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Software im Internet Softwareriesen setzen auf Cloud Computing

Einer der wichtigsten Wachstumsmärkte im IT-Geschäft ist die Bereitstellung von Software übers Internet, das Cloud Computing. Vor allem Angebote für Unternehmen boomen.

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Rechenzentrum der Firma Quelle: obs

Mitte Juli in der US-Hauptstadt Washington, der Softwaregigant Microsoft hat zu seiner alljährlichen Partnerkonferenz geladen. Den Einpeitscher macht wie so oft Steve Ballmer: „Oh Cloud, oh Cloud, oh Cloud“, brüllt der Microsoft-Boss in das Mikrofon, als er im Verizon Center auf die Bühne tritt. So leger der 54-Jährige im violett-blau gestreiften Polohemd und dunkelblauer Hose auftritt, so ernst ist ihm die Kernbotschaft seiner Eröffnungsrede vor den rund 9500 Zuhörern: Der Microsoft-Chef erhofft sich vom sogenannten Cloud Computing nachhaltige Impulse für das künftige Geschäft des US-Softwareriesen.

Cloud Computing bedeutet: Anwender nutzen Software auf externen Servern über das Internet, statt sie auf dem eigenen Rechner zu installieren. Im Endkundenmarkt ist das schon lange gang und gäbe – bei den meist über Werbung finanzierten E-Mail-Diensten von Google, Yahoo oder Hotmail ebenso wie beim weltgrößten sozialen Netzwerk Facebook mit seinen 500 Millionen Mitgliedern.

Unternehmen dagegen tun sich mit Cloud-Computing-Diensten bisher noch schwer. Die meisten installieren ihre Software – etwa für Buchhaltung oder Personalplanung – bisher noch auf eigenen Computern, vor allem wegen Sicherheitsbedenken. Via Web auf die im Rechenzentrum eines externen Dienstleisters liegenden Programme zuzugreifen und dafür Gebühren zu zahlen ist im gewerblichen Geschäft dagegen noch die Ausnahme.

Enormes Umsatzpotenzial für Cloud Computing

Das soll sich ändern, die IT-Branche hofft mit dem neuen Geschäftsmodell auf das ganz große Business: „Cloud Computing hat ein enormes Umsatzpotenzial“, ist sich Microsoft-Lenker Ballmer sicher. Zahlen unabhängiger Marktforscher stützen seine Hoffnungen: „Wir erwarten bei Cloud-Angeboten für Unternehmen ein enormes Wachstum in den kommenden Jahren“, sagt Lynn-Kristin Thorenz, Director Research & Consulting beim IT-Marktbeobachter IDC. Laut einer IDC-Studie soll das weltweite Cloud-Geschäft von 16 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr bis 2014 auf fast 56 Milliarden Dollar wachsen.

Sollte das Szenario eintreten, könnten sich die Cloud-Anbieter über Wachstumsraten von 27 Prozent pro Jahr freuen – fünfmal so viel wie bei herkömmlicher IT, wo das jährliche Plus auf rund fünf Prozent geschrumpft ist. In Deutschland fiele das Wachstum wegen der niedrigeren Ausgangssituation sogar noch höher aus: Die hiesigen Cloud-Umsätze sollen laut IDC von knapp 400 Millionen Euro 2010 auf rund zwei Milliarden Euro 2014 steigen – das entspricht einem jährlichen Plus von durchschnittlich 42 Prozent.

Nicht nur Microsoft, auch der deutsche Softwarekonzern SAP will sich ein großes Stück des Kuchens sichern. Seit Ende Juli bietet das Unternehmen mit Hauptsitz im nordbadischen Walldorf mittelständischen Kunden in Deutschland, den USA, Frankreich, Großbritannien, Indien und China Business By Design an. Das neue Produkt ist laut SAP das erste internetbasierte Komplettpaket zur Steuerung von Unternehmensprozessen überhaupt – inklusive Personalwesen, Finanzbuchhaltung und Rechnungswesen.

Wie anspruchsvoll die technischen Anforderungen an eine im Internet laufende Software sind, haben die Walldorfer am eigenen Leibe erlebt: Angefangen von ersten Planungen Ende 2001, hat die Entwicklung von Business By Design mehr als acht Jahre gedauert, mehrere Neustarts und Beinahe-Stopps inklusive. Hauptgrund dafür war die lange Zeit unzureichende Leistungsfähigkeit der Software bei der Nutzung übers Web. Gegenüber der ursprünglichen Planung kommt das Produkt mehr als zwei Jahre später an den Markt – und hat nach internen Schätzungen zwischen einer und eineinhalb Milliarden Euro Entwicklungskosten verschlungen.

