WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Serie Wirtschaftswelten 2025 Die digitale Leichtigkeit des Seins

Mensch und Computer wachsen zusammen, intelligente Maschinen übernehmen Arbeit und Alltag. Aber was bleibt von uns, wenn Maschinen klüger sind als wir?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Ein Mitarbeiter vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz justiert einen Roboterarm Quelle: dpa

Es muss etwas unglaublich Leichtes sein, das uns Menschen so besonders macht – unwiegbar und unwägbar. Etwas, das jenseits unseres Körpergewichts liegt und Beweis für den menschlichen Mehrwert ist, auch in Zeiten von Digitalisierung und virtuellen Welten.

Im Jahre 1901 hat der amerikanische Arzt Duncan MacDougall mit diesem Jenseitigen experimentiert. Dazu stellte er das Bett von sechs schwer erkrankten Patienten auf vier Waagen und maß, wie sich das Gewicht im Augenblick des Todes veränderte.

Einer der Patienten war nach seinem Tod leichter als vorher – um 21 Gramm. Seitdem hält sich die Mär, die menschliche Seele wiege 21 Gramm – ein leichtgewichtiges Schwergewicht.

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

So makaber diese Anekdote aus heutiger Sicht scheint, sie ist ein Anhaltspunkt dafür, dass wir die Rolle des Menschen und seine Existenzformen im digitalen Zeitalter neu ausloten müssen.

Da ist einmal der Gedanke, der menschliche Geist oder seine Seele könne sich als „Unique Selling Proposition“, als menschlicher Mehrwert ins Digitale hinüberretten, ja, in der Welt des Internet gar neue Siegeszüge antreten. Die Idee, das Internet verbinde den Verstand aller Menschen zu einem Netz, das sich wie ein weiter Mantel um den Globus legt, geht schon auf das vorige Jahrhundert, auf den französischen Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin und seine „Noosphäre“ zurück.

Globales neuronales Netzwerk

Inzwischen stehen die Zeichen für ein globales neuronales Netzwerk seit einiger Zeit auf Grün. Über Gehirnimplantate gelingt es, querschnittsgelähmten Menschen einen Teil ihrer körperlichen Selbstbestimmung zurückzugeben. Sie steuern mit ihren Gedanken einen Roboterarm, der zur Trinkflasche oder zum Sandwich greifen kann. Schon über wenige Hirnelektroden lässt sich ein Text auf den Bildschirm denken.

Ein Team von Wissenschaftlern aus den USA, Brasilien und China hat sogar zwei Ratten über ins Rattenhirn implantierte Mikroelektroden verbunden und die neuronalen Informationen via Internet übertragen. Die Lernerfolge der einen Ratte, ihr Aktivitätsmuster auf der Suche nach Trinkbelohnung, konnten ins Gehirn der anderen Ratte übertragen werden.

Wissenschaftler an der Universität Washington haben bewiesen, dass Computerspieler miteinander alleine über Hirnströme kommunizieren können. Wenn der eine Spieler „feuern!“ denkt, drückt der andere Spieler die entsprechende Taste. Es scheint also nicht mehr ausgeschlossen, dass wir irgendwann in Zukunft Informationen im Gehirn anderer Menschen googeln können.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

Vielleicht geht es also um mehr als die 21 Gramm, das Gewicht unserer Seele, das längst als pseudowissenschaftliche Mär entlarvt ist. Vielleicht geht es um den Menschen als kategorisches Wesen, der doch nicht die Ausnahmeerscheinung ist, für die er sich gerne hält.

Vielleicht ist der Mensch nur das Ensemble neuronaler und physiologischer Prozesse, die der Entscheidungsanalyse und Verhaltensprognose viel leichter zugänglich sind, als wir bislang angenommen haben. Digitalisierung und Vernetzung werden aus dem menschlichen Geist dann keine „Noosphäre“ schaffen, sondern ein Big-Data-Archiv, aus dem sich Konsumforscher, Innovationsökonomen und Softwaredesigner nach Belieben bedienen.

„Software frisst die Welt“, hat Marc Andreessen, der einstige Mitbegründer von Netscape und Venture Capitalist 2011, in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“ geschrieben. Damit hatte er recht.

Kreative Zerstörung

Inzwischen sind immer mehr Industrien zu Teilen der Software- oder E-Commerce-Branche geworden: Amazon hat die Buch- und Verlagsbranche digitalisiert, Netflix TV und Video, Skype die Telefonie, LinkedIn die Personalrekrutierung, die Deutsche Börse ist ein IT-Unternehmen.

