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Online-Terminvergabe Doctolib füllt eine Lücke für Patienten und Praxen

Das deutsch-französische Start-up möchte das Gesundheitswesen weiter digitalisieren. Quelle: imago images

Die Plattform Doctolib räumt mit einfachen Mitteln ein großes Ärgernis für Patienten aus dem Weg: Arzttermine können online vereinbart werden – und immer mehr Praxen nutzen den Service des deutsch-französischen Startups.

Jeder Berufstätige, der einen Termin beim Zahnarzt oder Orthopäden benötigt, kennt das Problem: In der Regel muss man sich dazu während der eigenen Arbeitszeit hinters Telefon klemmen, um die Praxis während der Öffnungszeiten zu erreichen und einen Termin abzusprechen.

Das kann in Stoßzeiten, etwa wenn der Anschluss ständig besetzt ist oder die Arzthelferinnen einfach nicht ans Telefon gehen, zu einer nervenaufreibenden Angelegenheit mutieren. Und das gleiche Prozedere erwartet Patienten dann, wenn sie einen Arzttermin kurzfristig absagen oder verschieben müssen.

Anders ausgedrückt: In Deutschland vergeben vielen Arztpraxen ihre Termine noch genauso wie vor 20 oder 30 Jahren – nämlich weitgehend analog.

Genau das will das deutsch-französische Unternehmen Doctolib ändern – und hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Digitalisierung im Gesundheitswesen endlich voranzutreiben. „Wir richten uns dabei an Patienten wie Arztpraxen und Kliniken gleichermaßen“, sagt Docotolib-Deutschlandchef Ilias Tsimpoulis im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

Patienten können über das Internetportal von Doctolib sowie die App mit wenigen Klicks den nächsten freien Termin beim gewünschten Arzt in der jeweiligen Stadt oder Region finden. Und Mediziner erhalten von Doctolib eine einfach zu nutzende Software-Lösung, die sich nahtlos in den Praxisablauf einfügen lässt und die Terminvergabeprozesse optimiert. „Dafür bezahlen Ärzte im Monats-Abo – und haben verschiedene Service-Angebote wie etwa den Versand von Erinnerungs-SMS an die Patienten inklusive“, sagt Tsimpoulis.

Das klingt recht simpel – ist aber ein passendes Angebot zur richtigen Zeit. Denn mit Jameda gibt es auf dem deutschen Markt nur einen einzigen erstzunehmenden Rivalen, der zudem international kaum eine Rolle spielt. Dabei dürfte die Nachfrage nach solchen Dienstleistungen absehbar steigen: So gaben in einer Umfrage jüngst acht von zehn Befragten an, sie würden ihre Arzttermine gerne online vereinbaren – doch nur jeder Dritte hatte das selbst bereits gemacht.

Und auch bei Ärzten scheint das Start-up einen Nerv zu treffen. In Frankreich, wo Doctolib bereits seit 2013 aktiv ist, gilt das Unternehmen mit rund 80.000 Ärzten und 35 Millionen Webseiten-Besuchern als Marktführer. Den deutschen Markt bedient das Unternehmen seit Ende 2016; aktuell zählen hierzulande 4000 Ärzte und 56 Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser oder Versorgungszentren zu den Kunden. „Wir wachsen in Deutschland aber weiterhin exponentiell und wollen bis Jahresende bereits auf 10.000 Ärzte kommen“, sagt Tsimpoulis.

Investoren sind vom Potenzial des Start-ups mit Hauptsitz in Paris und Berlin jedenfalls begeistert. Erst im März hat Doctolib 150 Millionen Euro frisches Kapital eingesammelt – woraus sich eine Unternehmensbewertung von mehr als einer Milliarde Euro ergibt. Damit zählt Doctolib zu der in Europa recht illustren Schar von Einhörnern, wie Risikokapitalgeber Start-ups mit einer Bewertung in Milliardenhöhe nennen.

Die jüngste Finanzierungsrunde erfolgte unter Führung des amerikanischen Finanzinvestors General Atlantic, der hierzulande unter anderem an dem aufstreben Mobilitätsdienstleister Flixbus beteiligt ist. In der ersten Runde waren unter anderem die US-Fondsgesellschaft Accel, die auch an Aktionär von Spotify oder Dropbox war, sowie der Einzelinvestor Ludwig Klitzsch, Chef und Inhaber der Gesundheitsgruppe Ideamed aus dem bayerischen Bad Wiessee, mit an Bord.

„Wir hatten in unseren medizinischen Versorgungszentren früher das Problem, dass wir in Stoßzeiten wie montagmorgens oder freitagnachmittags 40 Prozent der eingehenden Anrufe nicht annehmen konnten“, sagt Klitzsch der WirtschaftsWoche. Also probierte er Doctolib intern im Unternehmen aus. Als er nach wenigen Monaten deutliche Verbesserungen bemerkte, weitete er nicht nur die Nutzung in weiteren ambulanten Zentren aus, sondern auch die Beteiligung an Doctolib. „Das Potenzial ist jedenfalls enorm; in unseren eigenen medizinischen Zentren vergeben wir mittlerweile ein Drittel aller Termine online“, sagt Klitzsch.

Konkurrent Jameda ist in Deutschland noch verbreiteter

Macht sich der zum Burda-Konzern gehörende Rivale Jameda Sorgen angesichts der neuen Finanz-Power von Doctolib? Nein, winkt man in der Jameda-Zentrale in München ab. „Wir grenzen uns unter anderem durch unser Bewertungssystem ab, das ein hoher Nutzwert für Patienten darstellt“, sagt eine Unternehmenssprecherin. Alle 275.000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland seien auf jameda verzeichnet; und mit sechs Millionen Patientenbesuchen im Monat sei man deutlich größer als der deutsch-französische Konkurrent.

Geld verdienen die Münchner durch verschiedenen Premium-Profile, welche die Ärzte auf dem Internet-Portal buchen können. Neben einer höheren Sichtbarkeit durch Praxisfotos oder genauere Leistungsbeschreibungen zählt zu diesen Bezahlfunktionen auch die Online-Terminvergabe. Wie viele diese bereits nutzen – und wie viele zahlende Premiumkunden Jameda insgesamt hat, wollte das Unternehmen „aus Wettbewerbsgründen“ nicht verraten. Man betrachte sich aber hierzulande als „Marktführer für Online-Arzttermine“.

Rivale Doctolib hat dagegen ganz bewusst auf ein Bewertungsfeature verzichtet und konzentriert sich rein auf die Terminvergabe-Software; noch im Laufe dieses Jahres sollen Tele-Konsultationen über das Internet hinzukommen. „Ich bin ja selber Arzt und habe früher als Radiologe gearbeitet“, sagt Deutschlandchef Tsimpoulis. Er wisse daher aus eigener Anschauung, wie schwer es sei, im Medizinsektor objektive Bewertungen zu etablieren. „Uns geht es daher vor allem darum, die Medizinplattform der Zukunft mitzugestalten.“

Ganz nebenbei dürfte der Verzicht Doctolibs auch im Geschäftsalltag helfen: Denn Jameda muss sich immer mal wieder mit Ärzten herumärgern, die die Plattform wegen angeblich falscher oder zu schlechter Bewertungen verklagen. Solche Probleme hat Doctolib erst gar nicht – und kann sich ganz als Partner an der Seite der Mediziner verkaufen.

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