Serie Wirtschaftswelten 2025 Die digitale Leichtigkeit des Seins

Mensch und Computer wachsen zusammen, intelligente Maschinen übernehmen Arbeit und Alltag. Aber was bleibt von uns, wenn Maschinen klüger sind als wir?

Ein Mitarbeiter vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz justiert einen Roboterarm Quelle: dpa

Es muss etwas unglaublich Leichtes sein, das uns Menschen so besonders macht – unwiegbar und unwägbar. Etwas, das jenseits unseres Körpergewichts liegt und Beweis für den menschlichen Mehrwert ist, auch in Zeiten von Digitalisierung und virtuellen Welten.

Im Jahre 1901 hat der amerikanische Arzt Duncan MacDougall mit diesem Jenseitigen experimentiert. Dazu stellte er das Bett von sechs schwer erkrankten Patienten auf vier Waagen und maß, wie sich das Gewicht im Augenblick des Todes veränderte.

Einer der Patienten war nach seinem Tod leichter als vorher – um 21 Gramm. Seitdem hält sich die Mär, die menschliche Seele wiege 21 Gramm – ein leichtgewichtiges Schwergewicht.

Serie "Wirtschaftswelten 2025"

So makaber diese Anekdote aus heutiger Sicht scheint, sie ist ein Anhaltspunkt dafür, dass wir die Rolle des Menschen und seine Existenzformen im digitalen Zeitalter neu ausloten müssen.

Da ist einmal der Gedanke, der menschliche Geist oder seine Seele könne sich als „Unique Selling Proposition“, als menschlicher Mehrwert ins Digitale hinüberretten, ja, in der Welt des Internet gar neue Siegeszüge antreten. Die Idee, das Internet verbinde den Verstand aller Menschen zu einem Netz, das sich wie ein weiter Mantel um den Globus legt, geht schon auf das vorige Jahrhundert, auf den französischen Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin und seine „Noosphäre“ zurück.

Globales neuronales Netzwerk

Inzwischen stehen die Zeichen für ein globales neuronales Netzwerk seit einiger Zeit auf Grün. Über Gehirnimplantate gelingt es, querschnittsgelähmten Menschen einen Teil ihrer körperlichen Selbstbestimmung zurückzugeben. Sie steuern mit ihren Gedanken einen Roboterarm, der zur Trinkflasche oder zum Sandwich greifen kann. Schon über wenige Hirnelektroden lässt sich ein Text auf den Bildschirm denken.

Ein Team von Wissenschaftlern aus den USA, Brasilien und China hat sogar zwei Ratten über ins Rattenhirn implantierte Mikroelektroden verbunden und die neuronalen Informationen via Internet übertragen. Die Lernerfolge der einen Ratte, ihr Aktivitätsmuster auf der Suche nach Trinkbelohnung, konnten ins Gehirn der anderen Ratte übertragen werden.

Wissenschaftler an der Universität Washington haben bewiesen, dass Computerspieler miteinander alleine über Hirnströme kommunizieren können. Wenn der eine Spieler „feuern!“ denkt, drückt der andere Spieler die entsprechende Taste. Es scheint also nicht mehr ausgeschlossen, dass wir irgendwann in Zukunft Informationen im Gehirn anderer Menschen googeln können.

Die Entwicklungsstufen Künstlicher Intelligenz

Vielleicht geht es also um mehr als die 21 Gramm, das Gewicht unserer Seele, das längst als pseudowissenschaftliche Mär entlarvt ist. Vielleicht geht es um den Menschen als kategorisches Wesen, der doch nicht die Ausnahmeerscheinung ist, für die er sich gerne hält.

Vielleicht ist der Mensch nur das Ensemble neuronaler und physiologischer Prozesse, die der Entscheidungsanalyse und Verhaltensprognose viel leichter zugänglich sind, als wir bislang angenommen haben. Digitalisierung und Vernetzung werden aus dem menschlichen Geist dann keine „Noosphäre“ schaffen, sondern ein Big-Data-Archiv, aus dem sich Konsumforscher, Innovationsökonomen und Softwaredesigner nach Belieben bedienen.

„Software frisst die Welt“, hat Marc Andreessen, der einstige Mitbegründer von Netscape und Venture Capitalist 2011, in einem Beitrag für das „Wall Street Journal“ geschrieben. Damit hatte er recht.

Kreative Zerstörung

Inzwischen sind immer mehr Industrien zu Teilen der Software- oder E-Commerce-Branche geworden: Amazon hat die Buch- und Verlagsbranche digitalisiert, Netflix TV und Video, Skype die Telefonie, LinkedIn die Personalrekrutierung, die Deutsche Börse ist ein IT-Unternehmen.

Einzelhandelskonzerne steuern ihre Logistik und ihren Vertrieb über Software ebenso wie die Energiebranche, und spätestens mit dem Einzug der Drohnen lebt auch das Verteidigungswesen von Netzwerk- und Digitalkompetenz.

Viele dieser Entwicklungen sind Beispiele für kreative Zerstörung oder „disruptive innovation“, wie sie der US-amerikanische Ökonom Clayton Christensen bezeichnet.

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