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Salesforce-Vordenker Rangaswami "Konsumenten lenken die Unternehmen"

Der Chefwissenschaftler des amerikanischen Businesssoftware-Anbieters Salesforce plädiert für Offenheit im Internet – zum Wohle der Konsumenten.

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Rangaswami Quelle: Laif Andreas Artz

WirtschaftsWoche: Herr Rangaswami, Sie schauen von Berufs wegen in die Zukunft. Wie geht es weiter mit dem Internet?

Rangaswami: Ich bin fasziniert von der Entwicklung des drahtlosen Internets, da es in einer Geschwindigkeit passiert, die niemand vorhergesagt hat. Aber wir müssen für unsere Kinder noch einen Konflikt lösen. Öffentlichkeit versus Privatsphäre. Die Balance zu finden ist nicht einfach, weil sie nicht nur eine rechtliche Komponente hat, sondern auch eine soziologische.

Die Angst vor dem gläsernen Menschen ist bekannt. Aber welche Vorteile bringt die Offenheit?

Früher haben die Nutzer im Netz mitgeteilt, was sie getan haben. Heute teilen sie mit, was sie gerade tun. Künftig werden die Menschen verraten, was sie tun werden. Das verändert alles. Unternehmen können auf Basis dessen entscheiden, wie viel sie produzieren, wie sie Lagerbestände managen. Unternehmen werden dadurch viel weniger Abfall verursachen. Schließlich werden keine Güter mehr hergestellt, die man am Ende doch nicht braucht.

Wie funktioniert das?

Ein sozial vernetztes Unternehmen kann den Kunden besser verstehen. Vor 20 Jahren enthielt das Profil eines Konsumenten nicht mal dessen E-Mail-Adresse. Heute enthält es die Facebook-Seite des Kunden, seinen Twitter-Kanal und seinen Blog. Der Konsument teilt sich auf den Plattformen freiwillig mit, gibt ein 360-Grad-Bild seiner Intentionen, Ambitionen und Präferenzen ab. Unternehmen müssen nur zuhören, genauer. Gleichzeitig muss man dem Konsumenten klarmachen, dass er sich einbringen soll.

Alles zur gleichen Zeit

Toyota Quelle: gms

Welche Unternehmen arbeiten schon so?

Im Mai haben wir bei Salesforce ein Projekt mit Toyota gestartet. Der Autohersteller hat einen Wagen mit einem eigenen sozialen Netzwerk für Kunden ausgestattet. Mitarbeiter und Händler sind darüber mit dem Fahrzeug verbunden. Der Konsument kann wie bei Facebook Freund seines Autos werden. In dem sozialen Netzwerk erfährt er, wenn der Service fällig oder der Luftdruck im Reifen zu niedrig ist. Auch bekommt er standortbezogene Angebote von Händlern.

Und die Datenschützer schreien auf?

Manchem mag all die Vernetzung Angst machen. Aber wir leben in einer Welt, in der nicht mehr die Unternehmen den Konsumenten lenken, sondern umgekehrt. Mittels sozialer Netzwerke können Kunden heute Konzerne etwa daran hindern, die Preise anzuheben.

Das klingt aber sehr utopisch.

Man nennt das Social Marketing. Eine Organisation, die das sehr gut verkörpert, ist Carrotmob. Das sind Konsumenten, die sich zusammentun, um ihre Macht als Gruppe zu nutzen. Sie drängen Unternehmen, Gutes zu tun. Diese Gruppe funktioniert ähnlich wie Groupon. Bei Groupon tun sich die Leute zusammen, um einen Rabatt zu bekommen. Bei Carrotmob fordern sie etwas anderes, um Produkte des Unternehmens zu kaufen. Etwa, dass es den Abfall reduziert. Es ist ein kultureller Prozess, der die Unternehmen verändert. Das ist wie mit der Zigarette. Vor 25 Jahren kannte ich kaum einen Mann, der nicht geraucht hat. Heute kenne ich kaum noch jemanden, der es tut.

Facebook, Twitter und jetzt auch noch das soziale Netzwerk meines Autos und Carrotmob. Wer hat überhaupt noch Zeit, sich damit zu beschäftigen?

Der Mensch hat im Schnitt drei Stunden Freizeit am Tag. Das ist seit vielen Jahrzehnten stabil. Aber man hat heute viel mehr Möglichkeiten, diese drei Stunden zu verbringen. Meine Kinder nutzen inzwischen mehrere Informationskanäle gleichzeitig. Meine 13-jährige Tochter etwa macht Hausaufgaben, schaut gleichzeitig fern, isst und unterhält sich mit Freundinnen. Aber was macht sie wirklich? Die Antwort ist: alles. Unsere Kinder wachsen in einer Kultur auf, wo so vieles gleichzeitig möglich ist, dass sie sich daran anpassen. Meine Tochter kann viel besser Dinge zeitgleich tun, als ich das kann.

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