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Medienphänomen Wer hinter Heftig.co steckt, wird Sie überraschen

Exklusiv

Heftig.co lockt mit Tiervideos und Herz-Schmerz-Geschichten Nutzer von Twitter und Facebook. Lange war fraglich, wer hinter der Webseite steckt - bis jetzt.

Die Macher von Heftig.co sind enttarnt. Ihre Namen: Michael Glöß und Peter Schilling Quelle: WirtschaftsWoche Online

Die Internetseite Heftig.co stellt die Online-Welt seit Monaten vor ein Rätsel – wer steckt hinter dem Portal, das mit reißerischen Schlagzeilen nach dem Muster „Seine Mama ist an Krebs erkrankt. Also hat er etwas gemacht, das mich unglaublich berührt hat“ bislang fast 800.000 Facebook-Fans einsammeln konnte?

Nach Informationen von WirtschaftsWoche und Meedia heißen die Macher von Heftig.co Michael Glöß, 34, und Peter Schilling, 39. Das Webportal gehört der DS Ventures GmbH mit Sitz in Potsdam und stellt das jetzt auch in seinem Impressum klar. Das Unternehmen befindet sich im vollständigen Besitz der beiden Gesellschafter. Um das exponentielle Wachstum abzustützen, wollen die beiden Gründer ihr Angebot professionalisieren und Mitarbeiter einstellen. Dazu werden in Potsdam geeignete Büroräume gesucht. Die Gründer sind in Gesprächen mit Vermarktungspartnern für Heftig.co. Um die Pressearbeit kümmert sich die Berliner PR-Agentur semanticom. Die Internetadresse www.heftig.co bleibt unverändert.

Was die Deutschen im Internet suchen
Der Begriff Miete wurde in den Monaten Januar bis August 2013 deutlich häufiger gesucht als noch vier Jahre zuvor. Die Steigerung liegt bei 79 Prozent. Die steigenden Mietpreise in den Städten werden für nicht wenige Bürger zum Problem. Fast alle Parteien haben sich daher bereits für eine Mietpreisbremse nach der Wahl eingesetzt. Die Wohnungsbaugesellschaften stellen sich dagegen. Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor der Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber in Bad Mergentheim auf einer Tischtennisplatte. Auch die Zuwanderungspolitik scheint die Deutschen mehr zu beschäftigen. Der begriff Asyl wurde jedenfalls 64 Prozent häufiger bei Google gesucht als noch vor vier Jahren. Quelle: dpa
Ebenfalls eingeschlagen hat die Debatte über die niedrigen Gehälter in etlichen Branchen - von Taxifahrern über die Fleischindustrie bis hin zu den Pflegeberufen. Die Google-Suche nach dem Wort Mindestlohn hat zumindest um 52 Prozent zugenommen. Quelle: dpa
Ob Hochschulen und Universitäten Studiengebühren erheben, ist nach dem föderalen System in Deutschland Ländersache. Für künftige Studierende kann der Wegfall von Studiengebühren zum entscheidenden Kriterium werden. Entsprechend häufig wird der Begriff gesucht - 2013 um 40 Prozent häufiger als vor der vergangenen Bundestagswahl. Quelle: dpa
Die stark schwankenden Benzinpreise beschäftigen die Bundesbürger ebenfalls. Auch dieser Begriff wurde häufiger gesucht als 2009. Die Steigerung liegt bei 27 Prozent. Quelle: dpa
2013 hat für gesetzlich Versicherte gut angefangen: Die bürokratische Praxisgebühr von zehn Euro pro Arztbesuch pro Quartal wurde zu Grabe getragen. Doch die Neuregelung bei der Praxisgebühr scheint viele Bundesbürger verwirrt zu haben. Der Begriff wurde zu 24 Prozent häufiger gesucht als vor vier Jahren. Quelle: dpa
Die Sorge um die Lücke in der Altersvorsorge scheint die Menschen auch 2013 weiter stark beschäftigt zu haben. Bei Google wurde das Wort Rente mit einem Plus von 20 Prozent deutlich häufiger gesucht als 2013. Quelle: dpa

Michael Glöß stammt aus dem Ort Werder an der Havel und hat in Potsdam BWL und Digitale Medien in Brandenburg studiert. Er ist Gründer von Cojito.de, einem Szene-Lifenight-Guide für ganz Deutschland. 2008 entwickelte er mit Toksta einen Instant-Messenger-Dienst für soziale Netzwerke. Sein Geschäftspartner Schilling ist gebürtiger Brandenburger und hat in Potsdam BWL studiert. Im Jahr 2000 gründete er den Online-Shop iCook für seltene Kochzutaten und Menüpakete. Inzwischen firmiert das Portal unter dem Namen Kochmeister und verzeichnet rund 50.000 Mitglieder. Schilling gründete zudem PriorMart, einen Dienst, mit dem sich online notarielle Hinterlegungen beauftragen lassen.