Einzelhandelskonzerne steuern ihre Logistik und ihren Vertrieb über Software ebenso wie die Energiebranche, und spätestens mit dem Einzug der Drohnen lebt auch das Verteidigungswesen von Netzwerk- und Digitalkompetenz.

Viele dieser Entwicklungen sind Beispiele für kreative Zerstörung oder „disruptive innovation“, wie sie der US-amerikanische Ökonom Clayton Christensen bezeichnet.

Die verlockende Vorstellung des Fremdbestimmtseins

Und der Mensch? Soll er als Ensemble biologischer und neuronaler Prozesse die Ausnahme von dieser Regel bleiben? Oder werden die intelligenten Maschinen auch ihn austricksen – ganz im Sinne von Christensens These: Intelligente Maschinen werden immer besser, dadurch breiter einsatzfähig, dadurch billiger. Was die intelligenten Maschinen heute können, reicht aus, um den Menschen in immer mehr Tätigkeitsfeldern zu ersetzen.

„Daten essen Seele auf“, so müssten wir den Satz von Marc Andreessen heute abwandeln. Die 21 Gramm, angenommenes Gewicht der menschlichen Einzigartigkeit, wären nicht nur leichtgewichtig. Sie wären bedeutungslos.

Für die Datenanalysten der IT-Konzerne ist das eine reizvolle Vorstellung, für den Menschen wäre es ein Horror. Denn dann wäre verloren, was uns von Maschinen unterscheidet und das Leben lebenswert macht. Die Freiheit des Willens und Entscheidens.

Wo Maschinen menschliche Arbeitskraft ersetzen
1. BankkassiererWann haben Sie eigentlich das letzte Mal Geld am Schalter bei einem Bankkassierer abgehoben? Richtig, das ist lange her. Mittlerweile können Überweisungen, Auszahlungen und die Abfrage des Kontostands bequem am Automaten erledigt werden. Lediglich bei komplizierten Überweisungen oder spezielle Fragen zieht es die Kunden noch zu den Bankkassierern an den Schalter. Laut Mark Gilder von der Citibank können „mindestens  85 Prozent der Transaktionen, die am Schalter gemacht werden können, auch durch den Automaten übernommen werden.“ Und das ist noch nicht das Ende: Citibank experimentiert derzeit mit videobasierten Schaltern in Asien. Quelle: AP
2. KassiererWer in einem großen Supermarkt einkaufen geht, kann sie kaum übersehen: Die Selbstzahl-Schalter. Anstatt sich an der Kasse anzustellen, greifen viele Kunden schon jetzt auf die Möglichkeit der Zahlung am Automaten zurück. Selbst die Produkte aus dem Einkaufswagen einscannen und am Automaten bar oder mit der EC-Karte bezahlen. Rund 430.000 solcher Automaten sind weltweit bereits in Betrieb – mehr als das Vierfache als noch im Jahr 2008. Auch wenn Supermärkte wie Big Y und Albertson’s (USA) und auch Ikea nach Kundenbeschwerden ihre Selbstzahl-Automaten wieder zurückzogen geht der Trend doch eindeutig in Richtung elektronischer Bezahlung. Quelle: dpa
3. RezeptionistLange waren Rezeptionisten das "Gesicht" der Hotels und erste Anlaufstelle für die Gäste. Bald könnten auch sie durch virtuelle Arbeitskräfte ersetzt werden. In Japan wurde sogar schon mit Robotern experimentiert. Ob das den Kunden gefällt, ist jedoch eine andere Frage. Mit einem Automaten zu telefonieren, geht den meisten auf die Nerven, bei einem Roboter einzuchecken, macht ihnen Angst. Viele bevorzugen nach wie vor das persönliche Gespräch. Deswegen gute Nachricht für Rezeptionisten: Die Anzahl an Arbeitsplätzen in der Branche steigt derzeit um etwa 14 Prozent. Quelle: AP
4. TelefonistMenschen, die in einer lange Reihe vor Telefonen sitzen und Kundenanfragen bearbeiten, dieses Bild könnte bald schon der Vergangenheit angehören. Anrufbeantworter und computergenerierte Antwortprogramme ersetzen in diesem Bereich zunehmend die menschliche Arbeitskraft. Insbesondere Telefonumfragen, Tickethotlines und Informationsdienste von Firmen greifen bereits auf computergesteuerte Telefonannahmen zurück. Per Tastenkombination kann der Anrufer sich dann durch ein Menü klicken und auswählen, welche Informationen er abrufen möchte. Quelle: AP
5. PostboteDie E-Mail-Branche stellt Postunternehmen zunehmend vor finanzielle Probleme. Handgeschriebene Briefe werden immer seltener, wer sich etwas zu sagen hat, sei es privat oder im Job, der tut das meist per E-Mail. Immer weniger Briefe werden daher ausgetragen. Das Bureau of Labor Statistics sagt Postboten bis 2022 einen Arbeitsplatzrückgang von 28 Prozent voraus. Quelle: dpa
6. Reisebürokaufmann/-frauEs gab Zeiten, da existierte weder Expedia noch Orbitz. Um einen Flug zu buchen, musste man ins Reisebüro und sich von Reisekaufleuten beraten lassen. Heutzutage wird das für viele überflüssig. Anstelle von Katalogen und persönlicher Beratung vergleich sie im Internet die Preise und buchen ihren Urlaub direkt online. Das spart den Gang zum Reisebüro und kann bequem von zu Hause erledigt werden. Das  Bureau of Labor Statistics sagt der Branche daher einen Rückgang von gut zwölf Prozent bis 2022 voraus. Quelle: AP
8. MaschinenschreiberKönnen Sie sich vorstellen, wie der Geschäftsführer seine Sekretärin bittet auf der Schreibmaschine „einen Brief auf zusetzen?“ Das ist heute längst aus der Mode geraten. In Zeiten bloggender, twitternder Chefs und stimmenaufzeichnender Software, sind Maschinenschreiber längst überflüssig. In den nächsten acht Jahren wird die Anzahl der Arbeitskräfte in diesem Bereich laut Bureau of Labor Statistics noch um weitere sechs Prozent zurückgehen.   Quelle: dpa

