WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

IT-Sicherheit Angriff aus dem Wohnzimmer

Eine Megaattacke zeigt: Hacker entdecken das Internet der Dinge als Waffe. Statt Computern werden einfach vernetzte Hausgeräte geknackt. Nutzer und Gerätehersteller machen ihnen das erschreckend leicht.

Angriff aus dem Wohnzimmer: Wie leicht das Internet der Dinge zu hacken ist. Quelle: Getty Images

Es war gerade sieben Uhr morgens an der US-Ostküste, als losbricht, was Kyle York, Chefstratege des US-Internetdienstleisters Dyn, später als „einen in seiner Art historischen Angriff“ bezeichnet. Binnen Minuten steigt die Last auf den Servern des amerikanischen Onlineunternehmens dramatisch an – bis die Computer von Dyn schließlich unter dem millionenfachen Bombardement fast zeitgleich eintreffender Aufrufe aus dem Netz den Dienst quittieren. Dyn wird Opfer eines gezielten Hackerangriffs, einer sogenannten Distributed-Denial-of-Service-Attacke (DDoS).

Die Folgen bekommen am Freitag vergangener Woche Millionen von US-Bürgern und die Webmaster prominenter Onlinekonzerne zu spüren. Über Stunden sind die Webangebote von Amazon, Spotify, Twitter oder Netflix und vieler anderer Unternehmen kaum erreichbar. Schwerpunkte der Angriffe sind die Industrieregion im Nordosten der USA und die Hightechzentren an der Westküste. Aber auch im Großraum London, in Europa und in Asien kommt es zu Störungen.

Es ist, zeigen die Analysen, eine der heftigsten Attacken, die das Netz bisher erlebt hat. Und eine der geschicktesten. Denn Dyn übernimmt die Adressverwaltung für Internetangebote seiner Kunden und leitet, wenn Webnutzer deren Internetseiten aufrufen, die Anfragen auf die richtigen Server um. Statt also Amazon und Co. einzeln angreifen zu müssen, legten die Hintermänner des Angriffs die Netzriesen sozusagen „über Bande“ lahm.

Große Hackerangriffe der letzten Jahre

Doch viel mehr als Taktik und Vehemenz, mit der die Angreifer die Systeme lahmlegen, ist es der Ausgangspunkt ihrer Attacken, der Sicherheitsexperten in Alarmzustand versetzt: Was die jüngste aus der Masse früherer Cyberangriffe heraushebt, ist, dass sie ihren Ursprung zu großen Teilen im Internet der Dinge nahm. Jenem explosionsartig wachsenden Segment des Netzes, das nicht aus Computern oder Servern besteht, sondern aus der Flut vernetzter Maschinen – Überwachungskameras, Videokonferenzsysteme, smarte Fernseher oder Autos mit Internetzugang. Alles Technik, die bisher nicht im Verdacht stand, als Werkzeug für Hacker zu dienen.

Die gekaperten Geräte, das ist inzwischen klar, waren von einem digitalen Schädling namens Mirai kontrolliert, der speziell für Angriffe aus dem Internet der Dinge konzipiert ist. Mehr noch: Der Quellcode des Schädlings, der die Geräte infiziert hat, kursiert seit Kurzem im Netz.

