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Interview mit Oliver Grün "In Deutschland werden ständig Trends verschlafen"

Wie die deutsche IT-Wirtschaft auf die Spitzelaffäre reagiert, warum es kein deutsches Google gibt und wo die Deutschen Vorreiter sind, das erklärt Oliver Grün, Geschäftsführer vom Bundesverband IT-Mittelstand.

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Foto von Dr. Oliver Grün

WirtschaftsWoche: Wie beurteilen Sie die Berichte um die Ausspähungen durch die Geheimdienste?

Oliver Grün: Sehr kritisch. Wir stellen uns nicht nur die Frage, ob die Geheimdienste insbesondere die NSA Wirtschaftsspionage betreiben oder ob da die Gefahr der Industriespionage vorliegt.

Schon vor zehn Jahren hieß es vom ehemaligen CIA-Direktor Woolsey: Wenn die Technik es möglich macht, könnten die gesammelten Geheimdienstinformationen auch an US-Unternehmen weitergegeben werden. Nach den derzeitigen Enthüllungen gewinnt diese Aussage an Brisanz. Ich sehe das als große Gefahr für die Unternehmen in Deutschland.

Welche Konsequenzen hätte das?

Es würde bedeuten, dass Geschäfts- und Betriebsgeheimnisse von deutschen Unternehmen – und hier gibt es in vielen Nischen mittelständische Weltmarktführer – direkt in die Hände von Mitbewerbern geraten und hierdurch der Technologie- und Innovationsvorsprung Deutschlands verloren geht.

Haben Sie von Unternehmen gehört, die bespitzelt worden sind?

Es gibt nur vereinzelte bekannte Fälle. Das Problem ist ja, dass betroffene Unternehmen mit so einem Malus nicht an die Öffentlichkeit gehen wollen. Doch die Sorglosigkeit, mit der Mittelständler bisher Daten abgelegt haben, wird jetzt ein Ende haben.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Dass jemand seine Baupläne von der nächsten Gerätegeneration in die Dropbox legt, um sie auszutauschen oder sie per Gmail-Account versendet. Es war ja bisher ja niemanden klar, dass diese Daten offensichtlich einer totalen, großflächigen und anlasslosen Überwachung unterliegen. Dagegen sollte man jetzt schleunigst etwas tun.

Den Verdacht, dass US-Geheimdienste Wirtschaftsspionage betreiben und Daten möglicherweise auch weitergeben, gibt es ja schon lange. Wie kann es sein, dass man in den Unternehmen jetzt so überrascht ist?

Bisher war das Verständnis: Warum sollte gerade ich ausspioniert werden? Neu sind die nicht dementierten Aussagen zur großflächig angelegten Spionage. Durch diese Masse fühlen sich jetzt doch alle betroffen. Der zweite Grund: Wir haben in den vergangenen Jahren verschlafen, dass diese schöne digitale Welt mit Location based Services und toller Google-Suche auch eine negative Seite haben kann. Die digitale Wirtschaft zeigt jetzt ihre dunkle Seite.

Chefsache: IT-Sicherheit

High-Tech-Gadgets für den Datenschutz
Auto-Transporter Quelle: Presse
DataLocker-Festplatte Quelle: Presse
MyIDkey Quelle: Presse
Blackberry Quelle: Presse
Sprachverschlüsselungssystem Topsec Mobile
Laptop Quelle: Presse
E-Mails Screenshot Quelle: Screenshot

Aber es gibt auch eine gute Seite: Die Infrastruktur wird erwachsen. In den 50er Jahren waren das Straßen, Autobahnen. Jetzt ist es das Internet. Und wenn diese neue Infrastruktur nun häufiger benutzt wird, offenbaren sich auch die Schattenseiten. Wir können das Abhören nicht abstellen. Wir brauchen andere Maßnahmen.

Eine Rückfrage: Welche Maßnahmen meinen Sie?

IT-Sicherheit muss zur Chefsache werden, dies ist ein Management-Thema und kein Thema alleine für die IT-Abteilung. Daten müssen verschlüsselt werden, egal ob beim E-Mail-Versand oder bei dem Ablegen von Daten in die Cloud, beispielsweise über einen Dropbox-Account.

