Mobile World Congress Die Telekom-Konzerne vergessen die normalen Verbraucher

Das neue Mobilfunk-Paradoxon: Für die 5G-Netze wünscht sich die Industrie all das, wovon Normalkunden seit Langem träumen. Warum fragt eigentlich niemand die Verbraucher, was sie wollen?

Ein Roboter, der 5G-Technologie nutzt, ist am Deutsche-Telekom-Stand auf dem Mobile World Congress in Barcelona zu sehen. Quelle: REUTERS

Sind Maschinen eigentlich mächtiger als Menschen? Nach vier Tagen Mobile World Congress beschäftigt mich diese Frage mehr denn je. In allen Foren diskutieren Experten über den neuen Super-Standard 5G. Und insbesondere die Netzbetreiber fordern von der Industrie immer wieder konkrete Wunschlisten. Sie wollen wissen, welche Anforderungen die fünfte Generation von Mobilfunknetzen erfüllen muss, damit sie besser funktioniert als die Vorgängertechniken GSM, UMTS oder LTE.

Die ersten Wunschlisten liegen sogar schon vor. Ganz gleich, ob vernetzte Autos, Maschinen oder Fabriken, die 5G-Technik soll nicht nur superschnell und superstabil laufen. Das reicht der Industrie für die Fabrik 4.0 nicht: Der Energieverbrauch soll zum Beispiel so niedrig sein, dass mit Funksensoren bestückte Brandmelder im neuen Internet der Dinge zehn Jahre lang halten.

Und wenn sie ein Jahrzehnt im Standby-Modus schlummern, sollen sie auch noch in Sekundenbruchteilen aufwachen und Alarm schlagen. Absolut utopisch aus heutiger Sicht. Mehr noch. Auch nach zehn Jahren soll die Technik so hundertprozentig sicher und abgeschirmt funktionieren, dass alle Angriffe von Hackern und Cyberkriminellen abprallen.

Ich staune Bauklötze. Mich hat noch kein Netzbetreiber gefragt, was ich mir so alles für das 5G-Zeitalter wünsche. Eigentlich wurde ich auch noch nie gefragt. Dabei ärgere ich mich täglich. Etwa über Funklöcher. Der Mobilfunk ist schon 25 Jahre alt und hat es trotzdem nicht geschafft, alle Löcher zu stopfen. Nicht auf dem Land, nein, mitten im Rhein-/Ruhrgebiet. Wer täglich mit der Bahn zwischen Köln und Düsseldorf pendelt, weiß, wovon ich rede und wie oft die Verbindung dort abreißt.

Es gibt aber noch viel mehr Unvollkommenheiten der Digitaltechnik. Mein Akku ist schneller aufgebraucht als das Datenvolumen. Die ständige Suche nach Steckdosen ist so nervig, dass das virtuelle Überleben nur mit Reserve-Akkus möglich ist. Liebe Mobilfunkindustrie, ich wäre schon mit einer Batterie oder einem Akku mit einer Laufzeit von zehn Tagen hoch zufrieden. Das solltet ihr in eure To-Do-Liste für den 5G-Mobilfunk aufnehmen.