Elf Anzeichen, dass Sie gehackt wurden
Software installiert sich selbstständigUngewollte und unerwartete Installationsprozesse, die aus dem Nichts starten, sind ein starkes Anzeichen dafür, dass das System gehackt wurde. In den frühen Tagen der Malware waren die meisten Programme einfache Computerviren, die die "seriösen" Anwendungen veränderten - einfach um sich besser verstecken zu können. Heutzutage kommt Malware meist in Form von Trojanern und Würmern daher, die sich wie jede x-beliebige Software mittels einer Installationsroutine auf dem Rechner platziert. Häufig kommen sie "Huckepack" mit sauberen Programmen - also besser immer fleißig Lizenzvereinbarungen lesen, bevor eine Installation gestartet wird. In den meisten dieser Texte, die niemand liest, wird haarklein aufgeführt, welche Programme wie mitkommen. Quelle: gms
Was zu tun istEs gibt eine Menge kostenlose Programme, die alle installierten Applikationen auflisten und sie verwalten. Ein Windows-Beispiel ist Autoruns, das zudem aufzeigt, welche Software beim Systemstart mit geladen wird. Das ist gerade in Bezug auf Schadprogramme äußerst aussagekräftig - aber auch kompliziert, weil nicht jeder Anwender weiß, welche der Programme notwendig und sinnvoll und welche überflüssig und schädlich sind. Hier hilft eine Suche im Web weiter - oder die Deaktivierung von Software, die sich nicht zuordnen lässt. Wird das Programm doch benötigt, wird Ihnen das System das schon mitteilen… Quelle: AP
Die Maus arbeitet, ohne dass Sie sie benutzenSpringt der Mauszeiger wie wild über den Bildschirm und trifft dabei Auswahlen oder vollführt andere Aktionen, für deren Ausführung im Normalfall geklickt werden müsste, ist der Computer definitiv gehackt worden. Mauszeiger bewegen sich durchaus schon einmal von selbst, wenn es Hardware-Probleme gibt. Klick-Aktionen jedoch sind nur mit menschlichem Handeln zu erklären. Stellen Sie sich das so vor: Der Hacker bricht in einen Computer ein und verhält sich erst einmal ruhig. Nachts dann, wenn der Besitzer mutmaßlich schläft (der Rechner aber noch eingeschaltet ist), wird er aktiv und beginnt, das System auszuspionieren - dabei nutzt er dann auch den Mauszeiger. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Wenn Ihr Rechner des Nachts von selbst "zum Leben erwacht", nehmen Sie sich kurz Zeit, um zu schauen, was die Eindringlinge in Ihrem System treiben. Passen Sie nur auf, dass keine wichtigen Daten kopiert oder Überweisungen in Ihrem Namen getätigt werden. Am besten einige Fotos vom Bildschirm machen (mit der Digitalkamera oder dem Smartphone), um das Eindringen zu dokumentieren. Anschließend können Sie den Computer ausschalten - trennen Sie die Netzverbindung (wenn vorhanden, Router deaktivieren) und rufen Sie die Profis. Denn nun brauchen Sie wirklich fremde Hilfe. Anschließend nutzen Sie einen anderen (sauberen!) Rechner, um alle Login-Informationen und Passwörter zu ändern. Prüfen Sie Ihr Bankkonto - investieren Sie am besten in einen Dienst, der Ihr Konto in der folgenden Zeit überwacht und Sie über alle Transaktionen auf dem Laufenden hält. Um das unterwanderte System zu säubern, bleibt als einzige Möglichkeit die komplette Neuinstallation. Ist Ihnen bereits finanzieller Schaden entstanden, sollten IT-Forensiker vorher eine vollständige Kopie aller Festplatten machen. Sie selbst sollten die Strafverfolgungsbehörden einschalten und Anzeige erstatten. Die Festplattenkopien werden Sie benötigen, um den Schaden belegen zu können. Quelle: dpa
