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Neue Apps Afrika erobert mobiles Internet

Ihre Eltern hatten keinen Strom, sie haben Internet: Eine junge Gründergeneration will den Kontinent mit neuen Handydiensten verändern – und von Kenia aus die Welt erobern.

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Mit Daten gegen Stau: IBM-Forscher in Nairobi analysieren die Verkehrsströme. Quelle: Nichole Sobecki/Feature Photo Service for IBM - Nairobi, Kenia

Was auf Nairobis Straßen los ist, haben Francis Gesora und Michael Nguru ständig im Blick. Von ihrem Schreibtisch im obersten Stock eines Bürohauses mit grünen Fensterscheiben schauen die beiden Jungunternehmer auf die Ngong Road herab, eine der wichtigsten Verkehrsachsen in Kenias Hauptstadt.

Unten herrscht munteres Chaos: Die Straße ertrinkt im Stau, ein Bus kracht in ein Taxi, für Ampeln interessiert sich niemand. Oben arbeiten Gesora und Nguru daran, den Trubel zu zähmen, ein wenig zumindest. Die beiden Informatiker, stets in Businesshemd und mit Handy unterwegs, verschicken Tickets für Fernbusfahrten per SMS. Bisher begaben sich Reisende Tage vor der Fahrt zum Busbahnhof, um Fahrkarten zu Zielen wie Mombasa, Kampala oder Malindi zu ergattern. „Erst standen sie auf der Straße im Stau“, erzählt Gesora, „dann am Schalter in der Schlange.“

Mit ihrem Ticketdienst BookNow ermöglichen die Firmengründer nun, Karten minutenschnell zu kaufen: Im Internet die Busverbindung wählen, per Handydienst zahlen – schon erscheint das SMS-Ticket auf dem Telefon. So bequem buchen nicht einmal die Kunden deutscher Fernbuslinien; sie müssen ihre Fahrkarte meist ausdrucken. Mehr als 1.000 Tickets haben Gesora und Nguru in der Testphase verkauft und kassieren einen Dollar Gebühr. Nun wollen sie mit 75 000 Dollar Investorengeld und einer Werbekampagne durchstarten.

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Geschichten vom Aufbruch wie diese gibt es derzeit zuhauf in Nairobi. Die Millionenstadt ist zu einem Magnet für Technik-Startups geworden wie nur wenige andere Orte auf der Welt. Schon ist die Rede vom Silicon Savannah: Nur wenige Kilometer vom Zentrum Nairobis entfernt, grasen Giraffen in der Savanne, hetzen Löwen Antilopen. Aber die größte Jagd findet jetzt in den Büros, Laboren und Gründerzentren statt. Es ist der Kampf um die besten Geschäftsideen für das mobile Internet.

Führende Konzerne aus der Informationstechnik (IT) wollen von der erwachten Kreativität profitieren, auch für ihre Heimatmärkte in Nordamerika und Europa, und siedeln sich in Kenia an. Zuletzt eröffnete im November IBM ein Labor am Rande Nairobis. „Wassermangel, Krankheiten – viele Probleme bremsen das Wachstum“, sagt Kamal Bhattacharya, Forschungsdirektor bei IBM Research-Africa. „Aber mit moderner IT kann das Land in zwei Jahrzehnten so viel erreichen wie die entwickelten Märkte in zwei Jahrhunderten.“

Allzweckwaffen im Alltag

Mehrere Unterseekabel haben Kenia in den vergangenen Jahren an den globalen Datenverkehr angeschlossen. Inzwischen generiert das Internet laut der Beratung McKinsey schon 2,9 Prozent der Wirtschaftsleistung – via Online-Handel, IT-Investitionen und Effizienzgewinnen. In Deutschland sind es 3,2 Prozent. Im Jahr 2025 könnte das Netz in ganz Afrika schon zehn Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beitragen, also 300 Milliarden Dollar.