Grafik: Umsatz Cloud Computing

Das Durchhaltevermögen könnte sich für SAP letztlich auszahlen: „SAP ist tatsächlich der erste Anbieter, der mit Business By Design ein umfangreiches Softwarepaket zur Nutzung via Internet anbietet“, sagt Frank Niemann, Analyst beim IT-Marktforscher PAC aus München. Das verschaffe den Walldorfern einen Wettbewerbsvorteil gegenüber reinrassigen Cloud-Anbietern wie den US-Konkurrenten Salesforce.com oder Netsuite. Die Lösung von Netsuite etwa bietet nicht denselben Umfang wie SAP, und Salesforce.com ist spezialisiert auf die Vertriebssteuerung.

Potenzielle Salesforce-Kunden will SAP durch mehrere sogenannte Einsteigerpakete locken, darunter eines für die Vertriebsautomatisierung. „Das ist ein kluger Schachzug, denn viele Unternehmen starten mit einer Vertriebslösung“, sagt PAC-Analyst Niemann. „Die können sie dann später in Richtung Finanzbuchhaltung oder Rechnungswesen erweitern, ohne sich wieder mit einem neuen Anbieter beschäftigen zu müssen.“

Anders als beim klassischen Geschäft, wo die Implementierungskosten etwa durch Verzögerungen bei der Softwareeinführung schnell teurer werden können als zuvor veranschlagt, nennen die Walldorfer für ihre Einsteigerpakete von Business By Design erstmals Einheitspreise und legen sich auf eine feste Zeitdauer für die Einführung der Software beim Kunden fest.

Einheitspreise als Erfolgsrezept

Die Vertriebslösung beispielsweise will SAP in rund drei Wochen zu einem Festpreis von rund 9900 Euro einführen. Die Nutzung kostet dann 79 Euro pro Anwender und Monat. Die Einführung des kompletten Business-By-Design-Pakets soll sechs Wochen dauern und 24 000 Euro kosten, für den laufenden Betrieb werden 133 Euro je Anwender und Monat fällig. „Der Mittelstand als Zielgruppe verlangt transparente Preismodelle“, sagt Markus Stahl, Director Business By Design Development bei SAP.

Für einen durchschlagenden Erfolg am Markt brauchen die Walldorfer aber mehr als eine einfache Preisgestaltung. Notwendig ist vor allem ein neues Vertriebsmodell, um auf hohe Stückzahlen zu kommen. „Nachdem SAP die technologischen Hürden bei Business By Design in den Griff bekommen hat, ist jetzt ein funktionierendes Partner-Netzwerk entscheidend“, sagt PAC-Analyst Niemann. 

Dazu braucht SAP in seinen Augen vor allem Wiederverkäufer wie zum Beispiel IT-Dienstleister, die SAP große Kontingente von Business By Design abnehmen und an ihre eigene Kundschaft weiterreichen. Nur so könnten durch hohe Volumina in dem neuen Geschäftsfeld Umsätze in nennenswertem Stil generiert werden. In diesem Punkt gibt es noch reichlich Handlungsbedarf: Bis heute hält sich SAP bedeckt, welche Unternehmen bei der Vermarktung von Business By Design mit an Bord sind. Zu den wenigen bereits offiziell verkündeten Partnern gehören die IT-Dienstleister Itelligence mit Sitz in Bielefeld, All For One Midmarket aus Filderstadt und Alpha Business Solutions aus Kaiserslautern.

Die Zurückhaltung bei der Partnerwahl hat möglicherweise mit Sicherheitsüberlegungen zu tun. Viele Unternehmen insbesondere aus dem Mittelstand scheuen davor zurück, sensible Firmendaten einem Dienstleister via Internet anzuvertrauen. Sicherheitsbedenken dieser Kunden – Hauptzielgruppe sind mittelständische Firmen mit 50 bis 500 Mitarbeitern – will SAP begegnen: Zumindest vorerst soll die Software offenbar nicht auf den Computern von Wiederverkäufern laufen, obwohl gerade viele Dienstleister auch eigene IT-Kapazitäten vorhalten. „Für alle Business-By-Design-Kunden aus Deutschland liegen die Daten ausschließlich im SAP-Rechenzentrum in St. Leon Roth“, betont SAP-Manager Stahl.

