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Risikofaktor 5G Ist die nächste Mobilfunkgeneration sicher genug?

5G soll für einen

Die neue Mobilfunkgeneration 5G bietet die einzigartige Chance, das erste absolut sichere Funknetz zu bauen. Doch Experten zweifeln, ob das gelingt.

Steve Buck ist so etwas wie ein Spielverderber. An den ersten Tagen des Mobile World Congress hat der Vorstand der britischen IT-Sicherheitsfirma Evolved Intelligence denen die Bühne überlassen, die den Hype schüren und von den tollen technischen Errungenschaften des künftigen 5G-Mobilfunks schwärmen: vom Internet der Dinge, der Fabrik 4.0 und dem autonom fahrenden Auto. Die künftigen 5G-Netze sollen die dafür notwendigen Funkverbindungen schneller und besser als alle bisherigen Netze schalten. Bereits in wenigen Jahren sollen so viele Milliarden Geräte, Maschinen und Autos über Sensoren miteinander verbunden sein und ständig Daten untereinander austauschen. 

Doch ob die angestrebten Verbesserungen am Netz auch sicherer sind, daran zweifelt Buck. In Barcelona will er den Punkt öffentlich zur Sprache bringen. Der Veteran der Mobilfunkszene, der schon bei T-Mobile, Orange, Motorola und Nokia Netzworks in Führungspositionen gearbeitet hat, will seiner Branche die Ohren langziehen und die Euphorie mit einem „Reality-Check“ dämpfen. 

Buck sieht die Gefahr, dass das Sicherheitsniveau beim 5G-Mobilfunk nicht viel höher sein wird als bei den bisherigen Mobilfunkstandards GSM (2G), UMTS (3G) und LTE (4G). Damit würden auch beim 5G-Mobilfunk all die Sicherheitslücken und Schwachstellen toleriert, die schon heute den Netzbetreibern und Kunden Kopfschmerzen bereiten.

Der kommerzielle Druck für einen übereilten Start der ersten 5G-Netze sei so groß, dass die Vertreter von Netzausrüstern, Netzbetreibern und Diensteanbietern in dem Standardisierungsgremium ihre Arbeiten an den dringend benötigten Sicherheitsvorkehrungen nicht mit der erforderlichen Dringlichkeit angehen, warnt Buck. Die ersten 5G-Netze könnten also eingeschaltet werden, ohne dass alle Sicherheitsfeatures verbindlich im Standard festgelegt sind. Schon jetzt hinken nach Ansicht von Buck die Arbeiten an den Sicherheitsfeatures ein bis anderthalb Jahre hinterher.

Das Versprechen der Branche ist ein anderes. 5G soll für einen „revolutionären Sprung“ in ein neues Mobilfunk-Zeitalter sorgen und alles übertreffen, was es in den vergangenen 25 Jahren in der mobilen Kommunikation gegeben hat. Die Übertragungsgeschwindigkeit soll auf zehn Gigabit pro Sekunde explodieren, 100-mal schneller als bisher. Die Latenzzeiten auf eine Millisekunde sinken, 30 bis 50-mal schneller als bisher. Eine Million Verbindungen pro Quadratkilometer soll die neue 5G-Technik verarbeiten, 100-mal schneller als die heutige Technik. Und weil schon minimale Abweichungen die künftig komplett vernetzten Autos, Maschinen und Fabriken aus dem Tritt bringen können, sollen die 5G-Netze auch noch so stabil und sicher sein, dass sie keine Angriffsflächen für Hacker und Cyberkriminelle bieten. Bei autonomen Autos und vernetzten Operationssälen in Krankenhäusern entscheiden Sicherheitsmängel sogar über Leben und Tod. 

Für Buck ist es deshalb „fundamental wichtig“, dass die 5G-Netze absolut sicher und robust gebaut werden. Sonst sei die einmalige Chance, etwas grundlegend Neues zu bauen, schnell vertan. Im Nachhinein zusätzliche Sicherheit einzubauen sei teurer als das Problem gleich am Anfang an zu lösen.

Ein Blick in das Innenleben von 5G zeigt, wie schwierig das ist. Die neuen Netze werden weitgehend software-basiert sein. Das heißt: Riesige Software-Pakete mit Millionen Programmierzeilen sollten keine Fehler mehr haben. Hinzu kommt: Ein Großteil der Datenverarbeitung läuft in der Cloud. Damit die Latenzzeit auf ein bis zwei Millisekunden sinken kann, müssen Server möglichst nah an den Funkmasten gebaut und so geschützt werden, dass Kriminelle und Vandalen nicht die Mini-Rechner öffnen und dort eindringen können. Und in den Fabriken sollen die vernetzten Maschinen möglichst unangetastet über viele Jahre laufen, ohne die aus den Bürocomputern bekannten Sicherheits-Updates, die nachträglich Sicherheitslücken schließen.

