Next Berlin 2013 Peer Steinbrück forderte eine Gesellschaft des Scheiterns

Kein geringerer als der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sprach am ersten Tag der Konferenz rund um die Themen der digitalen Wirtschaft. Er forderte Banken und Versicherungen auf, in Startups zu investieren.

„Wir brauchen hierzulande eine Kultur des Scheiterns,“ sagte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auf der Next 2013. Quelle: dpa

Skeptisch schauten nicht wenige Besucher der Next Berlin 2013 dem Auftritt des SPD-Kanzler-Kandidaten entgegen. Zu seltsam waren seine Auftritte in der digitalen Welt in vergangener Zeit gewesen. Erst wollte er nicht twittern, dann doch – mit freundlicher Unterstützung eines jungen Mitarbeiters. So richtig ist das Urgestein der Politik noch nicht in der digitalen Welt angekommen, war man sich sicher. Doch Steinbrück legte einen starken Auftritt hin. In nur 16 Minuten zeigte er seine beste Seite – die des mitreißenden Redners.

Nach Netzguru Stephen Wolfram, dessen ansonsten inspirierende Rede von Netzwerkproblemen ausgebremst wurde, betrat Steinbrück die Bühne. Vor den über 600 Zuschauern im BBC am Alexanderplatz sprach er offen die Defizite an, mit denen die deutsche Wirtschaft in Bezug auf die digitale Gesellschaft zu kämpfen hat.

„Die Politik muss in drei Bereichen nachrüsten: Infrastruktur, Bildung und Gründertum“, sagte er. Vor allem der Breitbandausbau müsse schneller und auch mit staatlicher Unterstützung von statten gehen. „Wir sind absolutes Schlusslicht in Europa – noch hinter Rumänien“, sagte der Kanzlerkandidat. Das müsse sich ändern – und ganz offensichtlich seien die privaten Unternehmen mit dieser Aufgabe alleine überfordert. Steinbrück versprach einheitliche Standards über alle Länder hinweg. Nur so sei Fortschritt in Deutschland möglich.

Die zweite große Hürde sah er im deutschen Bildungssystem, das dringend eine Reform benötige. Finanzieren will er das mit einer Neuverteilung der Steuern. „Wir müssen mehr Steuern erheben. Nicht von allen und nicht für alle“, sagte er.