Freiheit ist allemal eine Illusion, sagt ein Zweig der modernen Hirnforschung. Bevor wir uns eine Meinung und einen Willen zur Entscheidung gebildet haben, hat unser Gehirn längst für uns entschieden. Alles nur ein Ergebnis neuronaler Prozesse.

Denkt man dieses Argument weiter, ist es letztlich egal, was Digitalisierung und Vernetzung mit uns machen. Die digitale Welt und ihre Möglichkeiten der Datenanalyse sind nur die Fortsetzung unserer neuronalen Vorbestimmtheit mit anderen, moderneren Mitteln.

Freiheit? Eine Zumutung

Es liegt in der Natur des Menschen, dass die Vorstellung des Fremdbestimmtseins für ihn etwas Reizvolles hat. Wenn alles von vornherein feststeht, trägt der Mensch keine Verantwortung mehr für sein Handeln.

Freiheit ist immer eine Zumutung. Sie muss gestaltet und ertragen werden – mit allen Vorzügen, aber auch mit der Verantwortung, die mit ihr einhergeht. Es ist viel bequemer, auf Freiheit zu verzichten, als sie anzunehmen und zu gestalten.

Das Internet fördert Bequemlichkeit. Es verleitet alltäglich dazu, Entscheidungen zu treffen, die sich gegen die individuelle Freiheit richten. Zum einen deshalb, weil es uns das Leben schlicht an vielen Stellen ungemein erleichtert. Das ist großartig und bietet zum Beispiel die Möglichkeit, ohne viel Geld und Infrastruktur ein Unternehmen zu gründen und eine neue Geschäftsidee auf den Weg zu bringen. Aber es macht auch faul und unvorsichtig.

Eine aktuelle Studie zeigt: Drei Viertel der Deutschen wissen, dass sie bei der Nutzung von kostenlosen Internet-Angeboten mit ihren Daten zahlen und dass die Unternehmen die Daten auch nutzen, um damit Geschäfte zu machen. Auch geben mehr als 80 Prozent der Befragten an, sich in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt zu sehen, weil die Zustimmung zu langen, oft unlesbaren AGBs Zwangsvoraussetzung für die Nutzung eines Online-Angebots ist. Folgen für das Verhalten hat das in der Regel nicht.

