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Serie: Künstliche Intelligenz Wenn Verstorbene per Chatbot weiterleben

Die Digitalisierung sucht sich ein neues Betätigungsfeld: Erste Unternehmen mumifizieren das menschliche Individuum als Datensatz. Tote chatten so als Bots mit uns weiter. Verlernen wir in Zukunft das Trauern?

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Wie ein Chatbot unseren Partner ersetzt. Quelle: Getty Images

Niemals geht man so ganz, und für Roman Mazurenko gilt das besonders: Mazurenko starb vor einem Jahr, als ihn bei einem tragischen Unfall in Moskau ein Auto überfuhr. Aber er chattet mit seinen Freunden und seiner Mutter weiter.

Für Romans enge Freundin Eugenia Kuyda brach nach seinem Tod eine Welt zusammen. „Einen Monat lang konnte ich über nichts anderes nachdenken als Roman“, sagt sie. „Dann begannen wir, den Bot zu bauen.“ Einen Bot, der Roman digital wieder auferstehen ließ.

Kuyda hatte zwei Jahre zuvor in San Francisco ein Start-up namens Luka gegründet, das mithilfe von künstlicher Intelligenz Chatbots entwickelt: Smarte Computerprogramme, mit denen man sich per Textnachricht unterhält, Reisen bucht oder Pizza bestellt. Und wenn man Callcenter-Agenten digital rekonstruieren kann – warum nicht auch Roman?

So lernen Maschinen das Denken

In ihrer Trauer speiste die 29-Jährige Hunderte Textnachrichten, die Roman ihr geschickt hatte, in ihre Software ein. Dann bastelte sie mit ihren Ingenieuren daraus @Roman, einen virtuellen Wiedergänger. Kuyda begann, mit ihm zu chatten. Und was er antwortete, sagt Kuyda, klang häufig wie der echte Roman, der gestorben war.

Ein Leben nach dem Tod, davon träumen und dafür beten Menschen in aller Welt. Auch den Kontakt mit den Toten suchen sie seit jeher, in Séancen und Orakeln. Nun, in dem Zeitalter, in dem unser Leben zunehmend digital stattfindet, wollen Gründer wie Kuyda ein neues Tor ins Jenseits öffnen: In der virtuellen Realität sollen wir als Software unsterblich werden.

Seinen Geist per Chatprogramm nachzubauen ist womöglich nur der Anfang. Auch den Körper wollen Start-ups wie Forever Identity per 3-D-Scan virtuell einbalsamieren und als Avatar auferstehen lassen. Futuristen wie der Google-Chefingenieur Ray Kurzweil glauben gar, dass wir eines Tages ganze Gehirne scannen – und unser Bewusstsein auf Datenträger aufspielen.

Wahrscheinlichkeit, dass Menschen innerhalb von 20 Jahren ganz oder teilweise durch Maschinen ersetzt werden

Das Ergebnis wäre eine Welt, wie sie der Autor Jens Lubbadeh in seinem Roman „Unsterblich“ beschreibt: Da leben die Toten als Hologramme weiter. Michael Jackson gibt Konzerte, Steve Jobs stellt das iCar vor, und Helmut Schmidt regiert wieder die Bundesrepublik.

Die Toten ruhen zu lassen dürfte dann wohl aus der Mode kommen. Gründerin Kuyda baut in ihrer Chatapp Luka schon jetzt eine recht gesprächige Ahnengalerie auf: Neben @Roman chattet dort auch Prince, die Poplegende. Bald will Kuyda jedem anbieten, einen Bot seiner selbst anzulegen. Dazu chattet der Nutzer mit dem Programm, beantwortet ihm Fragen. „Die Software ahmt deine Sprachmuster nach“, sagt Kuyda, „und sie merkt sich persönliche Vorlieben.“ Bis sie so redet wie du selbst.

Start-ups wie Eternime aus den USA speisen zusätzlich Daten aus sozialen Netzwerken oder Tagebucheinträge ein. Entstehen soll ein Archiv, in dem nicht Bücher gespeichert sind, sondern Menschen.

