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Serie Wirtschaftswelten 2025 Das Ende des Ich

Im Mensch-Maschinen-Zeitalter wird das Humane zur Ware und der freie Wille zur Beute des Kapitalismus. Muss es so kommen? Nein. Aber man sollte wissen, was auf dem Spiel steht.

Frau an einer gespiegelten Glasscheibe Quelle: Getty Images

Momos ist im Olymp eine Randfigur. Nur ein einziges Mal, in einer berühmten Fabel des Äsop, hat der Gott der Krittelei einen großen Auftritt: als Richter der Werke von Zeus, Athene und Prometheus. An allem hat Momos was auszusetzen, an Zeus’ Stier (keine Augen auf den Hörnern) an Athenes Haus (keine Räder für den Umzug) und natürlich auch an Prometheus’ Mensch: Warum bloß trägt der kein Fenster auf der Brust, damit man einen prüfenden Blick in seine Seele werfen, seinen Charakter erkennen und seine Gedanken lesen kann? Es ist bekannt, dass Zeus den nervenden Nörgler des Olymps verwies. Momos’ Idee aber, einmal in der Welt, ließ sich nicht bannen. Sein Fenstermensch machte Karriere und fasziniert bis heute – als Transparenzversprechen und Horrorvorstellung.

Vor allem Aufklärer und Romantiker versprechen sich viel vom Fenstermenschen: politische Durchsichtigkeit und wissenschaftlichen Fortschritt, einen unmittelbaren Blick aufs Denken und Fühlen, einen direkten Zugriff auf Vernunft und Leidenschaft, kurz: die Überwindung von Falschheit, Aberglaube, Vorurteil.

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

Utopie einer harmonisch-moralischen Gesellschaft?

Der Fenstermensch versinnbildlicht die Utopie einer harmonisch-moralischen Gesellschaft, in der sich Individuen natürlich-unverstellt begegnen (Jean-Jacques Rousseau), introspektiv ihr Gewissen befragen (Immanuel Kant), sich geheimnisfrei die „Wahrheit“ zumuten (Jean-Paul Sartre). Und natürlich ist er die perfekte Metapher eines herrschaftsfreien Internets, in dem Information, Erkenntnis, Wissen – und der Glaube an eine bessere Weltordnung mit zerstreuter institutioneller Macht – zirkulieren.

Andererseits hat Momos’ Fenstermensch auch Observations-, Kontroll- und Allmachtsfantasien geweckt. Sie reichen von Jeremy Benthams panoptischen Gefängnissen und Armenhäusern im 19. Jahrhundert über die Anwendung von „Psychoskopen“ und „Gehirnspiegeln“ in fantastischen Romanen bis hin zu den modernen Big-Data-Visionen von Geheimdiensten und Datenunternehmen, die die Seelenlagen und Kauflaunen von Bürgern und Kunden auslesen. Dabei ist die Dechiffrierung der Subjekte, die vom Robespierre der französischen Revolution bis hin zu den Offizieren der Staatssicherheit in der DDR in der Hand von identifizierbaren (Staats-)Personen lag, zuletzt vor allem auf anonyme Maschinen in der Hand verschlossener Privatunternehmen übergegangen.

Beute des Kapitalismus

Mit welchen Folgen? Wird nach dem Arbeits-Ich auch das Freizeit-Ich zur Beute des Kapitalismus? Nimmt die Totalität des Menschen warenförmigen Charakter an? Droht sich das transparente, subjekthafte Ich der Aufklärung – Ironie der Geschichte – in der objektiven Transparenz seiner Daten aufzulösen? Eine Antwort in drei Thesen:

Dass wir nicht Herr im eigenen Hause sind – geschenkt, darüber hat uns schon Sigmund Freud unterrichtet. Der entscheidende Unterschied besteht in einem veränderten Selbstverhältnis. Während ein entblößtes Unterbewusstsein uns neue Zugänge zu dem eröffnet, was wir für unser Ich halten, treffen wir uns im digitalen Echoraum als entäußerlichte Person an und werden auch als solche behandelt. Dadurch löst sich die Grenze zwischen Subjekt und Objekt auf.

