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Smart Farming Wie die Digitalisierung die Landwirtschaft revolutioniert

Gesündere Lebensmittel dank Digitalisierung: Roboter rupfen Unkraut, Drohnen ersetzen Pestizide, Big Data beugt Antibiotika-Einsatz vor. Doch der Fortschritt auf dem Feld und im Stall hat auch seinen Preis.

Landwirtschaft: Der Roboter als sensibler Melker. Quelle: dpa Picture-Alliance

Wenn sich irgendwo auf dem Acker auch nur ein winziges, unerwünschtes Pflänzchen hervorwagt, ist das die Stunde von BoniRob. Das graue, vierrädrige Gefährt rollt heran, scannt mit seiner Kamera den Boden ab – und schlägt zu. Wie ein Terminator rammt er mit seiner Metallstange jedes Unkraut mit Hochgeschwindigkeit in den Boden. Entwickelt haben diesen hochmodernen Agrarroboter die Hochschule Osnabrück, das Start-up Deepfield Robotics, eine Bosch-Tochter, und der Landmaschinenhersteller Amazone. Dank ihrer Hilfe kann der Landwirt künftig die Giftspritze in der Scheune lassen, mit der er bisher Unkräuter bekämpft hat.

Auf Pestizide kann der Bauer schon jetzt verzichten, wenn Raupen über seinen Mais herfallen, zumindest im Badischen. Dann schwärmt eine Armada von sechs Drohnen der Zentralgenossenschaft Raiffeisen in Karlsruhe los und wirft Eier von Schlupfwespen ab. Einmal geschlüpft, machen die sich über die Schädlingsbrut her.

Autonome Erntehelfer
Eine landwirtschaftliche Maschine auf einem Feld Quelle: Claas
Traktoren mit Lenksystem Quelle: Claas
Agrobot, mechanischer Erntehelfer Quelle: Agrobot
Feldroboter Quelle: David Dorhout
Ein Flugroboter wird über einem Feld fliegen gelassen Quelle: dpa
Satellitenbild Quelle: NASA astronauts
Ein Landwirt ruft Daten in einem Traktor ab Quelle: Claas

Geht es den Milchkühen schlecht, kommt heute oft der Tierarzt und verordnet Antibiotika. Passiert das zu häufig, drohen die Erreger resistent zu werden. Dann versagen die lebensrettenden Medikamente womöglich auch beim Menschen. Moderne Melkroboter können helfen, dem vorzubeugen: Sie waschen den Euter, entfernen damit Mikroben und erheben bei jeder Melkung bis zu 100 Daten – vom Fett- und Eiweißgehalt bis zur elektrischen Leitfähigkeit der Milch. Damit lassen sich frühzeitig Krankheiten erkennen, der Bauer wird automatisch alarmiert und kann reagieren. Nebenbei machen die Maschinen den Kühen das Leben im Stall viel angenehmer: Die Tiere entscheiden ganz allein, wann sie zur Melkstation wollen.

Smart Farming auf dem Ökohof

All die Beispiele zeigen, mit dem romantischen Bild vom Bauern, das viele noch vor Augen haben, hat der Alltag auf den Höfen heute nur noch wenig gemein. Die Landwirtschaft ist schon weiter digitalisiert als manch andere Branche. So machen Software und Sensorik bei Landmaschinen inzwischen 30 Prozent der Wertschöpfung aus, in der Autoindustrie liegt der Anteil erst bei zehn Prozent. Ein Viertel aller Serviceroboter weltweit ordern Landwirte, so die International Federation of Robotics.

Auf welche Bereiche wirkt sich die Digitalisierung im Arbeitsalltag aus?

Das Spannende: Anders als in der Vergangenheit dürften auch die Verbraucher vom Modernisierungsschub auf Feldern und im Stall profitieren. Denn Roboter, Drohnen, Sensoren und Big-Data-Analysen helfen, den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmitteln auf dem Acker, von Arzneimitteln in der Tierzucht zu reduzieren. Sodass am Ende im Weizen und in Kartoffeln, im Steak und in der Milch – fast – keine Schadstoffe mehr nachweisbar sind. Selbst Biobauern setzen inzwischen auf Smart Farming, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Gesündere Nahrung durch Automatisierung? Das erscheint zunächst paradox, steht doch die hoch industrialisierte Landwirtschaft im Verdacht, immer wieder für Lebensmittelskandale zu sorgen.

„Doch je mehr Sensoren und Daten wir nutzen, desto gefährlicher wird es für die schwarzen Schafe, zu betrügen“, sagt Michael Clasen, Professor für Agrarinformatik an der Hochschule Hannover. Zudem wollen die Kunden wissen, wo und wie die Lebensmittel produziert werden, die auf ihrem Tisch landen – wie die Diskussionen rund um die gerade in Berlin startende Internationale Grüne Woche zeigen. Je mehr Daten erfasst werden, desto besser die Nachverfolgung.

Der Druck zur Modernisierung erhöht sich noch aus einem weiteren Grund: „Um die Weltbevölkerung satt zu bekommen, müssen wir in 30 bis 40 Jahren doppelt so viele Lebensmittel herstellen wie heute“, sagt der Präsident der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft Carl-Albrecht Bartmer. Größer und leistungsstärker können die Landmaschinen allerdings kaum noch werden. Den Ertrag steigern eher intelligentere Maschinen, wie Roboter oder Drohnen, und vor allem ein besseres Verknüpfen und Auswerten der schon jetzt in großen Stil erhobenen Daten. Daran hapert es aber oft noch, viele Anbieter – vom kleinen Start-up über die großen Maschinenhersteller bis zum Agrarriesen Monsanto – wollen das nun ändern.

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