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Serie Wirtschaftswelten 2025 Das Ende des Ich

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Daten-Ich für Amazon, Facebook, Google, Krankenhäuser, Kreditinstitute, Versicherungen

Als digitaler Zwilling ohne Herz und Seele ist ein solches Daten-Ich nicht nur für Amazon, Facebook, Google, sondern auch für Krankenhäuser, Kreditinstitute und Versicherungen auszulesen: ein ökonomisch adressierbarer Avatar, der über den Menschen, den er repräsentiert, informationstechnisch hinauswächst. Es ist ein Avatar, der dank seiner Datenspuren unendlich mehr über sich weiß (und von sich preisgeben kann) als seine Entsprechung aus Fleisch und Blut; ein Avatar, der sich wie ein Parasit von seiner Datenquelle – der Person – nährt, ohne dass die es überhaupt bemerkt.

Was bedeutet, dass es sich bei digitalen Maschinen nicht um Werkzeuge handelt, mit denen wir arbeiten, sondern um Werkzeuge, die mit uns arbeiten. Die Finanzmärkte zum Beispiel. Wenn heute von „Panik an der Börse“ die Rede ist, handelt es sich in der Regel um (abgeleitete) menschliche Reaktionen auf (primäre) maschinelle Prozesse. Ein vielleicht schon vor Wochen ins System eingespeister Algorithmus löst plötzliche Kursbewegungen mit realwirtschaftlichen Folgen aus – und die Maschine agiert dabei so selbstständig und anonym, dass alle menschliche Verantwortung sich fiktionalisiert, alle persönliche Haftung sich in Luft auflöst.

Konkrete Big-Data-Beispiele

Was sich als „Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter“ so harmlos anhört, ist in Wahrheit ein Epochenbruch. Big Data trägt den „Keim der Diktatur“ (Yvonne Hofstetter) in sich. Die Maschinen wissen alles. Wir Menschen wissen nichts.

Der freie Willen wird aus freien Stücken geopfert

Zu den Fußnoten des Maschinenzeitalters gehört, dass wir unseren freien Willen aus freien Stücken opfern und die heraufziehende Diktatur in denkbar bester Laune begrüßen. Der Befund ist trivial. Wir lieben die Empfehlungen von Streamingdiensten wie Netflix und Spotify und lassen uns gern von Amazon beraten, wir stellen unsere Urlaubsfotos bei Facebook ein, laden „Nutzer“ über Instagram zu einem Blick auf unser Abendessen ein und teilen unseren Followern twitternd mit, dass wir gerade „Tatort“ gucken. Nicht trivial sind die Verluste, die damit einhergehen.

Mit Daten gegen Stau und Krebs
Big Data gegen den Stau: Forscher arbeiten an Systemen, die Verkehrsdaten in Echtzeit auswerten. Ziel ist es, dank intelligenter Steuerung das tägliche Stop and Go auf den Autobahnen zu vermeiden. Die Informationen liefern Sensoren in den Autos und am Straßenrand. Ein Pilotprojekt läuft derzeit beispielsweise in der Rhein-Main-Region, allerdings nur mit rund 120 Autos. Langfristig ist sogar das vollautomatische Autofahren denkbar – der Computer übernimmt das Steuer. Quelle: dpa
Es waren nicht nur gute Wünsche, die US-Präsident Barack Obama zur Wiederwahl verholfen haben: Das Wahlkampf-Team des Demokraten wertete Informationen über die Wähler aus, um gerade Unentschlossene zu überzeugen. Dabei griffen die Helfer auch auf Soziale Netzwerke zurück. Quelle: dpa
Was sagen die Facebook-Freunde über die Bonität eines Nutzers aus? Das wollten die Auskunftei Schufa und das Hasso-Plattner-Institut in Potsdam im Sommer 2012 erforschen. Doch nach massiver Kritik beendeten sie ihr Projekt rasch wieder. Dabei wollten die beiden Organisationen lediglich auf öffentlich verfügbare Daten zugreifen. „Die Schufa darf nicht zum Big Brother des Wirtschaftslebens werden“, warnte etwa Verbraucherministerin Ilse Aigner ( CSU). Auch andere sind mit Big-Data-Projekten gescheitert. Quelle: dapd
Bewegungsdaten sind für die Werbewirtschaft Gold wert. Der Mobilfunk-Anbieter O2 wollte sie deswegen vermarkten und sich damit neue Einnahmequellen erschließen. Dafür gründete er Anfang Oktober die Tochtergesellschaft Telefónica Dynamic Insights. In Deutschland muss die Telefónica-Tochter allerdings auf dieses Geschäft verzichten: Der Handel mit über Handys gewonnenen Standortdaten sei grundsätzlich verboten, teilte die Bundesregierung mit. Quelle: AP
Welches Medikament wirkt am besten? Die Auswertung großer Datenmengen soll dabei helfen, für jeden Patienten eine individuelle Therapie zu entwickeln. So könnten die Mediziner eines Tages die Beschaffenheit von Tumoren genau analysieren und die Behandlung genau darauf zuschneiden. Quelle: dpa
Damit die Energiewende gelingt, müssen die Stromnetze intelligenter werden. Big-Data-Technologien können helfen, das stark schwankende Stromangebot von Windrädern und Solaranlagen zu managen. Quelle: dpa
Welche Geschenke interessieren welchen Kunden? Und welchen Preis würde er dafür zahlen? Der US-Einzelhändler Sears wertet große Datenmengen aus, um maßgeschneiderte Angebote samt individuell festgelegter Preise zu machen. Dabei fließen Informationen über registrierte Kunden ebenso ein wie die Preise von Konkurrenten und die Verfügbarkeit von Produkten. Die Berechnungen erledigt ein Big-Data-System auf der Grundlage von Hadoop-Technik, an dem der Konzern drei Jahre gearbeitet hat. Quelle: dapd