Die MWC-Highlights in Bildern
Sony Xperia ZSony schickt sein neues Mobilfunk-Flaggschiff Xperia XZ ins Rennen gegen die Premium-Hersteller. Als weltweit erstes Smartphone könne das Gerät auf seinem 5,5 Zoll großen Display Bilder in Ultra-HD-Auflösung (4K) und der Bildoptimierungstechnik HDR darstellen, kündigte Sony-Mobile-Chef Hiroki Totoki am Montag auf dem Mobile World Congress in Barcelona an. Die 19-Megapixel-Kamera ermöglicht dank einer neuen Speicher-Technologie Zeitlupenaufnahmen mit bis zu 960 Bildern. Das ergebe vier Mal so detailreiche Aufnahmen als bisher möglich, sagte Totoki. In Kooperation mit dem Netzwerkspezialisten und Chiphersteller Qualcomm hat der japanische Konzern sein Premium-Modell auch fit für die Netze der Zukunft gemacht. Das Xperia XZ unterstützt Gigabit LTE, über das Filme und Musik in Sekundenschnelle auf das Smartphone heruntergeladen werden können. Quelle: REUTERS
Samsung Tab S3Am größten Smartphonebauer der Welt sind die vergangenen Monate nicht spurlos vorbeigegangen. Nach dem Desaster um das brandgefährliche Galaxy Note 7 stellte der Konzern auf dem Mobile World Congress in Barcelona kein neues Smartphone-Flaggschiff vor. Stattdessen präsentierte der Konzern zwei neue Geräte aus der Notebook- und Tablet-Klasse. Das Tablet Galaxy Tab S3, das Samsung am Sonntag vorstellte, soll sich mit hochwertigem Design und üppiger Ausstattung vor allem in der Oberklasse behaupten, die Apple mit seinem iPad dominiert. Das Gerät mit Android-Betriebssystem ist sowohl auf Unterhaltung als auch auf Produktivität ausgerichtet. Die Rückseite ist komplett in Glas gehalten. Der Amoled-Bildschirm soll Bilder detailgenau in brillanten Farben (HDR, High Dynamic Range) wiedergeben. Eingesteckt in eine Tastatur lässt sich das Gerät auch als Notebook-Ersatz nutzen. Quelle: REUTERS
Samsung Galaxy BookMit dem Galaxy Book stellte Samsung zudem ein sogenanntes Convertible vor, das mit Microsofts Betriebssystem Windows 10 und Intel-Prozessor (Kaby Lake) ausgestattet ist. Die Eingabe auf dem 10,6 Zoll großen Bildschirm erfolgt wahlweise über die Tastatur oder mit Hilfe eines Stiftes, der haptisch den Eindruck erwecken soll, tatsächlich auf Papier zu schreiben. Es lassen sich zwei separate Oberflächen - zum Beispiel für die private und die berufliche Nutzung einrichten, die sich mit einem seitlichen Wisch mit dem Finger sofort wechseln lassen. Klappt man die Tastatur zurück, wechselt das Display automatisch in den Tablet-Modus. Quelle: REUTERS
Nokia 3310Einst war Nokia der Inbegriff für Macht auf dem Mobilfunkmarkt. Dann verschliefen die Finnen den Aufstieg des Smartphones und erlebten einen Albtraum. Das Unternehmen stürzte in die Bedeutungslosigkeit. Ein Wiederbelebungsversuch durch Microsoft geriet zum kolossalen Flop. Unter der Führung von HMD Global meldet sich die Marke nun zurück und belebt öffentlichkeitswirksam eine Legende wieder: Der Konzern hat eine Neuauflage des 3310 - Snake und Nokia-Klingeltone inklusive. Das Original wurde im Jahr 2000 veröffentlicht und erfreute sich enormer Beliebtheit. Auch die Neuauflage soll vor allem mit der Akku-Power überzeugen: Laut Unternehmen sind 22 Stunden Sprechzeit und bis zu einem Monat Standby möglich. Auf den mittlerweile gewohnten Smartphone-Komfort müssen Käufer allerdings verzichten. Kosten soll das Gerät gerade einmal knapp 50 Euro . Quelle: dpa
Nokia 6HMD Global zeigte in Barcelona aber auch gleich mehrere neue Smartphones - alle mit dem Betriebssystem Android. Das für den wachsenden chinesischen Markt gebaute Nokia 6 (Bild) wird bald auch Europa vertrieben. Mit einem Preis von 300 Euro für die Special-Edition und 229 Euro für die normale Variante gilt es ein typisches Mittelklasse-Smartphone. Als Einsteiger- oder Zweitgerät eignet sich der kleine Bruder. Das Nokia 5 ist 5,2 Zoll groß, aus Aluminium, in verschiedenen Farben verfügbar und soll etwa 189 Euro kosten. Noch günstiger ist das Nokia 3: Der Preis liegt bei 139 Euro. Das Gerät verfügt über einen fünf Zoll großen HD-Screen. Quelle: REUTERS
Huawei P10 und P10 PlusAttacke der Nummer 3: Huawei will mit zwei neuen Modellen seiner P-Serie seine Marktposition stärken und Apple und Samsung Konkurrenz machen. Besonderes Augenmerk hat Huawei beim P10 und das P10 Plus auf die Kameraleistung gelegt. Das Objektiv ist in Kooperation mit den Traditionshersteller Leica gefertigt. Damit seien nahezu professionelle Aufnahmen möglich, versicherte Smartphone-Sparten-Chef Richard Yu (im Bild). In seiner Präsentation verglich Yu die neuen Modelle mehrfach mit Apples iPhones. So soll das P10 Plus bei gleicher Größe eine größere Batterieleistung haben als das iPhone 7 Plus. Zahlreiche Verbesserungen wie eine schnellere Ladezeit, eine Akkulaufzeit von 1,8 Tagen bei normalem Gebrauch sowie ein hochwertiges Display sollen die Geräte in die Spitzenliga bringen. Dass Marktführer Samsung nach seinem Note-7-Debakel das Nachfolgemodell seines Galaxy S7 aller Voraussicht nach erst im April auf den Markt bringen wird, könnte den Ambitionen des chinesischen Herstellers ebenfalls entgegenkommen. (
Huawei Watch 2Neben dem Smartphone-Flaggschiff stellte Huawei im Rahmen des MWC auch eine neue Smartwatch vor. Die Uhr namens Watch 2 soll im März in zwei Varianten auf den Markt kommen: der normalen und einer „klassischen“ Version. Die Watch 2 richtet sich mit GPS-Modul und Herzfrequenz-Tracker an sportliche Nutzer. In der teuren Version der Uhr ist auch eine direkte Verbindung zum Mobilfunknetz möglich: Wer eine Nano-Sim-Karte einsetzt, kann die Uhr unabhängig vom Smartphone nutzen. Andernfalls wird die Uhr über Bluetooth mit dem Smartphone verbunden. Auch die Optik ist auf sportlich und kommt in knalligen Farben. Die Huawei Watch 2 Classic hat ein in Gehäuse aus Edelstahl und ein klassisches Lederarmband. Allerdings gibt es zum Beispiel nicht die Möglichkeit, eine Sim-Karte einzusetzen. Preise: In der Bluetooth-Version kostet die Huawei Watch 2 329 Euro, in der 4G-Variante 379 Euro. Die Watch 2 Classic liegt bei 399 Euro. Quelle: REUTERS

