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Programmieren in Schulen So lernen fünfjährige britische Schüler das Programmieren

Während in Deutschland nur die wenigsten Schüler Informatik lernen, steht in Großbritannien das Fach „Computing“ bereits ab der Grundschule auf dem Lehrplan. Die britische Regierung will damit die neue Generation auf die Zukunft vorbereiten.

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Schon in jungen Jahren Programmieren lernen. Quelle: Getty Images

An der Wand des Klassenzimmers hängt ein Blatt Papier, auf dem steht: „Ein Mann kommt in eine Bar und verlangt ein Glas Wasser. Die Frau hinter der Bar gibt es ihm und beginnt dann plötzlich zu schreien – warum nur?“ Einer der Schüler schaut kurz von seinem Computer auf und sagt: „Vielleicht hat der Mann die Frau mit einer Pistole bedroht.“ Er ist gerade dabei, mit  der Programmiersprache Python ein Spiel zu programmieren. Es geht um eine Schatzjagd, aber auf dem Bildschirm ist – zumindest für IT-Analphabeten – das Spiel gar nicht zu erkennen.

Zu sehen ist nämlich nur ein Quadrat mit unverständlichen Zeichen in  Rot und Grün: „Rot ist die eigentliche Programmiersprache, in grün erkläre ich, wie ich‘s gemacht habe“, sagt der 15-Jährige. Sein Freund, der direkt neben ihm sitzt, überprüft gerade eine Schleife („Loop“) in seinem Code und ist ebenfalls mit Eifer bei der Sache. Was die Scherzfrage mit der Bar-Szene angeht, ist er allerdings ratlos.

 „Ich glaube, der Mann hatte Schluckauf. Und die Barfrau hat laut gerufen, damit er sich erschreckt und der Schluckauf aufhört“, sagt Lehrer Peter Corkhill, der den Programmierunterricht an der Coombe Boys' School in New Malden, einem Vorort im Londoner Südwesten, leitet. „Aber auf die richtige Antwort kommt es gar nicht an, wir wollen die Schüler mit solchen Mitteln vor allem zum Querdenken erziehen“.

Seit September 2014 ist Programmieren für alle Schüler von fünf bis 14 Jahren an den Grund- und weiterführenden Schulen in England, Schottland und Wales Pflichtfach. Diese Umstellung ging geräuschlos und ohne Elternproteste über die Bühne, denn anders als in Deutschland gab es an den britischen Schulen schon seit vielen Jahren das Pflichtfach ICT (Information and Communications Technology).

Dort wurde den Schülern in erster Linie beigebracht wie man Power-Point-Präsentation oder Excel-Dateien erstellt – doch das gilt inzwischen als überholt. Schon viel früher, in den 80er Jahren, stand Programmieren in Großbritannien übrigens schon einmal auf dem Lehrplan.

Warum sollten wir Programmieren als Schulfach einführen?

Das Land ist schließlich stolz auf seine digitale Tradition: Der Erfinder des World Wide Web, Sir Tim Berners-Lee, stammt aus England  – ebenso wie die Computer-Pionierin Ada Lovelace. Laut der neuen Lehrplanrichtlinie des britischen Erziehungsministeriums sollen die Schüler beim Programmieren nicht in erster Linie technische Fähigkeiten erwerben, sondern lernen, digitale Arbeitsprozesse zu verstehen. „Programmieren gibt den Schülern das Rüstzeug, die Welt zu verstehen, zu verändern und stellt sicher, dass jedes Kind für das Leben im modernen Großbritannien vorbereitet ist“, heißt es in der visionären Verordnung.

Dafür werden schon ABC-Schützen im zweiten Schuljahr mit dem Programmieren vertraut gemacht, sollen die Grundlagen logischen Denkens begreifen und eine Ahnung davon bekommen, was ein Algorithmus ist.  Viele von ihnen lernen die visuelle Programmiersprache Scratch, die extra für Kinder entwickelt wurde. Elf bis 14-Jährige müssen dann laut Lehrplan mindestens eine – besser zwei – weitere Programmiersprachen erlernen. Viele könnten sogar ihre  eigene Website oder App bauen, sagt Lehrer Corkhill.

50 Minuten Programmierpflicht pro Woche

In der Coombe Boys‘ School bedeutet der Pflichtunterricht im Programmieren: eine 50-minütige Unterrichtseinheit pro Woche. Während das Londoner Bildungsministerium den Rahmen für den neuen Lehrplan setzt, bleibt dessen Ausgestaltung weitgehend den Schulen selbst überlassen. Sie entscheiden über die Stundenzahl, wählen Programmiersprachen und Lehrmaterial aus.