Zum Beispiel wenn wir Transparenz nicht mehr moralisch, sondern ästhetisch deuten; wenn also Durchsichtigkeit nicht mehr dem Erkenntnisgewinn dient, sondern der nackten Präsentation. Was wir beim Dauer-Pos(t)ing allerdings gern vergessen, ist die Tatsache, dass man im digitalen Kapitalismus nicht umsonst vom Staatsbürger zum Kunden schrumpft. Das kleine Autonomieplus, das uns Plattformen wie Uber oder Airbnb gegenüber dem regelsetzenden Staat gewähren, büßen wir doppelt und dreifach als Souveränitätsminus gegenüber Unternehmen ein, die allein den Interessen des Kapitals verpflichtet sind.

Dass das Regime des digitalen Kapitalismus bei alledem freundlich lächelt, wundert nicht. In den liberalen Demokratien des Westens ist die Ausübung von Macht längst nicht mehr (allein) an Methoden der Strafe und Disziplinierung gebunden. Stattdessen findet sie in „Technologien des Selbst“ (Michael Foucault), in verinnerlichtem Leistungsbewusstsein, gouvernementalem Verhalten und internalisiertem Konformismus ihren Ausdruck. Und neuerdings eben auch: in der freiwilligen Selbst-Steuerung fröhlicher Google-Konsumenten und Apple-Kunden, die sich über optimierte Suchalgorithmen und das nächste iPad freuen.

Buchtipps

Neueste Technologien rücken uns dabei buchstäblich auf den Leib

Kurzum, der digitale Kapitalismus braucht kein „Ministerium der Wahrheit“ (George Orwell), das kontrolliert und droht. Seine Transparenz ist die Wahrheit – eine statistische Matrix, durch die hindurch der Mensch als Code durchsichtig und als Kunde steuerbar ist.

Kein Wunder, dass neueste Technologien uns dabei buchstäblich auf den Leib rücken. Kurzfristig setzen Techno-Accessoires wie Wearables und Implantate nur den Trend zum selbstoptimierenden Ich fort. Langfristig sind sie ein entscheidender Evolutionsschritt auf unserem Weg zur Mensch-Maschine, die sich durch eine radikal andere Art der Welterschließung auszeichnen wird: Wenn Daten heute schon in Echtzeit auf eine Brille gespielt werden können, ist der Weg zum Gehirn-Streaming nicht mehr weit. Das aber heißt: Auf das Humanzeitalter schriftlicher Zurechtlegung von Wirklichkeit wird das Cyborgzeitalter der multi-zeichenhaften Vernetzung folgen.

Die Menschheit hat sich längst auf den Weg gemacht, die „Gutenberg-Galaxis“ zu verlassen. Jenseits von ihr, in einem anderen Medienuniversum, verwandeln wir uns die Welt nicht mehr (nur) rezeptiv und sukzessiv in Texten und Theorien an, sondern (vor allem) interaktiv und simultan, in Bildern, Zahlen, Grafiken, Modellen.

Digitale Welt



Informationsschnittstelle

Der Mensch wird dadurch zu einer Art Informationsschnittstelle, die laufend Daten konsumiert und liefert – mit der dramatischen Folge, dass er in der schieren Faktizität der Gegenwart aufzugehen droht, als „Simultant“ in die Gefangenschaft des Hier und Jetzt gerät. Der New Yorker Medientheoretiker Douglas Rushkoff hat diese Entwicklung zuletzt auf den schönen Begriff (und Buchtitel) „Present Shock“ gebracht: Vergangenheit und Zukunft spielen ganz einfach deshalb keine Rolle mehr, weil wir sie vor lauter Gegenwart nicht mehr bemerken. Die Mensch-Maschine wird sich perfekt in der Welt zurechtfinden.

Nur verstehen wird sie sie nicht mehr. Sie wird sich die Welt anhand von Datensätzen wundervoll erschließen. Aber nichts mehr von ihr zu erzählen wissen. Sie wird sich die Geschichte von Momos jederzeit herunterladen können. Aber nicht auf die Idee kommen, es auch zu tun.

Inhalt
  • Das Ende des Ich
  • Daten-Ich für Amazon, Facebook, Google, Krankenhäuser, Kreditinstitute, Versicherungen
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