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Künstliche Intelligenz Nicht nur Nerds

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Gameboy statt Puppe

Dass die Welt der Programmierer vor allem eine Welt der Männer ist, sagt Li, beginne schon, wenn kleine Jungs den Gameboy bekommen – und Mädchen eine Puppe. Li hat selbst eine Tochter. Sie gibt jede Puppe zurück, die ihr jemand schenkt. Dass die Erziehung der Kinder in weiten Teilen der Welt Frauensache ist, sei eine weitere Hürde. Geld für die Kinderbetreuung sei der größte Posten in ihren Ausgaben – und übrigens auch das, was ihr die größten Kopfschmerzen bereite. Schließlich sorgten in vielen Unternehmen, aber auch in der Wissenschaft monologisierende Egomanen, Alphatiere und Machos für eine Atmosphäre, in der sich Frauen nicht einbringen wollen. So fehlten Frauen, an denen sich Frauen ein Beispiel nehmen können.

In ihrem kürzlich erschienenen Buch „Brotopia: Breaking up the Boys’ Club of Silicon Valley“ beschreibt Emily Chang, Techreporterin bei Bloomberg, nicht nur, wie Frauen in vielen der schillernden Firmen schlechter bezahlt und im Alltag an den Rand gedrängt werden. Sondern auch den bornierten Blick derer, die Programmierer lange Zeit rekrutierten: Mitte der Sechzigerjahre beauftragte demnach das Softwareunternehmen System Development zwei Psychologen, den idealen Nachwuchs für die Technologiebranche zu suchen. William Cannon und Dallis Perry befragten 1378 Entwickler nach ihren beruflichen Interessen. Sie meinten aus den Antworten ableiten zu können, wie zufrieden diese im Job seien und wie sehr sie der Firma nützten. Unter den Befragten waren nur 186 Frauen. Ein guter Programmierer, so schlussfolgerten die beiden, sei jemand, der gerne Puzzles löst, mathematische wie mechanische. Ein anderer Indikator: wenn jemand nicht mit Menschen könne. Es gebe, so schreibt Chang, keine Beweise dafür, dass unsoziale Menschen geschickter im Umgang mit Computern seien. Leider aber deute einiges darauf hin, dass ein Unternehmen, das sich auf die Suche nach Eigenbrötlern macht, mehr Männer als Frauen einstellt.

Der Persönlichkeitstest von Cannon und Perry habe nicht nur über Jahrzehnte die Personalauswahl in Firmen geprägt, betont Chang, sondern auch das gesellschaftliche Grundgefühl, wer überhaupt Entwickler werden könne.

Das will die Forscherin Li ändern – und damit auch die Art, wie die nächste Generation von Entwicklern Technologie versteht. Sie hat dazu eine gemeinnützige Organisation namens AI4All gegründet, die im vergangenen Jahr eine üppige Spende von Melinda Gates, der Frau von Microsoft-Gründer Bill Gates, sowie vom Chef des Chipherstellers Nvidia, Jensen Huang, und dessen Frau erhalten hat. Der Name ist Programm: Künstliche Intelligenz soll für alle da sein. Vor vier Jahren richtete Li erstmals ein Sommercamp für Schülerinnen in Stanford aus, 14 bis 15 Jahre waren sie, in einem Alter, in dem sie genug von Mathe verstehen, die Lebensplanung aber noch nicht festgezurrt ist. Li brachte den Mädchen die technologischen Grundlagen von KI bei, aber auch Anwendungen, die mehr als nur cool sind.

Ein Team in dem Sommercamp beschäftigte sich mit Sprachverarbeitung und durchforstete Tweets während eines Wirbelsturms, um herauszufinden, wo Wasser knapp oder jemand verletzt war. Die Schülerinnen schrieben dann Algorithmen, die Nachrichten nach Schlagworten scannen – und auch bei anderen Katastrophen Hilfe an die richtigen Stellen bringen können. Ein anderes Team ist der Frage nachgegangen, wie selbstfahrende Autos gebaut sein müssen, damit sie Menschen Arznei aus der Apotheke holen können.

In diesem Jahr gibt es KI-Sommerkurse an vier weiteren Unis: Princeton will Schüler aus Einwandererfamilien für die Technologie begeistern. Die Simon-Fraser-Universität im kanadischen Burnaby plant, Jugendliche den Einsatz von KI in ländlichen Regionen erforschen zu lassen.

Wer Start-ups oder Techevents in China besucht, dem fällt der Unterschied zum Silicon Valley sofort ins Auge: Die dortigen Unternehmen haben nicht nur mehr Top-Positionen mit Frauen besetzt. Auch bei der Verteilung von Risikokapital haben Frauen mehr zu sagen – und damit auch darüber, wie die Gesellschaft KI nutzt.

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