Künstliche Intelligenz Nicht nur Nerds

Fei-Fei Li Quelle: Saul Bromberger & Sandra Hoover Photography

Weiße Männer in Kapuzenpullis programmieren die Zukunft und vergessen dabei die Sorgen vieler Menschen. Nun kämpfen einige Frauen für buntere Entwicklerteams.

Die Geschichte von Fei-Fei Li ist die Geschichte einer Frau, die es geschafft hat. Getrieben von einem enormen Durst nach Wissen. Im Alter von 16 Jahren flüchtete sie gemeinsam mit ihren Eltern von China in die USA. Englisch konnte keiner von ihnen, viel Geld hatten sie nicht.

Heute, 25 Jahre später, ist Fei-Fei Li einer der klügsten Köpfe weltweit für die Entwicklung von künstlicher Intelligenz (KI). Sie forscht in Stanford, wo sie seit 2009 ein System gefüttert und trainiert hat, das Millionen von Bildern bis in kleinste Feinheiten hinein voneinander unterscheiden kann. Damit der Mensch die Welt so genau wahrnimmt, hat die Evolution mehr als 500 Millionen Jahre gebraucht. Li brauchte nicht einmal zehn, um eine Maschine zu erschaffen, die es damit aufnehmen kann.

Vor einem Jahr hat der Technologiekonzern Google sie als Chefforscherin für KI eingekauft. Damit ist sie im Silicon Valley eine Ausnahmeerscheinung: eine der wenigen Frauen in Spitzenpositionen unter lauter Männern.

Stolz darauf ist sie nicht. Es bereitet ihr Sorgen. „Maschinen haben kein eigenes Wertesystem. Sie spiegeln immer unsere menschlichen Werte wider.“ Wenn vor allem weiße Jungs in Kapuzenpullis Maschinen entwerfen, ticken diese auch wie weiße Jungs in Kapuzenpullis. Algorithmen, die Stellenanzeigen für besser bezahlte Jobs vor allem auf den Bildschirmen von Männern zeigen, sorgten schon für Schlagzeilen. Was soll passieren, wenn KI den Alltag noch stärker prägt? Li kämpft dafür, dass mehr Frauen, Schwarze und Menschen aus allen sozialen Schichten KI entwickeln.

Viel steht auf dem Spiel: Mit Maschinen, die wie jene in Lis Labor große Mengen an Daten durchforsten, daraus in kürzester Zeit eigene Schlüsse ziehen und sich stetig selbst optimieren, hält die Menschheit eine vielversprechende Technologie in ihren Händen. Doch jede Maschine macht nur, was Menschen ihr beibringen. Und nur dort, wo Menschen sie einsetzen. Eine bessere Bilderkennung etwa kann in Smartphones für lustige Animationen sorgen. Oder dafür, Krebserkrankungen genauer zu diagnostizieren und den Schädlingsbefall auf Feldern früher zu erkennen.

Lis Kampf für mehr Vielfalt in den Entwicklerteams ist also auch ein Kampf dafür, dass bei dieser so wichtigen Technologie auch jene Bedürfnisse Berücksichtigung finden, die einem weißen Nerd im Kapuzenpulli schlichtweg nicht in den Sinn kommen. Die Forscherin steht stellvertretend für eine ganze Bewegung. Auch das Programm des Techfestivals South by Southwest zum Beispiel, das in den nächsten Tagen in Austin beginnt, ist geprägt vom Ruf nach bunteren Teams von Entwicklern, Gründern und Wagniskapitalgebern.

„Wenn Probleme uns nicht betreffen, halten wir sie nicht für wichtig. Und vielleicht wissen wir nicht einmal, dass es sie gibt, weil wir kaum mit Menschen zu tun haben, denen diese Probleme das Leben schwer machen“, sagt Timnit Gebru, die für Microsoft forscht. Im vergangenen Jahr hat sie schwarze Entwickler zusammengebracht. Vor wenigen Tagen eine Konferenz ausgerichtet, um über Gerechtigkeit in der KI zu diskutieren. „Wenn wir keine gemischten Forscherteams haben, werden wir die Probleme der Welt, vor denen die meisten Menschen stehen, nicht lösen.“

Fei-Fei Li sitzt vor der gläsernen Front des Google-Büros in London, hinter ihr die imposante Kulisse der City. Sie weiß, dass es sich dabei nur um einen kleinen Ausschnitt der Welt handelt. Aufgewachsen in China. Verheiratet mit einem Italiener. Lebensmittelpunkt an der Westküste der USA. Vielleicht mache ihre persönliche Geschichte sie zu einem empathischeren Menschen, sagt Li. Gewiss aber zu jemandem, der kulturelle Vielfalt zu schätzen weiß.

„Das Silicon Valley“, sagt Li, „neigt dazu, Technologie zuallererst als etwas Cooles anzusehen.“ Das sei nicht genug. „Viele Studenten, Frauen, aber auch Menschen aus ärmeren Familien können wir damit nicht begeistern.“ Ein Kind aus einem indischen Armenviertel entscheide sich für eine Ausbildung zum Entwickler, um der Familie zu helfen. Nicht wegen cooler Gadgets.

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