Mensch als Faultier

Wird der Mensch zum Faultier im Netz der bequemen Informationsversorgung über das Internet? Ja und nein. Denn Bequemlichkeit ist nur ein Aspekt. Hinzu kommt, dass für viele Nutzer nicht mehr erkennbar ist, was hinter dem Bildschirm von Smartphone, Tablet oder Laptop geschieht.

Noch nutzen wir diese Geräte, die uns den Weg ins Internet, in die Cloud eröffnen. Mit der Berührung des Bildschirms, einer Wischbewegung oder – fast schon altmodisch – einem Tastendruck öffnen wir die virtuelle Tür in die Datenwelt und übertreten eine Schwelle. Mit den Worten der IT-Industrie: das Interface oder die Schnittstelle.

In dem Augenblick, in dem diese Schnittstelle in unsere Körper und Köpfe wandert, wird sie für uns selbst unsichtbar. Wir denken uns dann ins Internet hinein. Das mag am Anfang noch ein bewusster Akt sein. Je öfter es geschieht, desto mehr wird es zur Gewohnheit.

On oder off sein, eingeloggt oder ausgeloggt, dieser Unterschied wird vom technischen Fortschritt überholt. Der Mensch, der sich über ein Hirnimplantat Zugang zum Internet verschafft, kann sich bei diesem Schritt nicht mehr beobachten. Er geschieht einfach. Die „Noosphäre“ Pierre Teilhard de Chardins lässt doch grüßen.

Versteckte Freiheitsbeschränkungen

Der Soziologe Niklas Luhmann hat bereits vor den Höhenflügen der Digitalisierung darauf hingewiesen, dass wir Freiheit auch „als Unerkennbarkeit der Ursache von Freiheitsbeschränkungen“ verstehen können. Mit anderen Worten: Wo wir nicht sehen, dass unsere Freiheit beschränkt wird, da tut die Beschränkung auch niemandem weh.

Bequemlichkeit und Unsichtbarkeit der Freiheitsbeschränkung sind Zwillinge im Geiste. Sie nähmen uns gerne mit in eine Welt, in der die Entmündigung zum Normalzustand wird.

Einige Beispiele: Im US-Bundesstaat Nevada ist das selbstfahrende Auto von Google im Straßenverkehr bereits getestet worden. Seitdem wird darüber diskutiert, wie sich die Produkthaftung für diese Autos fassen und wie sich regulieren lässt, was bequem ist, aber gleichzeitig freiheitsberaubend sein kann.

Sie fahren zu später Stunde zu einem Rendezvous. Kein Mensch ist auf der Straße, es stört niemanden, wenn Sie das Auto im Halteverbot abstellen, um pünktlich zur Verabredung zu kommen.

Heute muss man in dieser Situation abwägen: pünktlich sein und einen Strafzettel bekommen oder regelkonform parken und zu spät kommen. Das selbstfahrende Auto kann diese Abwägung überflüssig machen. Es lässt ein Halten in der Verbotszone schlicht nicht zu.

Als erste Versicherung in Europa bietet Generali einen Krankenversicherungstarif auf Basis von Fitnessdaten des Kunden an. Das klingt zunächst gut: Man wolle die Versicherten „aktiv schützen und ihre Lebensqualität steigern“, ließ das Unternehmen wissen.

Bei genauerem Hinsehen heißt das: Ab sofort definiert ein Versicherungskonzern, was gesundes Leben heißt, wie fit wir sein müssen, um möglichst wenig zu zahlen. Wenn das Beispiel Schule macht, wird es bald kaum mehr Tarife geben, die sich nicht am Modell der metrischen Beitragsbemessung auf Grundlage sportlichen und medizinischen Wohlverhaltens orientieren.

Neue Kaste der Ausgestoßenen

Anders gesagt: Wer so frei ist, sich nicht nur die Weihnachtsgans und einen guten Rotwein zu genehmigen, sondern womöglich gar noch zu rauchen oder sich dem allgemeinen Fitnessgebot zu entziehen, der zahlt künftig für jedes Risiko extra. Mittelfristig wird sich auf diesem Wege eine neue Kaste der Ausgestoßenen herausbilden: Wenn du nicht genug für dich tust, bist du gegen die Gesellschaft.

