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Künstliche Intelligenz Die Schreibmaschine

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Eine Art TÜV, der Nachrichten prüft?

Die Veröffentlichung ist nur der jüngste in einer ganzen Reihe von Fortschritten, die Forscher bei der linguistischen Datenverarbeitung, dem so genannten „Natural language processing“, zuletzt erreicht haben. So veröffentlichte Google im vergangenen Jahr ein Sprachmodell namens BERT, das ebenfalls Fragen zu Texten sinnvoll und korrekt beantworten kann. Die Maschine rückt dem bisher einzigartigen Sprachtalent des Menschen also immer näher.

Das ist von kommerziellem Interesse: In den USA testet Google schon seine Software Duplex, die im Restaurant per Telefon Reservierungen entgegennimmt oder Friseurtermine vereinbart - ohne, dass viele Kunden merken, dass kein Mensch am anderen Ende der Leitung ist, sondern eine Maschine.

Der Fortschritt von OpenAI könne die Arbeit mit Sprache künftig vereinfachen, sagt Lena Frischlich, Kommunikations- und Medienpsychologin an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Buchautoren ersetze die Software zwar noch nicht, dafür mache sie noch zu viele Fehler. Aber: „Ich muss vielleicht nicht mehr alles schreiben, sondern kann eher lektorieren“. Wie die Autokorrektur beim Handy, nur für ganze Texte.

Denkt man das weiter, könnte ein Teil der Spracharbeit im Internet und auf der Arbeit bald auf Computer übertragen werden: Die Arbeit im Kundendienst ließe sich so womöglich ähnlich automatisieren wie die von Sekretären im Büro oder bei der Beschreibung von Produkten für Online-Seiten. Chatbot-Software, die mit Kunden redet, soll in vier Jahren allein den Banken, dem Handel und der Medizinbranche elf Milliarden Dollar an Kosten sparen, sagen die Marktforscher von Juniper Research voraus.

Das alles hat aber auch seine Schattenseite: Schon heute kursieren im Netz computergenerierte Texte, die gezielt Meinungsmache betreiben sollen. Falschmeldungen wurden etwa bei der US-Präsidentschaftswahl auf Facebook massenhaft verbreitet, um Wähler zu beeinflussen. Die OpenAI-Forscher warnen selbst, eine Software wie ihre könne irreführende Nachrichtenartikel erzeugen oder Menschen im Netz täuschend echt imitieren.

Das Forschungsergebnis zeige, „dass wir dringend Maßnahmen und Normen benötigen, um Missbrauch einzudämmen“, sagt Wolfram Burgard, Professor für Autonome Intelligente Systeme an der Universität Freiburg. „Andernfalls besteht die Gefahr, dass andere Gesellschaften mit anderen Standards diese Techniken vorantreiben und wir möglichen negativen Einflüssen unvorbereitet ausgesetzt sein werden.“

Für den Neurologen Philipp Kellmeyer von der Uniklinik Freiburg, der den verantwortungsvollen Umgang mit künstlicher Intelligenz erforscht, stellt sich nun die Frage, „ob sich daraus eine Kennzeichnungspflicht für sprachbasierte KI-Systeme ergibt.“ Google Duplex dürfte einen Telefonanruf dann also nicht beantworten, ohne vorher klarzustellen, dass es sich um eine KI handelt.

Wie aber Fake-News bekämpfen? KI-Forscher Burgard oder seine Freiburger Kollegin Silja Vöneky, Professorin für Völkerrecht und Rechtsethik, plädieren für internationale Normen. Kellmeyer schlägt Zertifizierungsstellen für digitale Inhalte vor, also eine Art TÜV, der Nachrichten prüft. Doch der Aufwand dürfte gewaltig sein.

Die Debatte ist dringend: KI-Experten nämlich könnten GPT-2 trotz der Selbstzensur mit einiger Mühe nachbauen, räumt OpenAI ein. Ohnehin ist es nur eine Frage der Zeit, bis andere Forscher noch eloquentere Systeme bauen.

OpenAI selbst will in einem halben Jahr eine Strategie vorstellen, um die Entwicklung von spracherzeugenden Computern und ihren Einfluss auf die Gesellschaft besser zu beurteilen. Das Start-up war 2015 mit dem Ziel angetreten, künstliche Intelligenz zu entwickeln, die der Menschheit dienen solle – initiiert und finanziert von Tesla-Gründer Elon Musk. Ursprünglich wollte Musk bis zu eine Milliarde Dollar in OpenAI stecken. Doch der ist inzwischen nicht mehr von dessen Arbeit überzeugt: Auf Twitter bestätigte Musk vor ein paar Tagen, OpenAI verlassen zu haben – wegen unterschiedlicher Meinungen über die Stoßrichtung des Projektes.

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