Neuer Bitkom-Chef: Kampfsportler mit der Vorliebe fürs „gnadenlose“ Vorgehen
Bitkom-Chef Ralf Wintergerst.
Foto: WirtschaftsWocheAuf den ersten Blick wirkt Ralf Wintergerst wie der Prototyp eines Managers heutiger Tage: Drahtig, schlank und von hochgewachsener Statur fällt der Vorstandschef des Banknotendruckers und IT-Sicherheitsanbieters Giesecke+Devrient (G+D) auf, nicht nur wegen seiner hellgrauen, fast weißen Haare.
Tatsächlich ist Wintergerst nicht nur topfit – er hat auch eine durchaus eindrucksvolle Karriere als Sportler hinter sich. In seinem früheren Leben war Wintergerst vier Mal deutscher Meister in Karate – und wurde im Jahr 1990 sogar Europameister in jener Kampfesdisziplin. Auf Gegner mit unterschiedlichen Fertigkeiten und Techniker kann sich der heute 60-Jährige also offenbar gut einstellen.
Diese Erfahrung sollte Wintergerst auch in seinem neuen Job helfen – ja mehr noch: Sie sind dafür geradezu unerlässlich. Denn der G+D-Chef wurde auf der gestrigen Aufsichtsratssitzung zum neuen Präsidenten des ITK-Branchenverbandes Bitkom gewählt, einem der wichtigsten und einflussreichsten Verbände Deutschlands. Wintergerst folgt auf den früheren Telekom-, Microsoft- und Arvato-Manager Achim Berg, der den Verband die vergangenen sechs Jahre geleitet hat.
Bitkom-Chef will Digitalisierung vorantreiben
Das am Dienstabend stattfindende Bitkom-Sommerfest in Berlin mit 2000 Gästen nutzte Altpräsident Berg, um seinen Nachfolger in die Sphäre aus Wirtschaft, Politik und Medien einzuführen. Eine durchaus schwierige Szene, die stets hin- und herpendelt im Spannungsfeld zwischen der Forderung nach mehr Wagemut und Geschwindigkeit in der Digitalisierung auf der einen Seite – und dem Apell zu mehr Datenschutz und Regulierung auf der anderen.
In einer kurzen Eröffnungsrede betonte Wintergerst seinen Wunsch, die Digitalisierung in Deutschland insgesamt voranzutreiben. „Dass eine Transformation funktionieren kann, wenn man es will, weiß ich von Giesecke+ Devrient“, so der neue Bitkom-Präsident. Dafür müsse man vor allem seine Ziele klar kommunizieren – und dann gnadenlos verfolgen. „Genau dieser Nordstern in der deutschen Digitalpolitik fehlt“, betonte Wintergerst – ließ aber im Gespräch im Nachgang offen, was genau jene wichtigen Ziele für ihn persönlich bedeuten. Dafür erbat er sich weitere drei Monate, um die neuen Ziele mit dem Bitkom-Präsidium abzustimmen.
Was Wintergerst bei seiner neuen Aufgabe sehr entgegenkommen dürfte: Er beherrscht den Spagat zwischen unterschiedlichen Stakeholdern aufgrund seines bisherigen Jobs als G+D-Chef bereits aus dem Effeff. Denn durch seine Vergangenheit als Produzent von Banknoten und Technik zur Banknotenherstellung ist das 152 Jahre alte Unternehmen stets eng verwoben gewesen mit dem politischen Betrieb, ob in Berlin oder den Ländern seiner zahlreichen internationalen Kunden. „Er verfügt über extrem gute Drähte in die Politik, weil G+D quasi die Geldscheine für die halbe Welt druckt“, sagt ein hochrangiger Manager, der Wintergerst gut kennt, aber ungenannt bleiben will.
Gleichzeitig ist G+D aber kein staatlicher Betrieb, sondern ein altehrwürdiges Familienunternehmen, mit der überaus verschwiegenen Eigentümerin und Milliardärin Verena von Mitschke-Collande als wichtige Strippenzieherin im Hintergrund. Mitschke-Collande hält sich aus dem Alltagsgeschäft weitgehend heraus, ihr liegen aber die knapp 13.000 Beschäftigten ihres Unternehmens am Herzen.
Digitale Transformation des einstigen Banknotendruckers
Gleichwohl hat Wintergerst G+D seit seinem Amtsantritt als Vorstandschef nahezu geräuschlos durch einen tiefgreifenden Umbau manövriert; neben dem Altgeschäft rund um Banknoten erwirtschaftet der Konzern mit Hauptsitz in München heute auch veritable Umsätze mit IT-Security, Softwareprodukten bis hin zu sogenannten eSIMs, das sind virtuelle SIM-Karten für Handys – und das, obwohl G+D zugleich wichtiger Hersteller klassischer SIM-Karten ist. Aber: Im iPhone 14 von Apple etwa kommen heute bereits ausschließlich eSIMs zum Einsatz. „Das zeigt, er ist eine Führungskraft mit klarer Vision – und in der Lage, diese auch gegen Widerstände umzusetzen“, sagt der Insider.
Wenig verwunderlich also, dass Wintergerst den Anteil der Digitalumsätze von G+D binnen sechs Jahren verdoppelt hat – sie spülen inzwischen immerhin bereits ein Viertel des insgesamt rund 2,5 Milliarden Euro schweren Konzernumsatzes in die Kassen der Münchner; bei einem Auftragseingang von zuletzt sogar 2,7 Milliarden Euro. Trotz seiner Gradlinigkeit beschreiben ihn Kenner des Unternehmens als Teamplayer, der auch gerne mit seinen Mitarbeitern kommuniziert. Seine Disziplin zeige sich nicht zuletzt darin, dass der studierte Betriebswert erst kürzlich er an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Thema Corporate Governance und Unternehmensführung promoviert hat – „und das quasi nebenbei zu seinem stressigen Job bei G+D“, sagt der Insider.
Mit dem Abschluss seiner Promotion vor gut einem Jahr verfügt Wintergerst jetzt also über ausreichend Fachkompetenz für seinen neuen Job als Bitkom-Präsident. Die dürfte er zumindest im Tonfall anders ausfüllen als sein Vorgänger. „Er spricht geschliffener und formaler als Berg“, sagt der Insider. „Aber das muss in der Kommunikation mit der Politik kein Nachteil sein.“
Der abtretende Bitkom-Chef Achim Berg wirkte in seiner Amtszeit bisweilen genervt vom langsamen Fortschritt der digitalen Transformation in Deutschland, den ewig laufenden Projekten für mehr Digitalisierung im Gesundheitswesen etwa, dem typischen Zaudern und Zögern hierzulande – auf Politiker- wie Entscheiderebene gleichermaßen. Ob ein diplomatischerer Manager vom Stile eines Wintergerst hier mehr erreicht? Wohlmöglich hilft ihm ja auch hier die Wendigkeit, die er als einstiger Karatekämpfer von Hause aus mitbringt.
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