Wie Roboter den Alltag erleichtern
Krankenpfleger Ein Roboter CARE-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung entwickelt wurde, versorgt eine Bewohnerin eines Pflegeheims mit einem Getränk (undatiert). Auch dieser Roboter unterstützt ältere Menschen im häuslichen Umfeld und das Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen. Quelle: dpa
Der KochBremer Forscher präsentierten 2013 den Roboter „PR2“, der Popcorn machen und Pfannkuchen wenden kann. Das nötige Vorwissen habe sich dieser unter anderem aus dem Internet geholt, sagte Professor Michael Beetz von der Universität Bremen. Sein Team arbeitet zusammen mit sieben europäischen Partnern in einem auf vier Jahre angelegten Projekt an lernfähigen Robotern. Ziel sei es, diese neue Form der Programmierung zunächst bei Robotern anzuwenden, die alte und pflegebedürftige Menschen bei einfachen Aufgaben unterstützen. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren einsatzbereit sein. Quelle: dpa
Der BarkeeperDer Roboter "James" des Münchener Fortiss-Institutes für Hightech-Forschung in München (Bayern) ist als Barkeeper programmiert und soll bei einer Interaktion mit Menschen seine Aufgaben nicht nur richtig erledigen, sondern dabei auch auf die sozialen Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen. Wer sich bei James bedankt bekommt die Antwort: "Always a pleasure". Quelle: dpa
KuschelrobbeDer weiße Sozialroboter namens Paro soll Demenzkranken Zuwendung schenken. Das mit Sensoren vollgestopfte Kuscheltier reagiert auf Berührung, Licht und Bewegung. Es soll für Demenzkranke Zuwendung simulieren - und ist deswegen vor allem nach einer Messepräsentation 2011 heftig umstritten gewesen. Tritt an die Stelle des Zivildienstleistenden oder der Pflegekraft nun der Sozialroboter? 5000 Euro kostet die schnurrende Pelzattrappe. Quelle: dpa
Putzhilfe mit gutem OrientierungssinnInzwischen schon fast ein Klassiker unter den Haushaltsrobotern ist der autonome Staubsauger. Dieses Modell, ein Samsung Navibot SR 8855, sticht vor allem durch seine Navigationsfähigkeiten heraus. Aus Aufnahmen von einer eingebauten Kamera setzt er ein digitales Abbild des Raums zusammen, den er reinigen soll. Das verhindert laut Hersteller sinnloses Kreuz- und Querfahren wie bei anderen Saugrobotern. Hindernissen weicht der Navibot aus, die eingebauten Sensoren erkennen auch Treppenabsätze. Im Handel gibt es den Navibot ab etwa 320 Euro. Quelle: Presse
Freundlicher KrankenpflegerDieses freundlich dreinschauende Gesicht gehört einem Roboter aus dem Hause Panasonic. Das Modell Hospi-Rimo soll als Kommunikationsplattform für bettlägerige Patienten dienen, die mit dem Roboter von zu Hause aus mit Arzt, Freunden oder Verwandten per Videokonferenz kommunizieren wollen. Der Roboter kann dabei laut Hersteller mit fragilen Ampullen und Medikamenten so vorsichtig umgehen wie eine Krankenschwester. Quelle: Presse
HaarpflegerDieser von Panasonic hergestellte Haarwaschroboter widmet sich der Pflege des Haupthaars von bettlägerigen Patienten. Vollautomatisch kann das Gerät eine komplette Haarwäsche durchführen und dabei eine Spülung einmassieren sowie die Haare nach dem Waschen wieder trocknen. Dabei kommen insgesamt 24 robotische Finger zum Einsatz. Quelle: Presse

Manche Geschäftsmodelle der digitalen Netzwelt machen dem Einzelnen und der Organisation das Leben nicht nur leichter. Sie machen es auch vorhersehbar und kontrollierbar. Und sie berauben den Menschen Schritt für Schritt seiner Freiheit.

Längst arbeiten Start-ups daran, Fehlverhalten oder Straftaten auf Basis von algorithmischer Datenanalyse vorherzusagen und im Vorfeld zu verhindern. Der Einsatzbereich von Big Data in der Polizeiarbeit, in den USA seit einiger Zeit unter dem Begriff „Predictive Policing“ bekannt, war bislang höchstens Stoff für Science-Fiction-Filme. In dem Thriller „Minority Report“ (2002) gerät Tom Cruise in das Räderwerk einer Kriminalitätspräventionsabteilung („Precrime“), deren Mitarbeiter mithilfe von Medikamenten telepathisch Morde vorhersehen können.

