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Mobiles Internet Smartphone-Pionier Palm nun im Schoss von HP

Neue Heimat für Palm: Hewlett-Packard kauft den finanziell angeschlagenen Smartphone-Pionier. Dieser Schritt setzt vor allem HPs langjährigem Verbündeten Microsoft zu.

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Palm-Hauptquartier in Quelle: AP

Monatelang wurde im Silicon Valley heiß über das Schicksal von Palm spekuliert. Wer würde den finanziell angeschlagenen PDA-und Smartphone-Pionier kaufen? Sony, Cisco, Dell, Acer, Lenovo, HTC oder vielleicht sogar Microsoft?

Nun hat jemand zugeschlagen, den niemand richtig auf der Liste hatte – Hewlett Packard. Die nach Umsatz größte Technologiefirma der Welt will Palm für 1,2 Milliarden Dollar erwerben, ein Aufschlag von 23 Prozent auf den Aktienkurs vom Mittwoch. Der lag bei 4,63 Dollar, im September 2009 pendelte er noch zwischen 17 und 18 Dollar. Vom Börsengang 2000 ganz zu schweigen – damals war eine Palm-Aktie noch 340 Dollar wert. 

Trotzdem sind das gute Nachrichten, nicht nur für die gebeutelten Aktionäre von Palm: Zum einen kriegt Palm, das ohne frischem Kapital dem Untergang geweiht gewesen wäre, eine finanziell sichere Heimat. Palm-Finanzier Elevation Capital kommt mit einem blauen Auge davon. Der Wagnisfinanzierer, bei dem der Rockstar Bono einer der Partner ist, bekommt sein ursprüngliches Investment von 460 Millionen Dollar plus Aufschlag von rund 25 bis 30 Millionen Dollar wieder zurück.

Nicht nur Smartphones, sondern auch Tablets

Zum anderen kommt frischer Schwung in den heiß umkämpften Smartphone-Markt – Apple, Nokia, Google und Research in Motion (Blackberry) kriegen nun Konkurrenz durch den größten PC-Hersteller der Welt mit einem internationalen Vertriebsnetz. „Das Gerangel um die Dominanz in der Hightech-Welt  fokussiert sich immer mehr auf das mobile Internet“, sagt Tina Teng, Analystin des Marktforschungsunternehmen iSuppli. „Mit dem Kauf von Palm stellt sich HP als einer der Spieler in dieser Technologie-Schlacht auf.“

HP-PC-Chef Todd Bradley, von 2002 bis 2005 Chef von Palm, will die Software und Hardware seines Ex-Arbeitgebers nutzen, um HP nicht nur einen Wettbewerbsvorteil im boomenden Smartphone-Markt zu verschaffen, sondern zugleich auch bei Netbooks und Tablet-PCs. Denn genauso wie  das Google gesponsorte  Betriebssystem Android eignet sich auch Palms OS für diese Geräte. Damit würde HP erstmals nicht nur die Hardware, sondern auch die Software für seine Mobilgeräte kontrollieren.

Riskante Strategie für HP

Die Strategie ist jedoch riskant. Es ist unklar, ob der Markt ein weiteres Betriebssystem verträgt, selbst mit den tiefen Taschen und der Vertriebsexpertise von HP. Und es ist ein Rückschlag für Google, dass Android in so viele Mobilgeräte wie möglich verpflanzen will.

Doch selbst wenn die Akquise nicht ganz so gut passt wie erhofft, bleiben immer noch die wertvollen Patente von Palm. Das Unternehmen erfand mit seinem Palm Pilot den PDA-Markt und war mit seinem Treo später einer der Pioniere im jungen Smartphone-Geschäft. Seitdem sich fast alle Smartphone-Größen untereinander mit Patent-Klagen bekriegen, sind die etwa 1650 Palm-Patente ein strategisch wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Dem Palm-Management unter dem früheren Apple-Topmanager Jon Rubinstein, der HP beraten soll, kann man viel vorwerfen. Nur eines nicht: Schlechte Produkte. Das Flaggschiff Palm Pre und die abgespeckte Variante Pixi sind attraktive Smartphones, mit einem Betriebssystem, das dem von Apples iPhone derzeit technisch sogar überlegen ist.

