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Neues Buch Burdas Notizen zur digitalen Revolution

Der Siegeszug digitaler Medien scheint unaufhaltsam. Haben gedruckte Zeitungen eine Zukunft? Der Verleger Hubert Burda glaubt daran. Er legt jetzt eine Geschichte des Medienwandels vor.

Hubert Burda, Vorsitzender Hubert Burda Media, 2009 bei der Diskussionsrunde im Internationalen Congress Center in München. Quelle: dpa

Die deutsche Wiedervereinigung vor fast 25 Jahren war für Hubert Burda auch der Beginn der digitalen Revolution. Damals sagte er der „Bild“-Zeitung den Kampf an und gründete mit Rupert Murdoch das Boulevardblatt „Super!“ - erstmals mit digitaler Druckplattenbelichtung.

Burda fragte 1991 einen Techniker in der Redaktion in Ostberlin, wie die Artikel und Bilder denn trotz des dichten Feierabendverkehrs rechtzeitig zur Druckerei gelangen. Die Antwort: „durch diese Dose“ - ein verkabeltes ISDN-Kästchen.

„Ich war wie elektrisiert“, schreibt Burda in seinem neuen Buch „Notizen zur digitalen Revolution 1990-2015“: „Seit diesem Tage wusste ich, die Medien der Zukunft werden anders aussehen als heute.“ Dem Verleger wurde schnell klar: Die technologische Revolution verändert nicht nur die Medien, sondern die ganze Welt, und zwar grundlegend.

Deutschland hat keine Ahnung vom Internet
Laut einer Studie der Internationale Fernmeldeunion (ITU) haben 4,3 Milliarden Menschen weltweit keinen Zugang zum Internet oder zu Handys, ein Großteil von ihnen lebt in Entwicklungsländern. Besonders in Afrika mangelt es an der Verbreitung der modernen Technik, wie der Informations- und Kommunikationsentwicklungsindex der ITU zeigt. Internationales Schlusslicht ist die Zentralafrikanische Republik auf Platz 166. Allerdings steigt in den Entwicklungsländern die Verbreitung rasant: 2013 stieg die Verbreitung um 8,7 Prozent - in den Industrienationen waren es dagegen nur 3,3 Prozent mehr. Und einige der Industriestaaten könnten durchaus noch Nachhilfe gebrauchen. Quelle: AP
So schafft es Deutschland nur auf Platz 17, was die Zugänglichkeit und die Nutzung von Internet und Handys sowie die Kompetenz der Bevölkerung im Umgang mit der Technik angeht. In der Bundesrepublik hapert es jedoch nicht nur an der flächendeckenden Versorgung mit schnellen Internetanbindungen. Bereits im Jahr 2012 hat eine Studie von Eurostat den Deutschen in Sachen Computerkenntnisse kein gutes Zeugnis ausgestellt. Und daran hat sich bis dato nicht viel geändert. Nur 58 Prozent der Deutschen haben mittlere bis gute PC-Kenntnisse. Und selbst die Digital Natives, die mit Computern, Internet und Handy groß geworden sind, gehen nicht automatisch kompetent mit den neuen Medien um. Zu diesem zentralen Ergebnis kommt eine weltweite Studie zu den Computer- und Internetkenntnissen von Achtklässlern. Quelle: dpa
Doch selbst die USA - Heimatland von Google, Facebook, Microsoft, Twitter & Co. - wurden von der ITU nur auf Platz 14 eingestuft. Im kommenden Jahr könnten sich die USA jedoch hocharbeiten. Dann nämlich sollen zumindest in New York alte Telefonzellen durch kostenlose Wifi-Stationen ersetzt werden. Fehlen nur noch die ländlichen Regionen versorgt. Quelle: dpa
Österreich und die Schweiz landen im weltweiten Internet-Ranking auf den Plätzen zwölf und 13. Auch bei der „ International Computer and Information Literacy Study“ (ICILS) schnitten Österreich und die Schweiz besser ab, als Deutschland. Die Schüler aus den Nachbarstaaten taten sich leichter, einfache Textdokumente am Computer zu erstelle oder eigenständig Informationen zu ermitteln (Kompetenzstufen III und IV). Von den deutschen Schüler erreichte dagegen nur jeder Dritte die untersten Kompetenzstufen I und II: Das bedeutet, dass viele deutsche Jugendlichen gerade einmal über rudimentäres Wissen und Fertigkeiten beim Umgang mit neuen Technologien verfügt. Sie konnten etwa einen Link oder eine E-Mail öffnen. Quelle: AP
Besser als die deutschsprachigen Länder schnitten dagegen Japan (Platz elf), Luxemburg (Platz zehn), Hongkong (Platz neun) und Finnland (Platz acht). Quelle: dapd
Selbst unsere Nachbarn im Westen sind in puncto Verbreitung und Kompetenz deutlich besser aufgestellt: Mit einem Informations- und Kommunikationsentwicklungsindex von 8.38 kommen die Niederlande auf Platz sieben und sind damit zehn Plätze vor Deutschland mit einem Index von 7,90. Quelle: AP
Auf Platz drei liegt Schweden mit einem Index von 8.67 vor Island (8.64), Großbritannien (8.50) und Norwegen (8.39). Quelle: REUTERS

Das Buch, das der 74-Jährige am Dienstag in München vorgestellt hat, zeichnet diese Veränderungen chronologisch nach. Es dokumentiert persönliche Notizen, Vorträge, Konferenzen und Begegnungen - natürlich mit vielen Bildern. Denn der Siegeszug des Digitalen folgte dem „Iconic Turn“, der radikalen Visualisierung der Welt, wie Burda als gelernter Kunsthistoriker deutlich macht.