Mobilfunkdienste gleichen Infrastrukturmängel aus

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Skyline Berlin schön Quelle: dpa
Eine Frau verkauft Hülsenfrüchte Quelle: REUTERS
Platz 9: Russland und der IranDank erneut hoher Ölpreise und einer stark steigenden Konsumnachfrage ist das russische BIP im Jahr 2011 laut amtlicher Statistik um 4,3 Prozent gewachsen. Für die kommenden drei Jahre sagen die HSBC-Experten Wachstumsraten in ähnlicher Größenordnung voraus. Sie gehen davon aus, dass Russland bis 2050 durchschnittlich um 3,875 Prozent wächst. Damit würde das Riesenreich in der Liste der größten Volkswirtschaften der Welt von Rang 17 (2010) auf Rang 15 steigen. Ebenfalls eine durchschnittliche Wachstumsrate von 3,875 Prozent bis 2050 prophezeit die britische Großbank dem Iran. Im Jahr 2011/2012 betrug das Bruttoinlandsprodukt Schätzungen zufolge circa 480 Milliarden US-Dollar. Zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen Irans zählen die Öl- und Gasindustrie, petrochemische Industrie, Landwirtschaft, Metallindustrie und Kfz-Industrie. Die Inflationsrate wird von offizieller Seite mit 22,5 Prozent angegeben, tatsächlich liegt sie bei über 30 Prozent. Die Arbeitslosenrate beträgt offiziellen Angaben zufolge 11,8 Prozent. Quelle: dpa-tmn
Ginza-Viertel in Tokio Quelle: dpa
Mexikanische Flagge Quelle: dapd
Copacabana Quelle: AP
Baustelle in Jakarta Quelle: AP

Die Prognose erscheint durchaus realistisch. Denn nirgends auf der Welt wächst die Zahl der Mobiltelefone so schnell wie in Afrika. Mehr als die Hälfte der rund 1,1 Milliarden Afrikaner besitzen Daten der Internationalen Fernmeldeunion zufolge ein Handy, meist simple Geräte mit Tastatur und Zwergenbildschirm. Und doch sind sie Allzweckwaffen im afrikanischen Alltag: Die Menschen nutzen ihre Telefone als Geldbörse, Radio, Arztpraxis, Wetterstation und Bankkonto. Wo immer es an Infrastruktur fehlt, springen neue Mobilfunkdienste ein, die den Mangel ausgleichen.

Viele davon stammen aus Nairobi: Der Dienst iCow etwa schickt Bauern gegen Gebühr per SMS Tipps, wie sie ihre Kühe gesund halten und ihnen mehr Milch entlocken. MFarm sendet ihnen Preise für Bohnen, Bananen oder Süßkartoffeln aufs Telefon, damit Großeinkäufer sie nicht über den Tisch ziehen. M-Pepea wiederum vergibt Notfallkredite bis zu 20.000 Shilling – umgerechnet 170 Euro – via Mobilfunk. Eine SMS-Anfrage reicht, schon wird das Geld der Handygeldbörse gutgeschrieben – gegen Zinsen von 10 bis 15 Prozent. Die Leihsumme zieht M-Pepea vom nächsten Gehalt des Schuldners ein.

Ihren Lohn erhalten die meisten Kenianer auf dem Handy – dank des mobilen Bezahldienstes M-Pesa. 2007 vom kenianischen Mobilfunkanbieter Safaricom gegründet, an dem Vodafone beteiligt ist, hat er nun gut 18 Millionen Nutzer, bei 43 Millionen Einwohnern. Laut Safaricom fließen 43 Prozent der Wirtschaftsleistung des Landes durch M-Pesa. Der Dienst ist so erfolgreich, weil er mit Billighandys funktioniert, kinderleicht zu bedienen ist und vielen Kenianern erstmals ein Bankkonto bietet.

Testen in Deutschland nur ein paar Tausend Supermärkte und Schuhläden das Bezahlen per App, so können die Kenianer praktisch überall per Handynachricht zahlen: das Bier in der Bar, die Stromrechnung, die Krankenhaus-Gebühren.