Palms großer Fehler bei der US-Lizensierung

Palm-chef Jon Rubinstein Quelle: dpa

Doch Palm und seine Finanziers begingen einen großen Fehler. Sie lizenzierten den Palm Pre zum Start exklusiv an die US-Mobiltelefongesellschaft Sprint. Der laufen nicht nur in Scharen die Kunden davon. Sprint setzt auf einen Mobilfunkstandard, der nahezu ausschließlich in den USA genutzt wird.  Zu spät erweiterte Palm die Palette um Modelle mit dem Weltstandard GSM.

Zudem mangelte es stets an Kapital, das Unternehmen war finanziell zu schwachbrüstig aufgestellt. Weder konnte Palm großartige Vermarktungsaktionen fahren, noch genügend Entwickler für ihren Applikationsstore gewinnen.  Die ständigen Verkaufsgerüchte taten ihr übriges. Die Folge: Während Apple im vergangenen Quartal weltweit 8,7 Millionen Exemplare seines iPhones absetzte, verkaufte Palm nur etwa eine halbe Million Stück seiner Pre-Reihe. Seit zweieinhalb Jahren macht Palm Verluste, die sich auf knapp 1,2 Milliarden Dollar summieren.

Seitensprung zu Lasten Microsofts

Klarer Verlierer des Palm-Verkauf ist Microsoft. HP galt bislang als einer der wichtigsten Verbündeten des Softwarekonzerns im Mobiltelefongeschäft, setzte exklusiv auf Windows Mobile. Allerdings bot HP in jüngster Zeit nur noch ein Smartphone an, das größtenteils an Unternehmenskunden verkauft wurde. Bradley schließt mit der Palm-Akquise eine Lücke im Produktprogramm. Denn Wettbewerber wie Acer oder Dell bieten eine ganze Reihe von eigenen Smartphones an oder haben sie zumindest angekündigt.

HP-Topmanager Bradley betont zwar, dass HP auch weiterhin eng mit Microsoft zusammenarbeiten wird. Schließlich ist HP der größte PC-Hersteller der Welt. Doch mit dem Seitensprung von HP auf Palm ist nun endgültig klar: Microsofts Strategie, kein eigenes Smartphone auf den Markt zu bringen und statt dessen sein Betriebssystem an möglichst viele Handy-Hersteller zu lizenzieren, ist zum Scheitern verurteilt.

Microsoft gehen reihenweise die Partner von der Stange. HTC, Motorola und Samsung setzen zunehmend auf die von Google geförderte Alternative Android. Dell fährt ebenfalls zweigleisig, nutzt sowohl Android als auch Windows Phone 7. Samsung will mit Bada gar ein eigenes Handy-Betriebssystem in den Markt drücken und es mit eigenen Geräten attraktiv machen.

Nun wird die Luft langsam eng. Dass Smartphones die wichtigste Computerplattform dieser Dekade sind, ist Microsoft-Chef Steve Ballmer klar. Ihm bleibt jetzt nur ein teurer Befreiungsschlag. Marktbeobachter rechnen damit, dass Microsoft die kanadische Firma Research in Motion übernimmt, Schöpfer des besonders unter Managern beliebten Smartphone Blackberry.

Microsoft, so die Überlegung, könnte sein Betriebssystem Windows Phone 7 an Mobiltelefonhersteller lizensieren, die sich auf den Massenmarkt fokussieren. Microsoft würde sich mit dem Blackberry vorwiegend auf das Geschäft mit Unternehmen konzentrieren.

Möglich wäre auch eine Übernahme des finnischen Handygiganten Nokia. Doch zum einen würden die amerikanischen und europäischen Wettbewerbshüter den Kauf entweder blockieren oder monatelang hinauszögern. Zum anderen hätte sich Microsoft dann auf sehr lange Zeit finanziell verausgabt. 

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