Nur: Wozu soll das gut sein? Die Lebenden, glaubt Kuyda, fänden im Selbstgespräch mit ihrem Bot mehr zu sich selbst, könnten über ihr Dasein reflektieren – oder Freunden ermöglichen, mehr über sie zu erfahren. Es ist nicht zuletzt auch ein Geschäftsmodell. Und die Toten, verspricht etwa Forever Identity, lebten im Netz und via Datenbrille für immer weiter. Vermissen wir Oma, beamen wir sie ins Wohnzimmer. Und kommen vielleicht besser über ihren Verlust hinweg. Ein Paradies auf Erden.

Oder Dantes Fegefeuer. Die Verstorbenen lassen uns keine Ruhe mehr. Helene Fischer streift auch in 100 Jahren noch atemlos durch die Nacht. Zombies beherrschen die Primetime und gönnen neuen Generationen keine 15 Minuten Ruhm.

Das Dogma des Dataismus

Sind wir wirklich nicht mehr als die Summe unserer Daten? Lässt sich mittels Fitnesstrackern und Facebook-Likes, Stimmaufzeichnungen und Sucheinträgen tatsächlich das Wesen eines Menschen mumifizieren?

Manches deutet darauf hin. Es ist eine alte Erkenntnis, dass etwa Sprachmuster Ausdruck unserer Persönlichkeit sind. Neu ist, dass künstliche Intelligenz diese Muster heute sehr gut aufspüren kann – aus Massen an Daten, die wir im Netz produzieren. Forscher der Universitäten Cambridge und Stanford behaupten, mit Facebook-Likes die Persönlichkeit von Testpersonen einschätzen zu können. MIT-Forscher wiederum behaupten, sie könnten die Emotionen eines Menschen zu 87 Prozent richtig deuten, allein indem sie seinen Körper mit Radiowellen bestrahlen, aus dem Echo Herzschlag und Atmung auslesen und die Werte mit künstlicher Intelligenz auswerten.

Oft genug trauen wir Rechenformeln heute schon mehr als unserer inneren Stimme. Partnerbörsen vermitteln uns Lebensgefährten, Netflix empfiehlt uns Fernsehserien. Angelina Jolie ließ sich die Brüste entfernen, weil ihr DNA-Analysen ein hohes Risiko zumaßen, an Krebs zu erkranken.

Wie Roboter den Alltag erleichtern
Krankenpfleger Ein Roboter CARE-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung entwickelt wurde, versorgt eine Bewohnerin eines Pflegeheims mit einem Getränk (undatiert). Auch dieser Roboter unterstützt ältere Menschen im häuslichen Umfeld und das Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen. Quelle: dpa
Der KochBremer Forscher präsentierten 2013 den Roboter „PR2“, der Popcorn machen und Pfannkuchen wenden kann. Das nötige Vorwissen habe sich dieser unter anderem aus dem Internet geholt, sagte Professor Michael Beetz von der Universität Bremen. Sein Team arbeitet zusammen mit sieben europäischen Partnern in einem auf vier Jahre angelegten Projekt an lernfähigen Robotern. Ziel sei es, diese neue Form der Programmierung zunächst bei Robotern anzuwenden, die alte und pflegebedürftige Menschen bei einfachen Aufgaben unterstützen. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren einsatzbereit sein. Quelle: dpa
Der BarkeeperDer Roboter "James" des Münchener Fortiss-Institutes für Hightech-Forschung in München (Bayern) ist als Barkeeper programmiert und soll bei einer Interaktion mit Menschen seine Aufgaben nicht nur richtig erledigen, sondern dabei auch auf die sozialen Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen. Wer sich bei James bedankt bekommt die Antwort: "Always a pleasure". Quelle: dpa
KuschelrobbeDer weiße Sozialroboter namens Paro soll Demenzkranken Zuwendung schenken. Das mit Sensoren vollgestopfte Kuscheltier reagiert auf Berührung, Licht und Bewegung. Es soll für Demenzkranke Zuwendung simulieren - und ist deswegen vor allem nach einer Messepräsentation 2011 heftig umstritten gewesen. Tritt an die Stelle des Zivildienstleistenden oder der Pflegekraft nun der Sozialroboter? 5000 Euro kostet die schnurrende Pelzattrappe. Quelle: dpa
Putzhilfe mit gutem OrientierungssinnInzwischen schon fast ein Klassiker unter den Haushaltsrobotern ist der autonome Staubsauger. Dieses Modell, ein Samsung Navibot SR 8855, sticht vor allem durch seine Navigationsfähigkeiten heraus. Aus Aufnahmen von einer eingebauten Kamera setzt er ein digitales Abbild des Raums zusammen, den er reinigen soll. Das verhindert laut Hersteller sinnloses Kreuz- und Querfahren wie bei anderen Saugrobotern. Hindernissen weicht der Navibot aus, die eingebauten Sensoren erkennen auch Treppenabsätze. Im Handel gibt es den Navibot ab etwa 320 Euro. Quelle: Presse
Freundlicher KrankenpflegerDieses freundlich dreinschauende Gesicht gehört einem Roboter aus dem Hause Panasonic. Das Modell Hospi-Rimo soll als Kommunikationsplattform für bettlägerige Patienten dienen, die mit dem Roboter von zu Hause aus mit Arzt, Freunden oder Verwandten per Videokonferenz kommunizieren wollen. Der Roboter kann dabei laut Hersteller mit fragilen Ampullen und Medikamenten so vorsichtig umgehen wie eine Krankenschwester. Quelle: Presse
HaarpflegerDieser von Panasonic hergestellte Haarwaschroboter widmet sich der Pflege des Haupthaars von bettlägerigen Patienten. Vollautomatisch kann das Gerät eine komplette Haarwäsche durchführen und dabei eine Spülung einmassieren sowie die Haare nach dem Waschen wieder trocknen. Dabei kommen insgesamt 24 robotische Finger zum Einsatz. Quelle: Presse