Aber so neu ist das Internet mit seinen Möglichkeiten ja nicht, Dropbox beispielsweise gibt es ja seit 2007...

Bisher hieß es, die Entwicklung zur Abschöpfung und Auswertung von Massendaten ist noch nicht so weit, Big Data sei das nächste große Ding, aber dem gegenüber standen die Aussagen von Fachleuten über die immer noch bestehenden Probleme der Auswertung dieser Datenmassen.

Was diese über Sie wissen könnten
Schild "Bundesnachrichtendienst" Quelle: AP
Schilder US. Cyber Command, National Security Agency, Central Security Service Quelle: dpa
Ein Mann mit Fotoapparat Quelle: Fotolia
Kabel Quelle: dpa
Eine Frau telefoniert mit einem Telefon Quelle: obs
Ein E-Mail-Symbol Quelle: dpa
Bildcollage zum Thema Telekommunikation Quelle: dpa

Warum sind wir denn in den vergangenen Jahren so abhängig von den smarten Kommunikationslösungen der US-Unternehmen geworden?

Unsere US-Kollegen sind in Sachen Marketing viel besser als wir. Die deutschen Firmen sind oft schlichtweg nicht bekannt. Und natürlich gibt es auch ein paar Nebengründe: Venture Capital ermöglicht es Unternehmen, groß zu werden und das fehlt bei uns. Die Top10-Unternehmen im Silicon Valley machen mehr Gewinn als wir in Deutschland Umsatz.

Aber liegt das nicht auch an uns?

Wir haben bisher noch keinen Schlüssel gefunden, wie man positive deutsche Eigenschaften wie beispielsweise die Nachhaltigkeit mit starkem Wachstum in der digitalen Wirtschaft verbinden kann.
Nehmen Sie mal das Beispiel StudiVZ. Facebook hatte 400 Millionen Dollar Risikokapital, bevor auch nur ein Dollar verdient wurde. Zur gleichen Zeit war im deutschen IT-Gesamtmarkt Risikokapital im Wert von 250 Millionen Euro verfügbar. Hier hatte ein Unternehmen mehr Geld zur Verfügung als der gesamte deutsche Markt. Und dass solche Leuchttürme hierzulande dann nicht entstehen können, das liegt auf der Hand.

Penibler Datenschutz made in Germany

So schreddere ich Daten richtig
Warum muss ich meine Daten überhaupt löschen?Wer sein altes Handy oder Notebook nicht länger braucht, kann beides bequem über verschiedene Internetplattformen wie der Tauschbörse Ebay oder dem Rückkaufportal Momox verkaufen. Doch wer seine technischen Geräte an Dritte weiterreicht, sollte sichergehen, dass alle Daten überschrieben sind. Sonst lassen sich auch vermeintlich gelöschte Daten von geübten Nutzern leicht wiederherstellen. Quelle: rtr
Wieso muss ich beim Löschen selbst aktiv werden?Festplatten funktionieren nach einem simplen Prinzip: Wird eine Datei gespeichert, weist der Computer der Datei einen bestimmten Speicherplatz zu und merkt sich, dass er dort nichts anderes speichern darf. Wenn der Nutzer bestimmte Dateien löscht, gibt der Computer den vorher blockierten Speicherplatz wieder frei. Entfernt sind die Dateien damit aber noch nicht, sondern erst dann, wenn sie durch neue Informationen überschrieben werden. Quelle: dpa
dem werden Dateien beim Speichern in vielen Fragmenten auf der Festplatte verteilt. Oft reichen nur wenige dieser noch nicht überschriebenen Fragmente, um Dateien mit einer Wiederherstellung-Software zu rekonstruieren. Quelle: dpa
Wie säubere ich Computer und Notebooks?Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) empfiehlt, spezielle Software zu nutzen, die kostenlos heruntergeladen werden kann. Gemeinsam ist diesen Programmen, dass sie die Festplatte mehrfach mit sinnlosen Informationen überschreiben. So bleiben die Geräte weiter nutzbar, doch keine der früheren Dateien lässt sich rekonstruieren. Zu den vom BSI empfohlenen Gratisprogrammen gehört "Eraser", das beim Onlineportal "Chip.de" heruntergeladen werden kann. Damit lassen sich auch Speichermedien wie externe Speicher und SD-Karten vollständig überschreiben. Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Wie säubere ich meinen Smartphone-Speicher?Smartphones bieten eine Funktion, die sich sinngemäß "Daten löschen und Werkseinstellungen wiederherstellen" nennt. Allerdings ist auch hier nicht sichergestellt, dass der Speicher überschrieben wird. Wer seine persönlichen Daten vom Surfen im Netz oder aus dem Zwischenspeicher (Cache) einer Anwendung löschen will, kann auf das Programm "Quick App Manager" zurückgreifen. Quelle: dpa
Für das Löschen des kompletten iPhone-Speichers empfehlen Fachmagazine die App iErase. Für das meistgenutzte Smartphone-Betriebssystem Android hat sich noch keine vergleichbare App durchgesetzt. In Internetforen wird oft die Anwendung "Shredroid" empfohlen, doch viele Android-Nutzer klagen in Googles PlayStore über diverse Probleme. Wichtig ist auf jeden Fall, externe Speicherkarten aus dem Handy zu entfernen oder die Daten genauso wie bei einer PC-Festplatte zu löschen. Quelle: AP/dpa
Was mache ich mit kaputten Endgeräten?Auch wenn das Gerät auf den Elektroschrott soll, gibt es Mittel und Wege, alle Daten zu zerstören: Der IT-Verband Bitkom rät, den Datenträger zu schreddern. Möglich ist genauso, die PC-Festplatte oder das Smartphone in eine Plastiktüte zu stecken und dann mit einem Hammer draufzuhauen. Quelle: dpa

