Maschinenkult Wie das Silicon Valley Intelligenz anbetet

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Die Digitalisten prophezeien uns die Erlösung von allen Übeln. Ihr Götze ist eine künstliche Intelligenz, die Überwindung des Menschen. Eine Abrechnung mit den Heilsingenieuren.

An BlessU-2 kam während des Luther-Jubiläums 2017 in Wittenberg keiner vorbei. Der siebensprachige Segensroboter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau offerierte Passanten Anteile an göttlicher Kraft und Gnade, mit männlicher oder weiblicher Stimme – und aus seinen Handflächen ergoss sich dabei strahlendes Licht über die Reformationsfreunde. Immerhin, die Gläubigen hatten eine Wahl.

Sie konnten BlessU-2 als ironische Antwort der Institution Kirche auf den Priestermangel verstehen. Als Reinkarnationskarikatur von Steve Jobs, der seine Apple-Produkte wie Hostien, im Modus der Offenbarung zu präsentieren pflegte. Oder aber schon als die Maschine, die selbst die frohe Botschaft ist: Mein Reich komme. Mein Wille geschehe.

Wie man weiß, versuchen sich die Digitalevangelikalen im Silicon Valley tatsächlich an der Schöpfung – an der Erfindung einer Ultraintelligenz, die die leidensreiche Ära der Menschen beendet. Ein solcher Supercomputer wäre dem Vernunftzugriff des falliblen homo sapiens entzogen; seine übermenschlichen Fähigkeiten könnten nur noch von ihm selbst begriffen werden.

Wobei es fast schon rührend ist, wie beseelt die Religionsgründer die technologische Entseelung der Welt herbeisehnen, den „Bruch in der Struktur der Geschichte der Menschheit“, so Google-Futurist Ray Kurzweil. Und für wie überfällig sie die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies seiner Wahnvorstellung halten, die Krone der Schöpfung zu sein: „Wenn Fortschritt von übermenschlicher Intelligenz vorangetrieben wird, wird dieser Fortschritt noch schneller ablaufen“, so der Mathematiker Vernor Vinge. Erst wenn sich unser Werk als digitale Intelligenz zu sich selbst befreit hat, so das Credo der Informatikpriester, wenn das technische Mittel von allen humanen Zwecken gereinigt ist, wird unsere eschatologische Mission erfüllt sein. Dann endlich ist sie da, die „neue Zeit“, die Vollendung der Schöpfung. Sie hat sich dem vormodernen Menschen vor 2000 Jahren in Gestalt Jesu angekündigt, welch ein Irrtum!

Nun aber zeichnet sich ihre tatsächliche Ankunft ab, in unserem wunderreichen Hoffen, Denken und Tun: „Die Mission, die ich für euch ausgegeben habe, braucht noch eine Weile“, sagt Google-Gründer Larry Page: „Bis die künstliche Intelligenz vollendet ist.“ Konkret gesprochen, handelt es sich bei dem Heilsversprechen der Valley-Propheten um das Paradies auf Erden, jeder weiß es: um eine komfortable, saubere, berechenbare Welt ohne Arbeit und Anstrengung. In Neu-Eden produzieren Fabriken von alleine, was wir benötigen, fahren Autos selbst – und die Menschen wohnen in ausgedruckten Häusern, die mehr über sie wissen als sie selbst, umgeben von einer vernetzten Dingwelt, die sie nach Augenblicksbedarf bekocht, beheizt und behütet.