Online-Passwörter ändern sich plötzlichWenn eines oder mehrere Ihrer Online-Passwörter sich von einem auf den anderen Moment ändern, ist entweder das gesamte System oder zumindest der betroffene Online-Dienst kompromittiert. Für gewöhnlich hat der Anwender zuvor auf eine authentisch anmutende Phishing-Mail geantwortet, die ihn um die Erneuerung seines Passworts für einen bestimmten Online-Dienst gebeten hat. Dem nachgekommen, wundert sich der Nutzer wenig überraschend, dass sein Passwort nochmals geändert wurde und später, dass in seinem Namen Einkäufe getätigt, beleidigenden Postings abgesetzt, Profile gelöscht oder Verträge abgeschlossen werden. Quelle: dpa
Was zu tun ist: Sobald die Gefahr besteht, dass mit Ihren Daten handfest Schindluder getrieben wird, informieren Sie unverzüglich alle Kontakte über den kompromittierten Account. Danach kontaktieren Sie den betroffenen Online-Dienst und melden die Kompromittierung. Die meisten Services kennen derartige Vorfälle zu Genüge und helfen Ihnen mit einem neuen Passwort, das Konto schnell wieder unter die eigene Kontrolle zu bekommen. Einige Dienste haben diesen Vorgang bereits automatisiert. Wenige bieten sogar einen klickbaren Button "Mein Freund wurde gehackt!" an, über den Dritte diesen Prozess für Sie anstoßen können. Das ist insofern hilfreich, als Ihre Kontakte oft von der Unterwanderung Ihres Kontos wissen, bevor Sie selbst etwas davon mitbekommen. Werden die gestohlenen Anmeldedaten auch auf anderen Plattformen genutzt, sollten sie dort natürlich schnellstmöglich geändert werden. Und seien Sie beim nächsten Mal vorsichtiger! Es gibt kaum Fälle, in denen Web-Dienste E-Mails versenden, in denen die Login-Informationen abgefragt werden. Grundsätzlich ist es immer besser, ausschließlich Online-Dienste zu nutzen, die eine Zwei-Faktor-Authentifizierung verlangen - das macht es schwieriger, Daten zu entwenden. Quelle: dapd
Gefälschte Antivirus-MeldungenFake-Warnmeldungen des Virenscanners gehören zu den sichersten Anzeichen dafür, dass das System kompromittiert wurde. Vielen Anwendern ist nicht bewusst, dass in dem Moment, wo eine derartige Meldung aufkommt, das Unheil bereits geschehen ist. Ein Klick auf "Nein" oder "Abbrechen", um den Fake-Virusscan aufzuhalten, genügt natürlich nicht - die Schadsoftware hat sich bestehende Sicherheitslücken bereits zunutze gemacht und ist ins System eingedrungen. Bleibt die Frage: Warum löst die Malware diese "Viruswarnung" überhaupt aus? Ganz einfach: Der vorgebliche Prüfvorgang, der immer Unmengen an "Viren" auftut, wird als Lockmittel für den Kauf eines Produkts eingesetzt. Wer auf den dargestellten Link klickt, gelangt auf eine professionell anmutende Website, die mit positiven Kundenbewertungen und Empfehlungen zugepflastert ist. Dort werden Kreditkartennummer und andere Rechnungsdaten abgefragt - und immer noch viel zu viele Nutzer fallen auf diese Masche herein und geben ihre Identität freiwillig an die Kriminellen ab, ohne etwas davon zu merken. Quelle: dpa/dpaweb

Und er wird wohl eifrig genutzt. Tatsächlich summierte sich das Trommelfeuer aus Daten, das auf den Dyn-Rechnern auflief, auf zeitweise deutlich mehr als ein Terabit pro Sekunde. Das ist immerhin rund ein Prozent des gesamten weltweiten Datenverkehrs. Eine solche Datenmenge legt nicht nur Internetanbieter lahm. Sie hätte locker ausgereicht, um den Webzugang ganzer Länder wie etwa Staaten in Afrika oder Zentralasien komplett zu blockieren.

„Jemand hat ein Netz entwickelt, mit Fähigkeiten, die wir nie zuvor gesehen haben“, beurteilt der Experte Martin McKeay vom Internetspezialisten Akamai die Cyberattacke. Sicherheitsexperten sehen darin schon die Vorboten eines neuen Krieges im Internet. Sie fürchten, ein ähnlicher Angriff könne am Tag der US-Präsidentschaftswahl die in einigen Bundesstaaten mögliche elektronische Stimmabgabe im Netz blockieren. Es wäre Wasser auf die Mühlen der Verschwörungstheoretiker rund um Donald Trump.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%