Ohne Hilfe aus der Wirtschaft geht es nicht: Google und andere Tech-Konzerne, die Interesse an fachkundig ausgebildetem Nachwuchs haben, stellen Technik kostenlos zur Verfügung, die britische Luftwaffe sponsert kleine Lego-Roboter, an denen Schüler das Programmieren lernen können und die BBC verteilte an den Schulen sogenannte „micro:bit“-Computer. Die Platinen sind nicht größer als ein Bierdeckel und lassen sich programmieren, enthalten Bluetooth-Technologie und einen Kompass. Finanziert wird das BBC-Projekt unter anderem von der Barclays Bank und dem südkoreanischen Hightech-Konzern Samsung.

Die größte Herausforderung, die die Einführung des neuen Unterrichtsfaches in Großbritannien mit sich brachte war die Fortbildung der bisherigen ICT-Lehrer und die Rekrutierung neuer Lehrkräfte. Generell genießen Lehrer in Großbritannien keinen sehr hohen Status und es ist schwer, für naturwissenschaftliche Fächer und Mathematik passende Kandidaten zu finden. Denn in der Londoner City oder in der Tech-Branche verdienen sie besser, das gilt natürlich auch für Informatiker.

Warum braucht Deutschland eine digitale Bildungsoffensive?

Nur 40 Prozent der Computerlehrer fühlten sich 2014 laut einer Umfrage dazu befähigt, das neue Fach zu unterrichten. „Programmieren – das war anfangs wie ein ganz neues, anderes Fach“, sagt Computer-Lehrer Simon Whittington, der früher ICT unterrichtete. Lachend räumen er und sein Kollege Corkhill ein, dass manche Schüler besser programmieren können als sie selbst. Corkhill meint: „Am wichtigsten ist zunächst einmal nicht das eigentliche Fachwissen, sondern, dass jemand ein guter Lehrer ist“. Doch er gibt zu, dass es den Lehrern zum Teil am Selbstvertrauen fehle.

Vor allem für viele Grundschullehrer ist die Umschulung offenbar keineswegs so leicht. Corkhill, voller Enthusiasmus und Engagment, ist schon seit 20 Jahren im Schuldienst und was das Programmieren angeht ein Autodidakt: In den 80er Jahren befasste er sich erstmals mit dem Thema, später wurde der studierte Ingenieur Lehrer für Werken, Design und Technologie. Auf eigene Initiative bildete er sich dann zum Programmierer fort. Sein Fall ist typisch.

Denn in der Praxis wird viel improvisiert, die Lehrer nutzen Online-Seminare und kommunizieren über verschiedene Facebook- und Twitter-Gruppen, ein offizielles Fortbildungsprogramm von Regierungsseite gibt es nicht. Unterstützung kommt auch von CAS – die Abkürzung steht für Computing at School - einem Netzwerk von Lehrern, Akademikern und Branchenspezialisten, das schon seit 2009 Workshops und Programme anbietet. Von  den 23.000  CAS-Mitgliedern sind 75 Prozent Lehrer, etwas mehr als 300 von ihnen sind sogenannte „Master Teacher“, die ihre Kollegen schulen, erläutert Sue Sentance, CAS-Koordinatorin und Dozentin in Computerwissenschaften an der Universität King‘s College London. Seit 2013 hat die Regierung  die Ausbildung von Computer-Lehrkräften mit insgesamt knapp drei Millionen Pfund unterstützt – eine bescheidene Summe.

Dass die Lehrer bei ihrer Umschulung auf Hilfe zur Selbsthilfe angewiesen sind, hat aber auch Vorteile. Denn die vielen Initiativen und Netzwerke schaffen ein Gemeinschaftsgefühl. Die Lehrer, meint die CAS-Koordinatorin Sentance, sind mit größerem Enthusiasmus dabei, sie haben mehr Flexibilität als in einem von oben verordneten, starren Trainingsmodell. „So ist es nicht perfekt, aber wenn das Bildungsministerium gewartet hätte, bis alle Lehrer ein Fortbildungsprogramm absolviert haben, wäre Coding nicht so schnell als Pflichtfach an den Schulen eingeführt worden“, sagt die Britin. „Und in zehn Jahren, wenn die Fünfjährigen, die heute damit beginnen, mit dem Lehrplan durch sind, ist vermutlich ohnehin schon wieder vieles anders“.

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