„Der Grundvorgang der Neuzeit ist die Eroberung der Welt als Bild“, erklärte der Philosoph Martin Heidegger 1938. Jahrzehnte später fragte Burda den Philosophen Peter Sloterdijk, was damit gemeint war. Die Antwort: „Vielleicht meinte er so etwas wie das Internet. Denn das ist die reale Praxis der Erdkugeleroberung.“

Heideggers Diagnose war eigentlich pessimistisch gemeint - als Warnung vor dem „planetarischen Imperialismus des technisch organisierten Menschen“. Burda dagegen ist von Anfang an fasziniert vom Aufbruch im Silicon Valley. Microsoft, Apple, Amazon, Google, Facebook, YouTube, Skype, WhatsApp - für ihn sind sie Pioniere einer großen neuen Zeit, die gerade erst begonnen hat. Früher als viele andere in Deutschland baut er seinen Medienkonzern entsprechend um und nutzt die „unbegrenzten Möglichkeiten“ des digitalen Zeitalters.

So haben E-Mails unser Leben verändert
Veränderung: E-Mails senken das EinfühlungsvermögenE-Mail-Schreiben macht Menschen gesichtslos. Weder sieht, noch hört man seinen Gegenüber - stattdessen hat man nur einen Bildschirm und Tasten vor sich. Daher erwartet CIA-Manager John K. Mullen, dass Computerkommunikation auf lange Sicht die Empathie senkt. Sein Argument: 55 Prozent der zwischenmenschlichen Kommunikation spielt sich nonverbal ab. Durch hauptsächlichen E-Mail-Verkehr verlieren Menschen die Fähigkeit, die Absicht anderer zu erkennen und andere zu beeinflussen.   Quelle: AP
Veränderung: E-Mails sorgen für unklare Botschaften„So meinte ich das doch gar nicht!“ Wer das nach einer geschriebenen E-Mail nicht sagen will, muss sich klar und deutlich ausdrücken. Denn bei Mails fallen Tonfall, Gesichtsausdruck & Co. weg. Auch die kurz reingrätschende Verständnisfrage des Gegenübers ist nicht drin. Das sorgt für falsch ankommende Botschaften: Autor John Freeman schreibt in seinem Buch „The Tyranny of E-Mail“, dass der Ton von E-Mails in 50 Prozent der Fälle falsch verstanden wird. Quelle: dpa
Veränderung: E-Mails machen uns zu LügnernEine Lüge abzutippen, fällt Menschen leichter, als sie mit einem Kugelschreiber aufzuschreiben. Das fanden US-Forscher in mehreren Experimenten heraus, in denen die Probanden per E-Mail oder mit Stift und Papier kommunizierten. Außerdem fühlten sich die Lügner mehr im Recht, wenn sie per E-Mail flunkerten. Quelle: Fotolia
Veränderung: E-Mails machen renitentEine unangenehme Nachricht ist leichter hingeschrieben und abgesendet, als sie seinem Gegenüber persönlich ins Gesicht gesagt. US-Forscher untersuchten, wie sich das auf Gruppenarbeit auswirkt. Ihr Ergebnis: Menschen zeigten sich bei E-Mail-Kommunikation unkooperativer und sahen sich mit diesem Verhalten auch mehr im Recht. Quelle: Fotolia
Veränderung: E-Mails stressenUrlaub von Mails entspannt: Auf Mails zu verzichten, gestatteten Forscher des U.S.-Militärs und der University of California in Irvine fünf Tage lang einigen Büromitarbeitern in einem amerikanischen Vorort. Sie arbeiteten konzentrierter und wiesen einen natürlicheren, wechselhaften Herzschlag auf. Anders ihre Kollegen, die immer wieder ins E-Mail-Postfach schauten: Diese zeigten sich weniger fokussiert, angespannter und wiesen einen konstanten Herzschlag auf. Quelle: Fotolia
Veränderung: E-Mails geben Schüchternen ein SprachrohrÜber Jahrtausende hinweg haben sich schüchterne Menschen schlecht ausgedrückt – oder einfach ihren Mund gehalten. Diese Zeiten sind dank der E-Mail vorbei. Nun können sie ihren nervigen Kollegen die Meinung sagen, ohne ihnen in die Augen sehen zu müssen. Tatsächlich bestätigt eine Studie, dass Introvertierte und Neurotiker E-Mails bevorzugen, während Extravertierte und emotional stabile Menschen lieber von Angesicht zu Angesicht kommunizieren. Quelle: REUTERS
Veränderung: E-Mails stehlen uns unsere ZeitDas gilt vor allem für ungebetene Werbemails. Spam macht laut dem Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) 70 Prozent des weltweiten Mailverkehrs aus und kostet jeden Angestellten jährlich durchschnittlich 20 Stunden seiner Zeit. Immerhin: Spam-Filter können mehr als ein Drittel dieses Zeitverlusts einsparen. Quelle: dpa

Erst später werden nach den Chancen auch die Gefahren deutlicher. „Der Suchmaschinen-Monopolist Google steht im Verdacht, seine marktbeherrschende Rolle zu missbrauchen“, schreibt Burda 2012 in der „Zeit“. 2013 dann der NSA-Skandal - Burda notiert sich im Tagebuch Gedanken über „das vermehrte Bewusstsein über Daten und die Macht, welche Konzerne dadurch haben“.

Am Ende des Buchs kommt die nächste Generation zu Wort: Jacob Burda, der Sohn von Hubert Burda und Maria Furtwängler, beschreibt, wie neue Technologien und künstliche Intelligenz den Menschen verdrängen. Aber nur, um dann doch wieder optimistisch zu werden: Nur der Mensch habe „die Möglichkeit zur Transzendenz“ und könne „das System als System verstehen“. Also auf zu neuen digitalen Ufern und Welten!

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