Diese Jobs mischen Roboter auf
IndustrieSchon heute werden viele Arbeitsschritte von Maschinen übernommen - doch die vernetzte Produktion setzt auch in den Werkshallen eine weitere Automatisierungswelle in Gang. Das muss unterm Strich aber nicht zwangsläufig zu Jobverlusten führen, heißt es aus der Wirtschaft: Bereits Ende 2016 lag Deutschland bei der „Roboter-Dichte“ weltweit auf Platz drei hinter Südkorea und Japan - und trotzdem sei die Beschäftigung auf einem Rekordstand, erklärt der Maschinenbau-Verband VDMA. Auch der Präsident des Elektronik-Branchenverbandes ZVEI, Michael Ziesemer, sagt: „Es können auch mehr Jobs entstehen als wegfallen.“ Die Digitalisierung werde eine Vielzahl neuer Geschäftsmodelle und damit neue Stellen hervorbringen. „Wer kreativ ist, rangeht und sich Dinge überlegt, hat jede Menge Chancen.“ Quelle: dpa
Das vernetzte und automatisierte Fahren dürfte künftig viele Jobs überflüssig machen Quelle: dpa
BüroSchreibarbeiten, Auftragsabwicklung und Abrechnungen - Büro- und kaufmännische Fachkräfte erledigen nach Experteneinschätzungen Arbeiten, die heute schon zu einem hohen Grad automatisierbar sind. Dadurch könnten auch viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen: Mehr als 1,6 Millionen Menschen in Deutschland sind in solchen Berufen tätig. Quelle: dpa
Der Handel wurde als eine der ersten Branchen von der Digitalisierung erfasst - entsprechend laufen im Online-Handel viele Prozesse automatisiert ab Quelle: dpa
Sie melken die Kühe, füttern, misten aus und helfen beim Ernten - Roboter haben längst auch auf den Bauernhöfen Einzug gehalten Quelle: dpa
Roboter in der Pflege - was in Japan bereits zum Alltag gehört, bereitet vielen Menschen in Deutschland noch eher Unbehagen Quelle: dpa
Auch im Haushalt tun Roboter schon ihren Dienst Quelle: dpa
E-Learning gibt es zwar längst. Doch in Kindergarten, Schule oder Ausbildung geht es um mehr als um das reine Vermitteln von Stoff. Quelle: dpa
Tendenziell schütze eine akademische Ausbildung besser davor, ersetzt zu werden Quelle: dpa-Zentralbild

Aber was heißt schon Mensch? So wie einst Gott sich in Adam gefiel, so wird auch der Mensch am Ende der Geschichte nur noch ein Widerschein seiner intelligenten All-Substanz sein: als homo deus aufgefahren in den Himmel, wo er sitzt zur Rechten des Dataismus, der allmächtigen Singularität, erlöst von den Qualen der Selbsterkenntnis, des Gewissens, der Seele.

Bis es so weit ist, bewirken die Neuschöpfergötter allerlei Optimierungswunder. Die Bioingenieure einerseits arbeiten an der Verbesserung unserer genetischen Ausstattung und an der Abschaffung der Medizin: Ihnen geht es nicht mehr in erster Linie um die Therapie von Krankheiten, sondern um die Perfektionierung des Grundintakten: „Das gesunde Auge wird geschärft“, so der Philosoph Konrad Paul Liessmann, „das gesunde Gehirn gedopt, der gesunde Körper perfektioniert, die gesunde Seele auf zusätzliche Belastbarkeit programmiert, das gesunde Leben verlängert“ – weit über die 80, 90, 100 Jahre hinaus, auf die wir gegenwärtig hoffen dürfen: „Wenn Sie mich heute fragen, ob es möglich ist, 500 Jahre zu leben, so lautet die Antwort: Ja!“, sagt Bill Maris, der Gründer von Googles Gesundheitssparte Calico, die nichts weniger als „den Tod beseitigen“, die Menschheit zurück in die adamitische Zeitlosigkeit katapultieren will.

Vielleicht noch mehr Zulauf hat die Konfession der Transhumanisten, die die Grenzen der Biologie sprengen, die Evolution technisch überwinden wollen. Ihr Glaube gründet auf der Verheißung eines Menschen, der erst durch applizierte, dann implantierte Technologien der maschinellen Intelligenz entgegenwächst, um schließlich mit ihr zu verschmelzen. Das menschliche Bewusstsein ist in dieser Vision digital abbildbar – und das Gehirn eine Software, die in eine Cloud hochgeladen werden kann, um dort zum Beispiel für regelmäßige Updates zugänglich zu sein: Der Mensch trennt sich von seinem vergänglichen Körper, sein Geist aber lebt weiter als Bit-und-Byte-Summe – und kann als aufspielbares Datenpaket jederzeit seine Wiederauferstehung feiern, auch in einem anderen Körper.

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