Und noch etwas ärgert mich gewaltig. Je schneller die Rechner werden, umso länger dauert morgens das Hochfahren. Zehn bis fünfzehn Minuten vergehen zwischen dem Drücken des Startknopfes und dem Lesen der ersten E-Mail. Das kann doch nicht das letzte Wort sein.

Und wenn ich aus dem Sommerurlaub zurückkehre, treiben mich diverse Updates in den Wahnsinn. Ich prophezeie: Wenn mein Computer in einen zehnjährigen Tiefschlaf (Standby) fällt, am 1. März 2027 würde gar nichts mehr funktionieren. Das Betriebssystem wäre gar nicht mehr up-to-Date. Für die Brandmelder und Maschinensteuerungen suchen die Telekom-Konzerne jetzt nach einer Lösung. Warum nicht auch für den normalen Privatnutzer?

Meine größte Sorge ist allerdings, dass ich auch Opfer der explosionsartig steigenden Angriffe von Hackern und Cyberkriminellen werde. Deshalb wünsche ich mir ein Internet, dass ohne Schwachstellen und Sicherheitslücken auskommt. Liebe Hersteller von Software und Betriebssystemen, verabschiedet euch von dieser Quick-and-Dirty-Mentalität und bringt Produkte erst auf den Markt, wenn sie sicher und ausgereift sind. Wenn der 5G-Mobilfunk neue, weit höhere Qualitätsstandards für das autonome Auto entwickeln soll, dann möchte ich solch sichere Verbindungen auch in meinem vernetzten Zuhause bekommen. Premium sollte es nicht nur für Maschinen, sondern auch für den Menschen geben.

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