Einfluss jenseits von Afrika

M-Pesa ist der Grundstein für Kenias IT-Wunder: Dutzende Startups nutzen den Dienst für neue Geschäftsideen. Viele residieren in Gründerzentren wie dem iHub oder dem Inkubator 88mph, wo auch die BookNow-Gründer ihren Schreibtisch haben – einen von 200 Arbeitsplätzen zwischen Sofas, Blumenkübeln aus alten Autoreifen und einer Kaffee-Bar.

Im Jahr 2011 vom dänischen Unternehmer Kresten Buch gegründet, ist 88mph heute eine der größten Gründerschmieden Afrikas. 35 Startups hat sie angeschoben – mit insgesamt drei Millionen Dollar Startkapital unter anderem von Google, Samsung und Microsoft. „Warum Zeit in Europa verbringen“, sagt Buch, „wenn du in Afrika an einer Revolution teilnehmen kannst?“

Wer mit seiner Idee bei 88mph landet, erhält bis zu 100.000 Dollar Wagniskapital und für drei Monate einen Schreibtisch. Startup-Experten helfen beim Geschäftsplan, Designer beim Bau einer Web-Seite oder App. Bis spät in die Nacht gibt es immer die Gelegenheit, sich bei einem Kaffee mit anderen Gründern auszutauschen.

Die nächste High-Tech-Revolution – Made in Afrika

Die Wachstumsmärkte von morgen
Platz 9: MalaysiaMit einer verhältnismäßig kleinen Bevölkerung von 28 Millionen Einwohnern kann Malaysia kaum punkten. Auch die verhältnismäßig hohen Arbeitskosten von 15,6 Dollar (absolutes BIP geteilt durch BIP pro Person) machen das Land nicht außergewöhnlich attraktiv. Spannend ist Malaysia vielmehr als Beschaffungsmarkt. Die Befragten der Studie von Valuneer und ICC zu Trends internationaler Einkaufsmanager bewerteten den Markt überaus positiv. Quelle: Exklusivranking für die WirtschaftsWoche in Kooperation mit Valueneer. Für das Ranking wurde nach der Attraktivität als Absatz- sowie als Beschaffungsmarkt unterschieden und Indikatoren wie Lohnkosten, Wachstumsraten, Importvolumen, Rohstoffreichtum und Bevölkerungsgröße herangezogen und unterschiedlich gewichtet. Quelle: AP
Platz 8: GhanaDas afrikanische Land kann mit seinem starken Wachstums punkten. 2011 stieg das BIP um 13,5 Prozent. Kein anderer der 50 betrachteten Wachstumsmärkte wies solche Steigerungsraten auf. Dazu lockt Ghana mit günstigen Arbeitskosten. Allerdings gilt das westafrikanische Land nach wie vor als wenig sicher und sehr korrupt. Quelle: REUTERS
Platz 7: Polen Das Land punktet bei deutschen Investoren vor allem durch seine räumliche Nähe als günstiger Beschaffungsmarkt. Die politische Lage ist stabil. 39 Millionen Einwohner freuen sich über ausländische Waren. 2011 gingen immerhin Importe im Wert von 170 Milliarden Dollar ins Land. Auch wenn die Lohnkosten verhältnismäßig hoch sind - Polen bleibt ein attraktiver Markt. Quelle: dpa
Platz 6: AlgerienDas Land erreicht in keiner Kategorie Bestwerte, kann aber als Beschaffungsmarkt überzeugen (Platz 2). Einkaufsmanager sehen viel Potenzial, außerdem verfügt das Land über immense Rohstoff-Ressourcen im Wert von 72 Milliarden Dollar. Die Arbeitskosten sind mit 7,3 Dollar noch deutlich geringer als z.B. in der Türkei (14,5 Dollar) oder Mexiko (14,6 Dollar). Damit erreicht Algerien insgesamt Platz 6. Quelle: AP
Platz 5: TürkeiIm Ranking der besten Absatzmärkte erreicht die Türkei mit einer durchschnittlich kaufkräftigen, aber dafür umso größeren Bevölkerung von 75 Millionen Einwohnern einen guten dritten Platz. Im Jahr 2011 wuchs das BIP um satte 8,5 Prozent. Als Beschaffungsmarkt ist das Land dafür weniger attraktiv (Platz 10 von 50). Insgesamt: Platz 5. Quelle: dpa
Platz 4: MexikoBereits 328 Milliarden Dollar Direktinvestitionen flossen 2011 nach Mexiko - der höchste Wert im Ranking. Dazu locken 112 Millionen Einwohnern. Diese Kombination macht Mexiko zum zweitbesten Absatzmarkt der Welt für die deutsche Wirtschaft - so die Experten von Valuneer. Als Beschaffungsmarkt kann das Land weniger überzeugen: Platz 11. Insgesamt reicht es für Rang vier. Quelle: dpa
Platz 3: Südkorea1723 Dollar pro Kopf steckte Südkorea im Jahr 2011 in Forschung und Entwicklung - und damit mehr als alle anderen untersuchten Ländern. Als Beschaffungsmarkt belegt Südkorea den vierten Platz. Als Absatzmarkt überzeugt der asiatische Staat, weil er bereits im Jahr 2011 Importe im Wert von 525 Milliarden Euro einführte. Quelle: dpa

