Smart Home auf der IFA Babylonische Vernetzung

Das smarte Heim gilt als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte der Unterhaltungs- und Haushaltselektronik. Leider nur kämpft die Branche mit einem entscheidenden, hausgemachten Problem.

Das smarte Heim gilt als einer der wichtigsten Wachstumsmärkte. Quelle: obs

Es war eine Mischung aus Verblüffung und Spott, die die Organisatoren der Messe Berlin ernteten, als sie vor zehn Jahren ankündigten, dass sie ihre Vorzeigemesse, die internationale FUNK-Ausstellung, künftig auch für Hersteller von Haushaltsgeräten öffnen wollte. Staubsauger und Stereoanlagen, Waschmaschinen und WLAN, wie sollte das nur zusammen passen?

Die höhnischen Kommentare sind seither längst verstummt. Wenn die (heute nur noch kurz IFA genannte) Messe in diesem Jahr ihre Tore öffnet, sind die Welten der sogenannten braunen und der weißen Ware – Unterhaltungselektronik und klassische Hausgeräte – nicht mehr zu trennen. Im Zeitalter des omnivernetzten Alltags sind HiFi-Anlagen und elektronische Türschlösser tatsächlich genauso Teil des smarten Hauses wie Heizungsthermostate oder Robo-Staubsauger.

Aus gutem Grund, schließlich gilt das Geschäft mit dem vernetzten Alltag als einer der wichtigsten Wachstums- und Hoffnungmärkte der Branche. „Wir rechnen in den kommenden fünf Jahren mit durchschnittlich gut 26 Prozent Wachstum im deutschen Smart-Home-Markt“, sagt Harald Summa, Geschäftsführer des Internetverbandes Eco. Für 2022 rechnet er mit 4,3 Milliarden Umsatz für das Segment. Größter Umsatztreiber sollen Systeme für Energiemanagement, Licht- und
Fenstersteuerung sein.

So wehren Sie Angriffe auf Ihr vernetztes Heim ab

Oder besser, sie sollten. Denn noch hapert es an entscheidender Stelle. Ausgerechnet bei der Vernetzung der verschiedenen Komponenten im modernen Haushalt herrscht weiterhin babylonische Sprachverwirrung.

Ein Mangel an entscheidender Stelle

Denn statt dass sich über zehn Jahre des Zusammenwachsens von Unterhaltungs-, Kommunikations- und Haushaltselektronik so etwas wie ein überlegener oder wenigstens überwiegender Standard zur Verbindung der Geräte herausgebildet hätte, arbeiten die vielfältigen Hersteller weiterhin mit einer Vielzahl von Funktechniken und Übertragungsprotokollen.

Und keines ist mit dem anderen kompatibel. Das universelle „Connected Home“ ist, das wird auch in diesem Jahr auf der IFA klar, noch immer eine Ansammlung von Insellösungen.

Kaum einer versteht den anderen

Der Berliner FritzBox-Produzent AVM etwa nutzt zur Verbindung seiner smarten Steckdosen und Thermostate den aus der Schnurlostelefonwelt bekannten DECT-Funkstandard. Der Hausgeräte-Hersteller Bosch wiederum nutzt Zigbee-Funk, die Powerline-Spezialisten von Devolo aus Aachen vernetzen ihre Smart-Home-Technik über Z-Wave-Verbindungen. Der Gebäude-Automations-Experte EQ-3 wiederum hat mit Homematik IP ein eigenes Protokoll entwickelt – und das für Bosch lizensiert, trotzdem arbeiten Module beider Produzenten nicht zusammen.

Was die Deutschen beim Thema Smart Home interessiert

Gigaset verbindet seine Elements-Sensoren über eine besonders stromsparende (aber mit AVM inkompatible) DECT-Variante. Und das Berliner-Smart-Home-Startup Smartfrog schließlich sendet die Signale seiner Überwachungskameras per WLAN ins Internet. Und selbst diese (alphabetische) Auflistung ist nur ein Auszug aus der chaotischen Vernetzungsvielfalt, die potenzielle Kunden noch immer verunsichert.

Chance über Jahre vertan

Die Folge zeigt sich in der Realität des Handels. Statt des seit Jahren propagierten Smart-Home-Booms tröpfelt das Geschäft bis heute vor sich hin, nutzt die Elektronikbranche (egal mit welcher Produktkategorie sie das vernetzte Haus auch erschließen will) das Potenzial des Marktes bestenfalls ansatzweise.

Inhaltlich, das zeigt sich im Jahr Zehn der branchenübergreifenden IFA-Messen, sind Grenzen zwischen brauner und weißer Ware gefallen. Es wäre höchste Zeit, dass auch die Grenzen der herstellerübergreifenden Vernetzung endlich fallen. Käufer und Hersteller würden gleichermaßen profitieren.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%