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Serie Wirtschaftswelten 2025 Die digitale Leichtigkeit des Seins

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Versteckte Freiheitsbeschränkungen

Der Soziologe Niklas Luhmann hat bereits vor den Höhenflügen der Digitalisierung darauf hingewiesen, dass wir Freiheit auch „als Unerkennbarkeit der Ursache von Freiheitsbeschränkungen“ verstehen können. Mit anderen Worten: Wo wir nicht sehen, dass unsere Freiheit beschränkt wird, da tut die Beschränkung auch niemandem weh.

Bequemlichkeit und Unsichtbarkeit der Freiheitsbeschränkung sind Zwillinge im Geiste. Sie nähmen uns gerne mit in eine Welt, in der die Entmündigung zum Normalzustand wird.

Einige Beispiele: Im US-Bundesstaat Nevada ist das selbstfahrende Auto von Google im Straßenverkehr bereits getestet worden. Seitdem wird darüber diskutiert, wie sich die Produkthaftung für diese Autos fassen und wie sich regulieren lässt, was bequem ist, aber gleichzeitig freiheitsberaubend sein kann.

Sie fahren zu später Stunde zu einem Rendezvous. Kein Mensch ist auf der Straße, es stört niemanden, wenn Sie das Auto im Halteverbot abstellen, um pünktlich zur Verabredung zu kommen.

Heute muss man in dieser Situation abwägen: pünktlich sein und einen Strafzettel bekommen oder regelkonform parken und zu spät kommen. Das selbstfahrende Auto kann diese Abwägung überflüssig machen. Es lässt ein Halten in der Verbotszone schlicht nicht zu.

Als erste Versicherung in Europa bietet Generali einen Krankenversicherungstarif auf Basis von Fitnessdaten des Kunden an. Das klingt zunächst gut: Man wolle die Versicherten „aktiv schützen und ihre Lebensqualität steigern“, ließ das Unternehmen wissen.

Bei genauerem Hinsehen heißt das: Ab sofort definiert ein Versicherungskonzern, was gesundes Leben heißt, wie fit wir sein müssen, um möglichst wenig zu zahlen. Wenn das Beispiel Schule macht, wird es bald kaum mehr Tarife geben, die sich nicht am Modell der metrischen Beitragsbemessung auf Grundlage sportlichen und medizinischen Wohlverhaltens orientieren.

Neue Kaste der Ausgestoßenen

Anders gesagt: Wer so frei ist, sich nicht nur die Weihnachtsgans und einen guten Rotwein zu genehmigen, sondern womöglich gar noch zu rauchen oder sich dem allgemeinen Fitnessgebot zu entziehen, der zahlt künftig für jedes Risiko extra. Mittelfristig wird sich auf diesem Wege eine neue Kaste der Ausgestoßenen herausbilden: Wenn du nicht genug für dich tust, bist du gegen die Gesellschaft.