Techniken zur digitalen Selbstverteidigung
E-Mails verschlüsselnDie Technik für eine solche Verschlüsselung gibt es seit Jahren. Sie hat nur zwei Nachteile: Erstens macht es Mühe, sie zu benutzen, und zweitens muss der Empfänger dieselbe Technik einsetzen. Fakt ist, dass E-Mails grundsätzlich kein besonders sicheres Kommunikationsmedium sind, aber durch ihre weite Verbreitung unverzichtbar bleiben. Auch wenn es aufwendig klingt: Sie sollten darüber nachdenken, zumindest im Mailverkehr mit wichtigen Partnern beidseitige Verschlüsselung einzusetzen. Quelle: dpa
Verabschieden Sie sich aus sozialen NetzwerkenSoziale Netzwerke sind nicht sicher, können es nicht sein und wollen es wohl auch nicht. Deshalb muss sich jeder Nutzer darüber im Klaren sein, dass für die Nutzung von Facebook & Co. mit dem Verlust von Privatsphäre bezahlt wird. Viele Unternehmen fragen sich inzwischen: Brauchen wir das wirklich? Hier macht sich zunehmend Ernüchterung über den Nutzen sozialer Netzwerke breit. Quelle: dpa
Springen Sie aus der WolkeVermutlich sitzt die NSA zwar nicht in den Rechenzentren von Google oder Microsoft, aber sie könnte Internet-Service-Provider überwachen und damit auch Daten auf ihrem Weg in die Wolke beobachten. Unabhängig davon, was die NSA tatsächlich tut, wissen wir, dass Behörden auf Cloud-Server zugreifen können. Halten Sie Ihre Daten in einer Private Cloud oder gleich im eigenen Rechner. Zu aufwendig? Nicht zeitgemäß? Auf jeden Fall besser, als beklaut zu werden. Quelle: dpa
Schalten Sie alles Unnötige abWer Smartphones und Tablets benutzt, weiß, dass solche Geräte ständig im Hintergrund irgendwelche Kontakte und Kalender synchronisieren, Browser-Historien anlegen und viele mehr. Richtig gefährlich kann dieses ständige Sich-einwählen in Verbindung mit GPS-Daten sein. Google weiß nämlich, in welcher Bar Sie letzte Woche waren. Wichtig ist erstens, die GPS-Funktion immer wieder zu deaktivieren, zweitens in Google Maps sämtliche Funktionen, die Standorte melden und Standorte mit anderen teilen, zu deaktivieren. Quelle: dpa
Eine Methode, um Bewegungsprofile zu vermeiden, ist die Benutzung eines guten alten Navis statt eines Smartphones zur Orientierung. Navis lassen sich – anders als Telefone – auch vollkommen anonymisiert einsetzen. Quelle: REUTERS
Web-Browsing versteckenDer Einsatz eines Secure-socket layers (SSL) zur Datenverschlüsselung im Internet ist nicht völlig sicher, aber auf jeden Fall deutlich sicherer, als nichts zu tun. Eine Möglichkeit, SSL zu nutzen, ist die HTTPS Everywhere-Browsererweiterung der Electronic Frontier Foundation. Gibt es aber leider nur für Firefox und Chrome. Noch mehr Sicherheit bietet das Tor Browser Bundle, aber es kann das Surf-Erlebnis unter Umständen deutlich verlangsamen. Quelle: dpa
Keine Messages über externe ServerInstant Messaging über Google Hangouts, Skype und ähnliches landet zwangsläufig in den Händen Dritter, weil solche Nachrichten grundsätzlich nicht direkt, sondern über einen Server ausgeliefert werden. Quelle: REUTERS

Algorithmen oder selbstbestimmtes Leben?

Nicht mehr wir selbst entwerfen unsere Biografie und bestimmen unsere Entscheidungen, sondern Algorithmen sind es, die uns gemäß unserer Vorlieben durch das lotsen, was wir romantischerweise (noch) für unser selbstbestimmtes Leben halten. Der Grund dafür ist denkbar einfach: In der Post-Wissensgesellschaft sind Informationen für den Menschen kein ausbeutbarer Rohstoff mehr, sondern der Mensch selbst ist die Information (und damit der ausbeutbare Rohstoff). Niemand ist im digitalen Kapitalismus nur Datenkonsument; wir alle sind immer auch Datenproduzenten.

Intelligente Maschinen sammeln unaufhörlich Primärdaten (E-Mails, Skype-Gespräche, Bloginhalte et cetera) ein und werten laufend unsere Spuren aus (zum Beispiel Bewegungsprofile in vernetzten Autos, Sensoren in Wohnungen, Ortungsfunktionen in Smartphone-Applikationen). Sie fusionieren die Informationen zu Datenaggregaten, verarbeiten sie zu Annahmen und Prognosen und degradieren uns damit zu berechenbaren Größen – zu Objekten von Maschinen: Daten fressen Ich auf.

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