Microsofts neue Masche Warum der Software-Gigant Ihnen Windows 10 schenkt - und Sie dennoch zahlen werden

Es sieht aus, wie Selbstmord auf Raten: Microsoft verschenkt das neue Windows, seinen wichtigsten Gewinnbringer. Warum das riskante Manöver funktionieren kann – und die Kunden am Ende womöglich teuer zu stehen kommt.

Microsoft-Chef Satya Nadella Quelle: dpa

Nur mal angenommen, Sie fahren einen Mercedes, egal, ob A- oder S-Klasse. Und dann, eines Morgens in diesem Sommer, stellt Ihnen Daimler-Chef Dieter Zetsche einen Neuwagen vor die Tür. Als Geschenk. Freies Tanken für zwölf Monate gibt’s kostenlos dazu, die Wartung sowieso, und alle Parkgebühren hat der Autoboss auch beglichen. Sie würden Zetsche für verrückt erklären. Erst recht, wenn er behauptete, die Alles-umsonst-Offensive sorge für Umsatzwachstum, weil die Kunden als Dank massig kostenpflichtige Zusatzdienste buchten und der Marke ewig treu blieben.

Doch so wird es kommen. Weltweit.

Nur heißt der vermeintlich selbstmordgefährdete Konzern nicht Daimler, sondern Microsoft; und der angebliche Zetsche ist Satya Nadella. Der 47-jährige Konzernlenker hat nicht weniger vor, als jenes Produkt Hunderte Millionen Mal zu verschenken, mit dem sein Konzern bisher Abermilliarden von Dollar einnahm.

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Erst kürzlich hat Nadella auf Microsofts wichtigster Entwicklerkonferenz, der Build in San Francisco, vor Tausenden Zuhörern seinen Plan bekräftigt: Im Sommer will er Besitzer von PCs, Laptops, Tablets und Smartphones per Gratisofferte dazu bringen, auf das neue Betriebssystem Windows 10 umzusteigen. Ein Klick genügt. „Ende Juli“, verriet Lisa Su, Vorstandsvorsitzende des Chipherstellers AMD, vor ein paar Tagen „ist es so weit.“

Nadella bricht mit allem, was Microsoft groß gemacht hat: dem Verkauf teurer Softwarelizenzen. Es ist eine riskante Wette auf die Zukunft des wichtigsten Softwareanbieters der Welt. Doch der Top-Manager hat keine andere Wahl, als sein Geschäftsmodell radikal umzubauen. „Unsere Branche respektiert keine Tradition, sie respektiert nur Innovation“, verkündet er. Und fordert „Mut“ von sich und seinen Mitarbeitern.

Seit Jahren ist Windows – neben der Bürosoftware Office – die Profitmaschine des Konzerns. Bislang mussten dessen Nutzer zwischen 40 und 200 Dollar für ein Upgrade berappen. Allein seit der Jahrtausendwende hat Microsoft mit dem Verkauf von Softwarelizenzen rund 200 Milliarden Dollar verdient. Bis heute liefern Windows und Office direkt und indirekt die Quelle für 80 Prozent des Konzerngewinns.

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Mit seiner neuen Strategie kannibalisiert Nadella dieses Geschäft ganz bewusst. Die vermeintliche Gratisgabe soll die Kunden verführen, Extradienste zu mieten. Über Details schweigt sich Microsoft noch aus, aber denkbar ist einiges.

Statt „Online-Speicher en gros“ gibt’s nach ein paar Monaten eventuell nur noch ein paar Gigabyte umsonst. Vorhandene Dokumente oder Fotos werden zwar nicht gelöscht, aber wer neue dazuspeichern will, muss Extraplatz mieten. Statt persönlicher Titellisten spielt der Musikdienst nur noch vorgemixte Programme ab. Und mit dem Online-Office lassen sich vielleicht noch Briefe verfassen, aber ausdrucken kann sie der Windows-Nutzer womöglich nur noch, wenn er ein Abo abschließt. Am Ende, so der Plan, zahlt der Kunde also doch wieder und nicht zu knapp. Statt über einen einmaligen Softwareverkauf soll das Geld kontinuierlich fließen.

Trotzdem wird der Schritt anfangs drastisch zulasten von Microsofts Umsatz und Gewinn gehen, bevor die neuen Erlösquellen dann eventuell sprudeln.

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