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Schnelles Internet Woran die Verkabelung Deutschlands wirklich scheitert

Breitbandausbau in Deutschland geht schleppend voran Quelle: Fotolia

Für den Breitbandausbau stehen Milliarden Euro bereit. Doch das Geld wird nicht ausgegeben. Warum? Eine einfache Antwort gibt es nicht – nur eine ernüchternde.

Dieser Tag soll das Symbol sein, dass Deutschland endlich im 21. Jahrhundert angekommen ist. Deshalb hat sich die Deutsche Telekom alle Mühe gegeben, am Ende der Siedlung ein Zelt aufgestellt, direkt neben dem Bolzplatz. Alles ist perfekt, es gibt sogar magentafarbene Blumen. Timotheus Höttges, der Telekom-Chef aus dem fernen Bonn, ist extra nach Klein Kedingshagen in der Nähe von Stralsund gekommen. Auch der Landrat, ein Minister aus Schwerin, Abgeordnete und Anwohner sind da. Eigentlich könnte es losgehen. Die Einzige, die noch fehlt, ist sie. Doch sie kommt nicht. Angela Merkel hat kurzfristig abgesagt. Zu viel Nebel, heißt es.

Und so muss das Glasfaserzeitalter im Wahlkreis der Kanzlerin ohne die Kanzlerin beginnen. Es ist nicht die einzige Panne an diesem Tag, mit dem alles anders werden sollte. Wenn hier, mitten im Nichts, superschnelles Internet liegt, dann geht das überall – so hatten sich die PR-Profis der Bundesregierung und der Telekom das wohl gedacht.

Doch nicht nur die Kanzlerin scheitert an der Zukunft. Auch der Telekom-Chef. Höttges will das Loch für das erste Kabel selbst ausheben. Mit weißem Bauhelm steigt er auf eine Maschine, mit der sich Gräben fräsen lassen. Vorsichtig zieht der Manager den Steuerknüppel zu sich, die Maschine legt los – und bleibt an einem Stein stecken.

Eine Kanzlerin, die gar nicht erst loskommt, ein Telekom-Chef, der stecken bleibt – symbolträchtiger hätte der Montag dieser Woche für die Lage der Digitalnation Deutschland nicht sein können. Es gibt kaum einen Politikbereich, in dem Anspruch und Wirklichkeit so auseinanderklaffen wie beim Breitbandausbau. Schnelleres Internet soll es geben, seit die ersten Modems auf den Markt kamen. Doch das Einzige, was es immer wieder gab, waren Versprechen – die dann kassiert wurden.
Schnelles Internet mit mindestens 50 Mbit/s für alle bis Ende 2018 sollte es auch mit der letzten großen Koalition geben. So kündigte es der damals zuständige Minister Alexander Dobrindt (CSU) an. In der Tat bestand vor vier Jahren Hoffnung, dass es sich dieses Mal nicht um ein leeres Versprechen handelt. Denn die Regierung setzte ein Förderprogramm für den Breitbandausbau auf und bewilligte mehrere Milliarden Euro. Gefühlt im Wochenrhythmus überreichte Dobrindt in seinem Ministerium Förderbescheide. Inzwischen gibt es 650 große Ausbauprojekte.

Die meisten davon existieren bislang allerdings nur in einer PDF-Datei. Noch immer hat jeder fünfte Haushalt keinen Zugang zu schnellem Internet. Gerade für Firmen ist das eine Katastrophe. Was auch damit zu tun hat, dass von den bislang bewilligten 1,56 Milliarden Euro nur 27,7 Millionen ausbezahlt wurden. Also nur 1,8 Prozent.

Das hat wenig damit zu tun, dass die Regierung zu lange am Aufmotzen alter Kupferkabel, Vectoring genannt, festhielt. Was im Umkehrschluss jedoch heißt, dass der Strategieschwenk der neuen großen Koalition, nur noch das bessere Glasfaser zu fördern, das Problem auch nicht löst.

Woran aber liegt es, dass Milliarden Euro da sind, um Deutschland fit für die Zukunft zu machen, aber nur Milliönchen tatsächlich verbuddelt werden?

Die Antwort findet man ausgerechnet in Mecklenburg-Vorpommern, also dort, wo der Nebel die Kanzlerin am Dabeisein und die Steine den Telekom-Chef am Baggern hindern. Denn Mecklenburg-Vorpommern ist das Musterland des Breitbandausbaus. Kein anderes Land erhält mehr Förderung vom Bund, kein anderes hat so schnell alle Projekte bewilligt bekommen, keines hat so früh nur auf Glasfaser gesetzt. Und doch zeigt die Reise in zwei Landkreise in Vorpommern, warum beim schnellen Internet in Deutschland auch die Schnellsten nur Schnecken sind. Und manche nicht einmal das. Es ist ein für ganz Deutschland gültiges Lehrstück über digitale Träume und die harte Wirklichkeit aus überforderten Verwaltungen, sprunghaften Unternehmen und völlig ausgelasteten Baufirmen.

In der Internetprovinz

Dietrich Lehmann dauert der Breitbandausbau viel zu lange. Wie viele Unternehmer auf dem Land ärgert ihn jede weitere Verzögerung: „Im Vergleich zu Südkorea sind wir nicht einmal Entwicklungsland.“ Lehmann führt eine mittelständische Firma in Torgelow im Landkreis Vorpommern-Greifswald. Dort ist er Vizepräsident des Unternehmerverbandes. Und als solcher hat er eine Botschaft an die Regierung in Berlin: Sie habe „komplett versagt“.

Lehmann wollte nicht länger auf die Politik warten und legte sein eigenes Glasfaserkabel von einem nahen Callcenter zu seiner Firma. „Hilfskrücke“ nennt er das. Günstig war es nicht, doch jetzt hat seine Firma für Wärme- und Energietechnik immerhin 70 Mbit/s zur Verfügung. „Das ist immer noch viel zu wenig“, sagt Lehmann. Er bräuchte mindestens ein Gigabit. Oft müssten Dokumente zwischen Baustellen im In- und Ausland und der Zentrale hin- und hergeschickt werden. Weil die Übertragungsgeschwindigkeit zu gering ist, nutzt Lehmann noch häufig den alten, analogen Weg: „Die Dokumente drucken wir aus und verschicken sie per Post oder per Kurier.“

Als Unternehmervertreter würde Lehmann gern Firmen in die Region locken. Vor allem Mitarbeiter mit Kindern bevorzugten die ländliche Atmosphäre und die günstigeren Mieten. Doch das langsame Internet schrecke viele ab, sagt Lehmann. „Die erste Frage ist, wie es mit Kitaplätzen aussieht – damit können wir punkten. Aber danach kommt sofort die Frage nach der Internetleistung.“

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