basis von Angeboten wie Street View einen wichtigen Wachstumsmarkt. "Marken begleiten den Kunden endlich in den realen Raum", sagte Haller.

Google unterstützt Werbetreibende, wo es nur geht, um seinen Dienst populär zu machen: "Unternehmen jeder Größenordnung dürfen Google Maps mit Street View kostenlos auf ihren Webseiten einbinden", erklärte Produktmanager Raphael Leisteritz von Google. Das ist allerdings auch nicht wirklich verwunderlich: Denn die Werbung auf den Karten oder hinter den Bildern verkauft immer Google. Ein Klick auf eine Pizzeria in einer Straße kann direkt die Bestellliste für den Lieferservice öffnen oder der Klick auf ein Reisebüro das Angebot an Last-Minute-Reisen.

Das Interesse an Street View ist enorm, so Leisteritz. Bereits heute nutzen über eine Million User aus Deutschland Street-View-Panoramen aus den 23 Ländern, in denen Street View bereits online ist. Überwiegend ausgesucht werden die Hauptreiseziele der Deutschen: USA, Großbritannien, Frankreich und Italien.

Der Deutsche ist wie so oft zwiegespalten: Auf der einen Seite nutzt er die Annehmlichkeiten solcher Dienste gerne, um andere zu beobachten, aber selbst will er nicht damit behelligt werden. "Google muss einen Weg finden, um mit dieser etwas überbordenden deutschen Befindlichkeit umzugehen", warnte Kaumanns. "Die dürfen das auf jeden Fall nicht auf die leichte Schulter nehmen."

Das sieht Johannes Caspar genauso. Der Datenschutzbeauftragte für Hamburg hatte seinerzeit den Skandal ins Rollen gebracht, der beinahe das Aus für die deutschen Street-View-Pläne bedeutet hätte. Google hatte seit 2008 "versehentlich" nicht nur Fotos geschossen, sondern auch die Zugangsdaten zu den Internet-Hotspots in den Häusern und Teile versendeter E-Mail-Botschaften gespeichert. Nach einem öffentlichen Aufschrei stoppte Google alle weiteren Kamerafahrten, die ersten Festplatten mit Daten wurden an staatliche Behörden weltweit übergeben.

Google hat nicht nur Fotos geschossen

Für Deutschland wurde dann auch ein umfangreicher Katalog mit 13 Punkten zum Datenschutz erstellt, den Google abzuarbeiten versprach, bevor man den Dienst starten werde. Einzigartig in der Welt ist für Deutschland die Möglichkeit der Vorabsperrung. Auf einer Webseite (www.google.de/streetview), die ab Montag freigeschaltet wird, können Hausbesitzer oder Mieter die Unkenntlichmachung ihrer Immobilie verlangen. Wer sich einträgt, bekommt einen Brief an die Adresse mit der Frage, ob er es wirklich sei, der das Haus ausblenden lassen wolle. Damit soll verhindert werden, dass zum Beispiel bei Restaurants oder Hotels einfach unliebsame Wettbewerber "ausgelöscht" werden.

"Wir wurden erst am Freitag von Google über den Starttermin für Street View informiert", bemängelte Caspar. "Wir konnten also nicht prüfen, ob alle 13 Punkte umgesetzt wurden. Er habe um Aufschub gebeten, was aber abgelehnt worden sei.

Caspar beklagt vor allem die kurze Frist von nur vier Wochen mitten in der Hauptferienzeit, in denen Widersprüche entgegengenommen werden sollen. Außerdem sei noch nicht klar, wie schriftliche Anfragen per Brief oder Fax behandelt würden. "Noch lange nicht jeder hat heute Internet", merkte er an. Bei der Bearbeitung der Vorabsperrung müsse mit einem aufwendigen bürokratischen Verfahren gerechnet werden.

Das alles deute nicht auf bürgerfreundliche Umsetzung hin. "Wir wollen den Dienst ja nicht stoppen", sagte Caspar und fügte mit Blick auf Googles bekannten Hang zur ausufernden Datensammlung hinzu: "Aber die Exzesse sind nicht zu tolerieren."

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