Erfolgsrezept: emotionale Überschriften

Glöß‘ und Schillings Erfolgsrezept basiert darauf, dass Heftig.co durch massiv emotionale Überschriften radikal auf den Erfolg in sozialen Netzwerken wie Twitter, Facebook oder Google+ abzielt. „Dieser Mann ist gestorben und hinterließ seiner Familie einen unglaublich bewegenden Brief“ lautet beispielsweise derzeit die Überschrift über einem der Heftig-Beiträge, garniert mit dem rührseligen Foto eines Mannes mit einem Baby auf dem Arm. Allein im April brachten es die Heftig-Macher nach einer Auswertung des Düsseldorfer Medienexperten Jens Schröder so auf 2,356 Millionen Reaktionen in den sozialen Netzwerken  , gemessen nach der Zahl der sogenannten Likes, Tweets oder Shares, die Beiträge auf Heftig.co dort ausgelöst hatten.

Dabei übersprang die frisch gegründete Seite, die nach dem Vorbild etwa von US-Angeboten wie Buzzfeed , Upworthy oder vor allem Viralnova angelegt ist und sich dort offensichtlich auch mit Inhalten eindeckt, vergleichbare Reaktionen auf die Seiten etablierter Medien wie Spiegel Online oder Bild.de. So hat die erst vor einem halben Jahr gestartete Site fast so viel geteilte Beiträge wie die bisherigen Spitzenreiter Spiegel Online und Bild.de zusammen.

Die Rezepte von Buzzfeed und Co

Von 0 auf 100 in 90 billig produzierten Beiträgen

Mehr noch: Schröder weist darauf hin, dass Heftig diese Zahl mit gerade mal 90 Beiträgen auslösen konnte, während Spiegel und Bild ihre zusammen 2,6 Millionen Reaktionen mit gut 6000 Artikeln erreichten, die mit einem Vielfachen des Kostenaufwands entstanden sein dürften als die Heftig-Schmonzetten. Heftig.co steht dabei nicht allein auf weiter Flur sondern nur das derzeit erfolgreichste Beispiel dafür, wie Webseiten mit völlig überdrehten Boulevard-Methoden Leser im Netz abfischen. Ähnlich unterwegs sind etwa Seiten wie Likemag oder Storyfilter.com.

Der erstaunliche Erfolg von Heftig.co in den sozialen Netzwerken hat in den vergangenen Wochen dazu geführt, dass Journalisten wie Internet-Experten nach den Hintermännern der Seite fahndeten – allerdings ohne Erfolg. So verwies das Impressum auf der Heftig-Seite bis vor kurzem lediglich auf ein Unternehmen namens Spring Surfer, das im karibischen Staat Belize angesiedelt ist. Die Webkennung „co“ dagegen verweist auf eine angebliche Herkunft aus Kolumbien. Und von den Heftig-Machern selbst hatte sich öffentlich bis heute niemand zu erkennen gegeben.

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Das kleine Hamburger Medienunternehmen Ramp 106 fühlte sich von der mysteriösen Seite so herausgefordert, dass es über seine Plattform Online Marketing Rockstars sogar eine Art Kopfgeld in Höhe von 1000 Euro ausgeschrieben für denjenigen, der Informationen über die Hintergründe der Heftig-Macher beschaffen könnte. Was die Rockstars beeindruckte: Sie stellten fest, dass Heftig fast 85 Prozent des Traffics über Social-Media-Kanäle erzeuge, das sei mehr als beim Vorzeige-US-Portal Buzzfeed. Zudem sei Heftig im Ranking der Facebook-Seiten von deutschen Medien im April mit knapp 360.000 Fans auf Rang 72 eingestiegen. Inzwischen liegt die Zahl der Facebook-Fans bei mehr als 735.000.

Nach WiWo- und Meedia-Informationen wollen die Heftig-Macher künftig den Anteil der selbst produzierten Inhalte steigern und Inhalte anderer Portale im Rahmen von Kooperationen präsentieren. 

Anmerkung der Redaktion: Nach der Veröffentlichung des Artikels hat Heftig.co sein Impressum angepasst. Wir haben die betreffende Textstelle aktualisiert.

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