Welche spannenden deutschen Lösungen gibt es denn in Deutschland?

Leider werden in Deutschland ständig Trends verschlafen. Die Deutschen setzen auf Rendite, was ja auch gut ist, weil wir so gut durch die Krise kommen. Die Zielsetzung im Silicon Valley ist einfach Wachstum, Wachstum, Wachstum. Hinzu kommt: Wir Deutschen sind nicht so stark im B2C-Bereich; in Lösungen für Unternehmen sind wir deutlich besser.

Wenn man einen Markt durchdringen will, ist reines Renditestreben im Wachstum aber eher hinderlich. Es gibt ein paar spannende Firmen und Startups, die kleine innovative Verschlüsselungslösungen anbieten. Boxcryptor oder Protonet sind solche Beispiele. Und: Ich muss ja nicht unbedingt Gmail nutzen, man kann ja auch zu Web.de gehen.

Aber zwischen diesen E-Maildiensten liegen doch Welten!

Web.de ist ein gutes Angebot, dort kann ich beispielsweise auch ziemlich unkompliziert Verschlüsselungen benutzen. Aber sicher: Die Benutzerfreundlichkeit ist in den vergangenem Jahren zum entscheidenden Kriterium geworden, damit Dienste genutzt werden und da sind wir Deutschen immer noch sehr ingenieurlastig. Wir haben Technologien, aber uns fehlt die gute Karosserie. Das ist die Herausforderung in der IT. Und ich halte das für die geringere Herausforderung, als wenn wir im Kern keine gute Technologie hätten.

Verstehe ich Sie richtig: Sollen wir aus Überzeugung deutsche Lösungen unterstützen und dafür Kompromisse eingehen?

Bei den Funktionalitäten nicht, aber bei der Benutzerfreundlichkeit schon. Die Einfachheit der Dropbox oder von Apple war vorreiterhaft, ohne Frage. Aber zu sagen "Die Deutschen können das sowieso nicht", das halte ich für einen großen Fehler.

In Arbeit
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Wir haben die Technologie, die Benutzerfreundlichkeit wird kommen und vielleicht wird Datensicherheit auch einmal wichtiger, als den letzten Schrei an Usability zu haben.

Wo könnte Deutschland Vorreiter werden?

Zahlreiche Umfragen bestätigen das: Wenn man uns Deutschen etwas weltweit abnehmen würde,  dann sind es IT-Sicherheitslösungen. Auch der Inder weiß, dass die Deutschen mit ihrem peniblen Datenschutz so etwas können. Dienste wie Boxcryptor oder Systeme wie Protonet bieten da gute und innovative Lösungen an, übrigens auch mit einer entsprechenden Benutzerfreundlichkeit.

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