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Sicherheitsexperte Kaspersky "Wir können uns gegen Cyberwaffen nicht schützen"

Der russische Softwaremillionär Eugene Kaspersky warnt vor Cyberwaffen und prognostiziert den Aufstieg von Google zur Smartphone-Supermacht.

Eugene Kaspersky, 46, über die Gefahren von Cyberattacken. Quelle: REUTERS

WirtschaftsWoche: Herr Kaspersky, Sie warnen vor den Gefahren eines Cyberkrieges. Wie wahrscheinlich ist eine Attacke auf Westeuropa, und wie könnte sie aussehen?

Kaspersky: Solche Attacken werden geschehen, weil sie technisch möglich sind. Es wird zwei Arten geben. Bei der verteilten Attacke wird die Infrastruktur überlastet, es werden also beispielsweise massenhaft Telefonanrufe ausgelöst, um die Kommunikationsnetze lahmzulegen und Leute in Panik zu versetzen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist, wenn plötzlich alle Telefone gleichzeitig klingeln? Bei der direkten Attacke wird gezielt Infrastruktur zerstört wie beim Stuxnet-Wurm, der die Zentrifugen in der iranischen Atomanlage Natanz lahmgelegt hat.

Wie kann man sich davor schützen?

Wir können uns nicht schützen. US-Verteidigungsminister Leon Panetta gab kürzlich zu, dass man mit Cyberwaffen zwar angreifen könne, sich aber nicht gegen sie verteidigen. Er hat recht.

Sollen wir den Kopf in den Sand stecken?

Nein. Diese Waffen müssen international geächtet und kontrolliert werden. Wir brauchen eine global agierende Behörde ähnlich der Internationalen Atomenergie-Organisation in Wien. Sie müsste mit Kontrollen überwachen, dass Cyberwaffen nicht entwickelt werden, und alle Staaten zur Kooperation verpflichten. Wer sich dem verschließt, gilt im Verdachtsfall als schuldig und muss mit Sanktionen rechnen. Ich halte Cyberwaffen für gefährlicher als Atomraketen und biologische Kampfstoffe. Sie sind mit weit weniger Aufwand zu entwickeln und einzusetzen und nicht regional begrenzt. Und sie können sich unkontrolliert fortpflanzen – mit unerwarteten Folgen.

Die spektakulärsten Operationen von Anonymous
Damit wurde die Gruppe erstmals bekannt: 2008 attackieren Anonymous-Mitglieder im Projekt Chanology mehrfach Internet-Angebote von Scientology, nachdem die Organisation die Veröffentlichung eines internen Tom-Cruise-Interview bei YouTube verhindern will. Quelle: Reuters
Als Reaktion auf deren Ankündigung, keine Spenden an die Enthüllungsplattform Wikileaks von Julien Assange zu überweisen, blockieren Hacker 2010 stundenlang die Web-Angebote von Visa, MasterCard und Paypal. Quelle: Getty Images
Um den Widerstand gegen das Urheberrechtsabkommen Acta zu unterstützen, blockieren Angreifer 2012 unter anderem staatliche Web-Angebote in Frankreich, Polen und Slowenien. Quelle: dpa
Anonymous-Mitglieder nehmen 2011 an Protesten der Occupy-Wall-Street-Bewegung teil und bloggen über die Aktionen. Quelle: Reuters
Um die Proteste im Iran gegen Wahlfälschungen bei der Präsidentschaftswahlen zu unterstützen, betreibt Anonymous 2009 ein geschütztes Informations- und Nachrichtenportal im Netz. Quelle: AP
Nach Online-Angriffen auf Sicherheitsdienstleister wie HBGary Federal durchsuchen Agenten der US-Bundespolizei FBI, wie hier in New York, Häuser und Wohnungen vermutlicher Anonymous-Aktivisten. Quelle: Laif
2006 legen Hacker die Internet-Seite des US-Radiomoderators Hal Turner lahm, der zum Mord an drei US-Bundesrichtern aufgerufen hat. Quelle: Getty Images

Zum Beispiel?

Wir müssen nur an den Blackout von 2003 denken, der die US-Ostküste lahmgelegt hat. Der Grund war wohl ein Computerwurm, der aber gar nicht dafür entwickelt war, das Energienetz zu attackieren. Es war ein Nebeneffekt, mit dem seine Entwickler nicht gerechnet hatten.

Sollte kritische Infrastruktur wie das Energienetz daher besser nicht mehr mit dem Internet verbunden werden?

Das schützt nicht vor Attacken. Die Software solcher Anlagen muss gewartet und früher oder später mit einem Computer verbunden werden. Das ist die Schwachstelle. Ich denke, dass das bei den Iranern passiert ist. Die Atomanlage war auch nicht direkt mit dem Internet verbunden. Einer der Wartungscomputer war infiziert und hat den Wurm eingeschleust.

Die vier größten Anbieter von Computerinformationssicherheit. (Zum vergrößern bitte anklicken)

Wird sich ein Rüstungsindustriezweig entwickeln, der Cyberwaffen produziert?

Überraschen würde es mich nicht. Die Profitmargen rangieren noch vor dem illegalen Waffenhandel.

Wie entgegnen Sie Vorwürfen, dass Sie Panikmache betreiben, um Ihr Unternehmen bekannter zu machen?

Wir wurden schon verspottet, als wir vor Jahren vor Computerwürmern und Handyviren gewarnt haben. Wer mir unlautere Motive unterstellt, sollte lieber die erste Regel bei der Abwehr beachten: Du sollst Kassandra nicht umbringen.

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