Wie Roboter den Alltag erleichtern
Krankenpfleger Ein Roboter CARE-O-bot, der vom Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung entwickelt wurde, versorgt eine Bewohnerin eines Pflegeheims mit einem Getränk (undatiert). Auch dieser Roboter unterstützt ältere Menschen im häuslichen Umfeld und das Pflegepersonal in Pflegeeinrichtungen. Quelle: dpa
Der KochBremer Forscher präsentierten 2013 den Roboter „PR2“, der Popcorn machen und Pfannkuchen wenden kann. Das nötige Vorwissen habe sich dieser unter anderem aus dem Internet geholt, sagte Professor Michael Beetz von der Universität Bremen. Sein Team arbeitet zusammen mit sieben europäischen Partnern in einem auf vier Jahre angelegten Projekt an lernfähigen Robotern. Ziel sei es, diese neue Form der Programmierung zunächst bei Robotern anzuwenden, die alte und pflegebedürftige Menschen bei einfachen Aufgaben unterstützen. Diese könnten in den nächsten zehn Jahren einsatzbereit sein. Quelle: dpa
Der BarkeeperDer Roboter "James" des Münchener Fortiss-Institutes für Hightech-Forschung in München (Bayern) ist als Barkeeper programmiert und soll bei einer Interaktion mit Menschen seine Aufgaben nicht nur richtig erledigen, sondern dabei auch auf die sozialen Bedürfnisse seines Gegenübers eingehen. Wer sich bei James bedankt bekommt die Antwort: "Always a pleasure". Quelle: dpa
KuschelrobbeDer weiße Sozialroboter namens Paro soll Demenzkranken Zuwendung schenken. Das mit Sensoren vollgestopfte Kuscheltier reagiert auf Berührung, Licht und Bewegung. Es soll für Demenzkranke Zuwendung simulieren - und ist deswegen vor allem nach einer Messepräsentation 2011 heftig umstritten gewesen. Tritt an die Stelle des Zivildienstleistenden oder der Pflegekraft nun der Sozialroboter? 5000 Euro kostet die schnurrende Pelzattrappe. Quelle: dpa
Putzhilfe mit gutem OrientierungssinnInzwischen schon fast ein Klassiker unter den Haushaltsrobotern ist der autonome Staubsauger. Dieses Modell, ein Samsung Navibot SR 8855, sticht vor allem durch seine Navigationsfähigkeiten heraus. Aus Aufnahmen von einer eingebauten Kamera setzt er ein digitales Abbild des Raums zusammen, den er reinigen soll. Das verhindert laut Hersteller sinnloses Kreuz- und Querfahren wie bei anderen Saugrobotern. Hindernissen weicht der Navibot aus, die eingebauten Sensoren erkennen auch Treppenabsätze. Im Handel gibt es den Navibot ab etwa 320 Euro. Quelle: Presse
Freundlicher KrankenpflegerDieses freundlich dreinschauende Gesicht gehört einem Roboter aus dem Hause Panasonic. Das Modell Hospi-Rimo soll als Kommunikationsplattform für bettlägerige Patienten dienen, die mit dem Roboter von zu Hause aus mit Arzt, Freunden oder Verwandten per Videokonferenz kommunizieren wollen. Der Roboter kann dabei laut Hersteller mit fragilen Ampullen und Medikamenten so vorsichtig umgehen wie eine Krankenschwester. Quelle: Presse
HaarpflegerDieser von Panasonic hergestellte Haarwaschroboter widmet sich der Pflege des Haupthaars von bettlägerigen Patienten. Vollautomatisch kann das Gerät eine komplette Haarwäsche durchführen und dabei eine Spülung einmassieren sowie die Haare nach dem Waschen wieder trocknen. Dabei kommen insgesamt 24 robotische Finger zum Einsatz. Quelle: Presse

Manche Geschäftsmodelle der digitalen Netzwelt machen dem Einzelnen und der Organisation das Leben nicht nur leichter. Sie machen es auch vorhersehbar und kontrollierbar. Und sie berauben den Menschen Schritt für Schritt seiner Freiheit.

Längst arbeiten Start-ups daran, Fehlverhalten oder Straftaten auf Basis von algorithmischer Datenanalyse vorherzusagen und im Vorfeld zu verhindern. Der Einsatzbereich von Big Data in der Polizeiarbeit, in den USA seit einiger Zeit unter dem Begriff „Predictive Policing“ bekannt, war bislang höchstens Stoff für Science-Fiction-Filme. In dem Thriller „Minority Report“ (2002) gerät Tom Cruise in das Räderwerk einer Kriminalitätspräventionsabteilung („Precrime“), deren Mitarbeiter mithilfe von Medikamenten telepathisch Morde vorhersehen können.

Algorithmen analysieren Verhaltensmuster

„Precrime“-ähnliche Start-ups sitzen heute am Stadtrand von Oberhausen. Sie arbeiten nicht mit medikamentöser Hellseherei, sondern mit ausgefeilter Software, die mithilfe von Algorithmen menschliche Verhaltensmuster analysiert. Daraus lassen sich Rückschlüsse auf gefährdete Gegenden, Tatzeiten für Einbrüche oder sogar auf die potenziellen Täter ziehen.

Auch hier gilt: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Sein Leben verläuft in vieler Hinsicht nach regelhaften, sich wiederholenden Mustern. Die lassen sich auswerten. Im Ergebnis findet Software nicht nur heraus, was wir getan haben, sondern wann wir es künftig wieder tun könnten.

Aber: Diese Vorhersagen bleiben immer nur ungesicherte Annahmen. Um ihre Richtigkeit zu beweisen, müsste erst geschehen, was die vorausschauende Datenanalyse zu verhindern sucht.

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