Das sind die Highlights des MWC
Sony stellte auf dem Mobile World Congress das neue Modell Xperia XZ2 vor Quelle: REUTERS
Zu den Innovationen des neuen Sony-Modells gehört auch ein System, dass Töne in Vibrationen des Geräts umwandelt, um den zwangsläufig kleinen Lautsprechern mehr Kraft zu geben. Man lege den Fokus auf das Smartphone als „ultimatives Unterhaltungsgerät“, sagt Sony-Manager Hideyuki Furumi. Quelle: REUTERS
Google AssistantInternetkonkzern Google will seine Assistenzsoftware weltweit verfügbar machen. Bis zum Jahresende solle der Google Assistant in mehr als 30 Sprachen kommunizieren können, kündigte der Internet-Konzern am Montag auf der Mobilfunk-Messe Mobile World Congress in Barcelona an. Bisher werden acht Sprachen unterstützt. In den kommenden Monaten sollen unter anderem Dänisch, Niederländisch, Hindi, Schwedisch und Thai dazukommen. Quelle: REUTERS
Der Google Assistant tritt gegen Konkurrenzprogramme wie Apples Siri oder Amazons Alexa an. Google verstärkte zuletzt seine Anstrengungen, den Assistant in mehr Geräte anderer Anbieter zu bringen, um das Geld nicht Amazon zu überlassen. Sprache gilt als ein zentrales Kommunikationsmittel mit intelligenten Geräten für die Zukunft. Quelle: AP
Samsung Galaxy S9 und S9+Samsung will seine Spitzenposition im hart umkämpften Smartphone-Markt mit zwei neuen Flaggschiff-Modellen untermauern. Samsung habe seinen Kunden zugehört und in der Entwicklung den Fokus auf aktuelle Trends gelegt. Heute stehe längst nicht mehr das Telefongespräch, sondern die Kommunikation mit Bildern und Videos im Vordergrund. Auf dem wichtigsten Treffen der Mobilfunkindustrie präsentieren traditionell die führenden Smartphone-Hersteller ihre neuesten Modelle. Marktführer Samsung machte mit seinen beiden neuen Flaggschiff-Modellen den Aufschlag. Quelle: AP
Selbst bei nächtlichen Lichtverhältnissen soll die Kamera des Galaxy S9+ noch detailreiche Bilder aufnehmen können. Für eine persönlichere Kommunikation erstellt das Smartphone zudem aus einem Selfie oder einer Videoaufnahme ein animiertes AR-Emoji und wandelt die individuellen Gesichtszüge in ein 3D-Modell um, das verschiedene Stimmungsausdrücke widerspiegelt. In Kooperation mit Disney stehen S9-Nutzern dafür auch Figuren aus dem Animations-Film „Die Unglaublichen“ sowie Klassiker wie Micky Maus zur Verfügung. Quelle: AP
HMD bringt Nokia zurückDer Handy-Hersteller HMD Global will mit einer runderneuerten Modellpalette den Markennamen Nokia wieder fest im Smartphone-Geschäft verankern. In Barcelona stellte das Unternehmen am Sonntag drei neue Smartphone-Modelle zu aggressiven Preisen zwischen 99 und 399 Dollar vor. Für Nostalgiker gibt es eine Neuauflage des legendären Schiebe-Handys 8110 aus dem Jahr 1999, diesmal aber mit schnellem LTE-Datenfunk. HMD ist die Nummer eins im Geschäft mit einfachen Handys, die immer noch rund 1,3 Milliarden Nutzer weltweit haben. Als vollwertiges Einstiegs-Smartphone gibt es das Nokia 1 zum Preis von 99 Euro, das aber trotzdem die neueste Android-Version „Oreo“ hat, die bei der Konkurrenz bisher oft auch deutlich teureren Modellen verwehrt blieb. Schalen in unterschiedlichen Farben sollen das Gerät schnell wandelbar machen. Quelle: REUTERS

In einem Gemeinschaftsprojekt haben Forscher der Universitäten in Bochum, Wien und Abu Dhabi Ende vergangenen Jahres herausgefunden, dass alle bisherigen Mobilfunknetze sehr verwundbar sind und solche Lücken im 5G-Mobilfunk nicht länger tolerierbar. Die Gruppe veröffentlichte eine Liste mit 14 Schwachstellen: So lässt sich die Authentifizierung austricksen, mit der Nutzer ihre Zugangsberechtigung nachweisen. Auch die bisher eingesetzten Verschlüsselungsverfahren sind vergleichsweise leicht zu knacken. Hacker oder Geheimdienste können den Datenverkehr also anzapfen. Auch Überlastungsangriffe, sogenannte Denial-of-Service-Attacks, haben Mobilfunknetze schon zum Absturz gebracht und müssen für 100-prozentig verfügbare 5G-Anwendungen wie dem autonomen Fahren ausgeschlossen werden.

Vor allem Nachrichtendienste setzen seit Jahren sogenannte Imsi-Catcher ein, damit sie den Telefon- und Datenverkehr vor Ort mithören und mitlesen können. In einer Funkzelle wird dabei - heimlich versteht sich - vorübergehend eine eigene Funkstation mit so viel Sendeleistung aufgebaut, dass sich Handys und Smartphones in dieser Funkstation einbuchen. Der Nutzer merkt das nicht. Der umgeleitete Datenverkehr lässt sich dann in Ruhe auswerten. Dass künftig Roboter oder Produktionsanlagen ihre Daten an einen illegal aufgebauten 5G-Mast vor den Fabriktoren senden, dieses Risiko können die Industrieunternehmen nicht eingehen. 

Die Entwicklung und Standardisierung des neuen 5G-Mobilfunks „bietet die einzigartige Gelegenheit, all die Sicherheits- und Datenschutzprobleme systematisch zu beheben“, schreiben die Forscher David Rupprecht, Adrian Dabrowski, Thorsten Holz, Edgar Weippl und Christina Pöpper in ihrem Abschlussbericht. Mit Steve Buck haben die Fünf in Barcelona zumindest einen Verbündeten gefunden.

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