Die kreativsten Startups auf der Next 2013
Der Sieger: LineMetrics - Österreich LineMetrics ist ein flexibles Tool, das mit Google Analytics für Massenproduktionen verglichen werden kann. Es ermöglicht Manufakturen eine separate Echtzeit-Überwachung der einzelnen Maschinen und erleichtert die Produktionsanalyse. Quelle: PR
2. Geddit - Deutschland Geddit verbindet jeden Schüler im Klassenraum digital mit seinem Lehrer und verhindert so, dass schüchterne Schüler übersehen werden. Mit Geddit hat jeder Schüler die Chance zu zeigen, was er kann. Lehrer haben die Klasse im Blick und können auf Einzelne besser reagieren. Quelle: Screenshot
3. Algolia - Frankreich Algolia ist eine einfach zu integrierende, leistungsstarke Suchtechnologie, die es ermöglicht innerhalb von Apps eine schnelle Suche mit sofortiger visueller Rückmeldung und Typo-Toleranz zu liefern. Quelle: PR
4. Wanderio - Italien Mit Wanderio können Preis, Reisezeit und CO2-Ausstoß von Reisen per Flugzeug, Zug oder Fähre verglichen werden. Alle Alternativen sind dann auf einen Blick ersichtlich, sodass Reisende einfach auswählen können, welche Route ihnen am Besten passt. Quelle: PR
5. UnlockYourBrain - Deutschland Die Idee von UnlockYourBrain verwandelt das ständige Entsperren des Smartphones in eine sinnvolle Tätigkeit.  Anstatt das Handy wie gewohnt zu entsperren, wird das Gehirn durch ein Rätsel oder eine Vokabelabfragen zum Denken angeregt.  Quelle: PR
6.  apiOmat - Deutschland Die Entwicklung von Apps zu vereinfachen ist das Ziel von apiOmat. Ihr “Backend as a Service” (BaaS) bietet ein komplettes Softwarepaket inklusive skalierbarer Hosting-Lösungen - ein einfallsreiches Tool zur Produktivitätssteigerung für die Entwicklung von Apps und Websites. Quelle: Screenshot
7. Prizgo - UKDas britische Start-up Prizgo liefert ein Social Loyalty Plugin für Verkäufer im Internet. Es verbindet ein Bonusprogramm mit Analyse-Tools, die Anbietern helfen, ihre Kundenbindung zu verbessern. Quelle: Screenshot
8. visalyze - ÖsterreichVisalyze macht aus Social-Media-Daten eine interaktive, visuelle Geschichte. Mit Visalyze lässt sich auf einen Blick erkennen, welche Social-Media-Aktivitäten auf Facebook oder Twitter gut funktionieren und wo Krisen-Stürme heraufziehen könnten. Quelle: Screenshot
9. Glitter - PortugalDie App Glitter will revolutionieren, wie Casting-Agenturen, Produzenten und Kunden künftig für die Suche nach Schauspielern und Models zusammen arbeiten. Die Online-Plattform ermöglicht es Castings, Vorschläge und Auswahlantworten schnell und einfach an einem zentralen Ort verwalten zu können: in der Cloud. Quelle: Screenshot
10. Glean - SchwedenÜber die mobile App Glean kann man persönliches Feedback in sozialen Netzwerken anonym abgeben und empfangen. Die App ist in Anwendungen wie Facebook und LinkedIn integriert und ermöglicht eine sofortige Rückmeldung. Neben der Business-to-Consumer-Version hat Glean auch eine Business-to-Business-Version. Quelle: PR
11. Buzzoole - ItalienBuzzoole ist die erste Plattform IEO (Influence engine optimization). Durch die Plattform will Buzzoole Benutzern zu helfen bei der Optimierung ihrer Online-Präsenz und die Auseinandersetzung mit ihr Netzwerk um ihnen zu helfen einflussreich in Fächern, in denen sie über Sachkenntnis verfügen. Quelle: Screenshot
12. bewarket - PortugalDas portugiesische Team von bewarket hat eine Marktplatz auf Facebook geschaffen. Dort haben sich bereits 25.000 Nutzer (Tendenz steigend) registriert, um über ihr soziales Netzwerk Neues und Gebrauchtes zu verkaufen. “Wir sind begeistert, dass so viele Start-ups ihre fantastischen Ideen eingereicht haben und dass es ein wirklich internationaler Wettbewerb werden wird”, sagt Peter Borchers von hub:raum. Er wird am 24. April in der Jury des Start-up Pitch Finales sitzen und zusammen mit VC Rob Moffat (Balderton), der Gründerberaterin Paula Martilla, Nicole Glaros vom Inkubator TechStars und der Social-Commerce-Expertin Caroline Drucker (Etsy) die Sieger küren. Dem Gewinner winkt ein Preispaket im Wert von mehr als 20.000 Euro, das zusätzlich zu einer Geldprämie ein Coaching und ein PR-Training enthält. Quelle: Screenshot

Außerdem nahm er die Wirtschaft in die Pflicht. Sowohl die großen Unternehmen wie Siemens, Daimler und BASF sollten mehr mit Startups kooperieren und so die Kompetenzen der jungen, flexiblen Unternehmen nutzen. Auch Banken und Versicherungen forderte er auf, stärker in junge Unternehmen zu investieren. Der Blick über den Atlantik zeige schließlich, wie sehr sich das rechnen kann.

Die Skepsis der Deutschen bremse die Wirtschaft immer noch aus, war sich der Sozialdemokrat sicher. „Wir brauchen hierzulande eine Kultur des Scheiterns“, sagte er. „Denn nur wer versagt, traut sich etwas.“ So entstehen Innovationen.

Trotz all dieser Hürden glaubt Steinbrück fest daran, dass Deutschland an der Spitze der sogenannten Industriellen Revolution 4.0 stehen kann. „Wir haben das industrielle Rückgrat“, sagte er in Berlin. Die vielen kompetenten Maschinenbauer, Ingenieure und Programmierer seien in der Lage Deutschland hier einen riesigen Wettbewerbsvorteil zu schaffen.

Kritiker lobten zwar Steinbrücks Optimismus, doch eine Frage bleibt: Kann Deutschland sich wirklich an die Spitze einer neuen Bewegung zu stellen? Noch immer tun sich die Deutschen schwer damit Anwendungen zu programmieren, die vor allem Userfreundlich sind. Erst kürzlich sagte Startup-Experte Ciaran O’Leary im Wiwo-Lunchtalk, dass die großen die Ansprache des Endkunden und ein schnittiges Design den Amerikanern immer noch am besten gelingt. Die Entwickler bei Fraunhofer und Co. seien zwar technisch nahezu perfekt – doch in Designfragen abgehängt. Bleibt die Frage, ob die deutsche Startup-Szene hier einspringen kann.

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