Algorithmen analysieren Verhaltensmuster

„Precrime“-ähnliche Start-ups sitzen heute am Stadtrand von Oberhausen. Sie arbeiten nicht mit medikamentöser Hellseherei, sondern mit ausgefeilter Software, die mithilfe von Algorithmen menschliche Verhaltensmuster analysiert. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf gefährdete Gegenden, Tatzeiten für Einbrüche oder sogar auf die potenziellen Täter ziehen.

Auch hier gilt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Sein Leben verläuft in vieler Hinsicht nach regelhaften, sich wiederholenden Mustern. Die lassen sich auswerten. Im Ergebnis findet Software nicht nur heraus, was wir getan haben, sondern wann wir es künftig wieder tun könnten.

Aber: Diese Vorhersagen bleiben immer nur ungesicherte Annahmen. Um ihre Richtigkeit zu beweisen, müsste erst geschehen, was die vorausschauende Datenanalyse zu verhindern sucht.

Das Internet als dezentrale Plattform

Der Film „Minority Report“ endet mit der Erkenntnis, dass sich die Zukunft nicht sicher vorhersagen lässt, weil alles, was in der Gegenwart geschieht, ihren Verlauf beeinflusst. Von falschen Prognosesicherheiten auszugehen („false positives“) kann für unschuldige Menschen lebensgefährlich sein.

Das war 2002. Die Prinzipien der antizipierenden Datenanalyse durch Algorithmen weisen aber genau in diese Richtung: Die Wahrheit ist dann immer nur eine Frage der Korrelation. Das ist 2015. Was also ist das für eine Gesellschaft, die da am Horizont unserer Entwicklung in den kommenden Jahren aufscheint?

Hoher Wohlstand, wenig Kontrolle

Ein aktueller Bericht des Gottlieb Duttweiler Instituts in Zürich über „Die Zukunft der vernetzten Gesellschaft“ beschreibt sie in einem Szenario als „Holistic Service Community“, als ganzheitliche Servicegemeinschaft.

„Die Menschen vertrauen alle ihre Daten einer großen Institution an, die dann als ‚Big Mother‘ über sie wacht und für sie sorgt. Das Leben ist total transparent und sicher – solange man nicht versucht, das System zu verlassen.“

Eine solche Gesellschaft verbindet hohen Wohlstand mit sehr niedriger Kontrolle über die eigenen Daten. In ihr lässt sich komfortabel leben. Die Freiheit geben wir wie einen lästigen Mantel an der Eingangstür ab.

Das Problem ist: Da hängt er nun, scheinbar immer in Sichtweite. Und irgendwann vergessen wir ihn. Weil es so gemütlich und das Leben in der Servicegemeinschaft unter Gleichgesinnten so wärmend ist, vergessen wir, dass es Momente gibt, in denen man den Mantel braucht. In denen man sich in den Wind oder gegen den Wind stellen muss, der einem kalt entgegenbläst.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Es sind immer nur kleine Schritte, die den Menschen im Prozess der Digitalisierung auf den Prüfstand stellen. Die großen Veränderungen werden erst viel später sichtbar. Es wäre an der Zeit, dass der Mensch sich aufmacht, einen großen unternehmerischen Schritt zu tun, um das Internet als offene, dezentrale und freiheitliche Plattform zu gestalten.

Ganz im Sinne eines anderen Szenarios des Gottlieb Duttweiler Instituts. Dessen Experten halten ein dynamisches Freiheitsmodell („Dynamic Freedom“) noch immer für möglich:

„Das Internet wird neu erfunden, radikal dezentral ohne Server, offen, demokratisch, flexibel. Kreativität und Unternehmergeist blühen, Menschen und Maschinen kooperieren, die Technik reguliert sich selbst (ausgehend von hohem Wohlstand und hoher Selbstkontrolle der Daten).“

Bedrohte Freiheit

Etwas Ähnliches hatte Tim Berners-Lee im Sinn, als er 1989 das World Wide Web erfand. Inzwischen verteidigt er die Idee des freiheitlichen Netzes gegen die Bedrohung durch staatliche oder kommerzielle Kontrolle, wo immer sich eine Gelegenheit dazu ergibt.

Es wäre naiv, diese Ordnung der Freiheit in der digitalen Vernetzung den Maschinen zu überlassen. Dazu braucht es den Menschen. Vielleicht die 21 Gramm, die seine Seele ausmachen könnten. Ganz sicher aber die 1400 Gramm, die ein menschliches Gehirn durchschnittlich wiegt.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%