Immer mehr der kenianischen IT-Erfindungen wirken über den Kontinent hinaus. Eine Kopie von M-Pesa etwa verbreitet sich gerade in Indien. Und den Online-Dienst Ushahidi nutzen weltweit Umweltaktivisten, Katastrophenschützer oder Entwicklungshelfer, um Informationen aus SMS-Nachrichten, Handyfotos oder E-Mails auf digitalen Karten zu sammeln. „Die afrikanische Technikszene blüht auf“, sagt Erik Hersman, Gründer von Ushahidi und dem Inkubator iHub. „In fünf Jahren wird ihr Einfluss beachtlich sein.“ Denn was in Afrika funktioniert, ist Nairobis Tech-Szene überzeugt, das klappt überall.

IBM-Forscher wollen nun die neue Datenflut in Afrika analysieren, um Ärzten Hinweise auf Epidemien und Heilmethoden zu geben oder den Verkehr zu optimieren. 100 Millionen Dollar will der Konzern in seine Datenoffensive investieren, sogar ein Exemplar des Supercomputers Watson kommt ins IBM-Labor nach Nairobi.

Wirtschaftsdaten ausgewählter Länder in Afrika

Dort arbeiten 20 Wissenschaftler, alle mit Promotionen von Eliteunis wie Stanford oder Harvard, an neuen Datendiensten für Afrika. So berechnet eine neue Software der Forscher, wo sich in Nairobi gerade der Verkehr staut – indem sie die Livebilder von 36 Verkehrskameras auswertet. Autofahrer informieren sich nun per SMS, wie sie am schnellsten zum Ziel kommen.

Drohnen vernetzen Dörfer

Ein neuer Dienst namens Flashcast wiederum, der auf IBM-Servern läuft, ermöglicht Geschäften, zu geringen Kosten Werbung in Sammeltaxen zu schalten: Passiert ein Fahrzeug einen Laden, dann blendet eine LED-Anzeige dessen Werbespruch ein. In einem anderen Projekt erstellen Forscher eine Datenbank mit Angaben zu Brunnen und Wasserleitungen in Nairobi, um etwa Lecks schneller auf die Spur zu kommen. Künftig wollen die Forscher auch Bauern per Handydienst informieren, auf welchen Märkten sie ihre Ernte verkaufen können, bevor sie verschimmelt.

In Arbeit
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Jonathan Ledgard, Leiter des Afrotech-Labs an der Schweizerischen Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, will künftig sogar Drohnen bis zu 60 Kilogramm Obst und Gemüse von Dorf zu Dorf fliegen lassen. „Der Lastenesel“, sagt Ledgard, „muss fliegen lernen.“ Dazu hat er den „Flying Donkey Challenge“ ausgerufen, einen Technikwettbewerb samt Drohnen-Rennen 200 Kilometer rund um den Mount Kenia, das 2018 stattfinden soll. Wenig später, hofft Ledgard, entstehen Drohnennetzwerke quer durch Kenia.

Das wäre mit Sicherheit die nächste High-Tech-Revolution – made in Afrika.

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