Der Historiker Yuval Harari sieht das Ende des Humanismus nahen – wenn sich das Dogma des Dataismus durchsetzt. Es wäre eine Ära, in der künstliche Intelligenzen wie Apples Assistent Siri besser über uns Bescheid wissen als wir selbst. Er schreibt: „Ein Algorithmus, der meinen Körper und mein Gehirn überwacht, könnte exakt wissen, wer ich bin, wie ich mich fühle und was ich will.“ So ein Computerklon könnte für uns schon zu Lebzeiten den Wahlzettel ausfüllen, die Einkäufe im Netz erledigen und E-Mails schreiben. Nach dem Tod würde er im Netz fortleben. Manchen Bekannten würde gar nicht auffallen, dass wir gestorben sind.

Und es geht noch morbider. Wer demnächst zu sterben gedenkt, kann sein Gehirn beim US-Start-up Humai einfrieren lassen. In 30 Jahren, wenn Maschinen schlauer geworden sind als wir selbst, tauen die Nerds es auf und verbinden es mit einem künstlichen Körper. Damit der Verblichene wieder ganz der Alte ist, sollen Computer über eine Schnittstelle zahllose persönliche Daten ins Hirn speisen.

Futurist Kurzweil glaubt, dass ein solcher USB-Anschluss ins Ich in 30 Jahren möglich ist. Dann schwärmen winzige Drahtlos-Sensoren in unsere Gehirnzellen aus und lesen ihre Gedanken. Scheidet der Körper dahin, steht er als Hologramm wieder auf, und der Geist lebt als Download auf Speicherkarten fort. Ein irrer Plot, aber der russische Milliardär Dmitry Itskov bezahlt Forscher in seinem Forschungsprojekt „2045 Initiative“ dafür, Kurzweils Plan von der digitalen Wiedergeburt umzusetzen.

Jetzt schreiben wir das Jahr 2017, und das Gehirn ist für uns weitestgehend eine Blackbox. So lange das so ist, bleibt etwas Unberechenbares, das uns einzigartig macht. Und wir bleiben sterblich. Eben das treibt den Menschen an, ein Vermächtnis zu hinterlassen: Kinder, Bücher, Kunstwerke. Der Tod ist ein Antrieb, der Menschen schöpferisch macht – Regisseur Woody Allen hat oft darüber gesprochen. Er habe keine Angst vor dem Sterben, sagte er einmal. Er wolle nur nicht dabei sein, wenn es passiert.

Im nächsten Teil: Können Maschinen lernen, ethisch zu handeln?
Weitere Artikel rund um das Thema Künstliche Intelligenz finden Sie >>hier.

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