Andere Anbieter haben solche Anlaufschwierigkeiten schon überwunden. Das gilt vor allem für den amerikanischen Markt, wo Unternehmen traditionell weniger Hemmungen haben, ihre Daten einem Dienstleister anzuvertrauen.

Microsoft-Chef Steve Ballmer: Quelle: AP

Das jedenfalls ist die Erfahrung des US-Unternehmens Plex Systems aus Auburn Hill im US-Bundesstaat Michigan. Plex bietet seit 2001 die Unternehmenssoftware Plex Online via Cloud Computing an. Um Sicherheitsbedenken zu minimieren, nutzt Plex zwei gespiegelte, aber unabhängig laufende Rechenzentren an unterschiedlichen Standorten. Der vor 15 Jahren als Ausgründung aus dem US-Autozulieferer MSI entstandene Anbieter hat sich auf die Fertigungsindustrie konzentriert. „Ich liebe es, dass SAP ständig über Cloud Computing spricht“, sagt Plex-Vorstandschef Mark Symonds. Das würde seinem Unternehmen geradezu den Boden bereiten. Plex Systems’ Markteintritt in Deutschland, Österreich und der Schweiz steht nun bevor: „Diese Länder bilden das Zentrum der Fertigungsindustrie in Europa, mit starkem Schwerpunkt in der Automobilindustrie – das ist genau unser Fokus“, sagt Symonds.

Das mehrheitlich dem britischen Finanzinvestor Apax Partners gehörende Unternehmen erzielte zuletzt einen Umsatz „im mittleren 30-Millionen-Dollar-Bereich“, sagt Symonds, und hat weltweit rund 500 Kunden. Die Ziele des Plex-Chefs sind ehrgeizig: In den kommenden 12 bis 18 Monaten will er in Europa „mindestens zehn neue Kunden gewinnen“, deutlich mehr als 100 sollen es in fünf Jahren sein.

Auf den Boom beim Cloud Computing setzen aber nicht nur klassische Softwareanbieter. Als einer der wichtigsten Vorreiter in dem neuen Geschäft gilt das Internet-Kaufhaus Amazon. Das US-Unternehmen muss zur Abwicklung seiner weltweiten Logistik eine umfassende IT-Infrastruktur vorhalten. Amazon-Chef Jeff Bezos machte aus dieser Not bereits Ende 2006 eine Tugend: Er vermietete unbenutzte Rechenkapazitäten – beispielsweise zur Datenspeicherung – via Internet-Wolke an andere Unternehmen.

Amazon als Vorreiter bei Cloud Computing

Mittlerweile hat sich daraus für Amazon ein neuer, wenn auch kleiner Geschäftszweig entwickelt. Die Cloud-Computing-Sparte des Internet-Händlers wird in diesem Jahr einen Umsatz von rund 500 Millionen Dollar erzielen, so eine aktuelle Studie der Investmentbank UBS. 2011 soll das Geschäft auf 750 Millionen Dollar und bis 2014 auf rund 2,5 Milliarden Dollar anwachsen. Gemessen am Amazon-Gesamtumsatz von rund 25 Milliarden Dollar, ist das zwar nur ein kleiner, aber profitabler Teil. UBS-Analysten schätzen die Bruttomarge des Online-Geschäfts auf rund 50 Prozent – in seinem Stammgeschäft kommt Amazon nur auf 22 bis 23 Prozent.

Kein Wunder, dass auch Microsoft in diesem aufstrebenden Segment mitmischen will. Dabei fährt der Softwareprimus eine zweigleisige Strategie. Zum einen bieten die Redmonder mehr und mehr Cloud-Funktionen in ihren bestehenden Produkten an, teilweise sogar kostenlos. Dazu zählt eine abgespeckte Online-Version des Büropaketes Office 2010 – eine Antwort auf vergleichbare Angebote des Internet-Giganten Google mit seinem Kostenlos-Paket Google Apps. Zum anderen wirbt Microsoft mit der nahtlosen Integration von Cloud- und stationär genutzten Programmen: Unternehmenssoftware wie etwa die Vertriebslösung Microsoft Dynamics CRM gibt es bereits in einer klassischen und einer webfähigen Version.

Mindestens ebenso wichtig ist den Amerikanern das Cloud-Geschäft, wie Amazon es betreibt. Microsoft hat dazu mit Windows Azure eine Art Internet-Betriebssystem mit speziellen Entwicklungstools im Angebot. Mithilfe von Azure können Unternehmen eigene internetbasierte Anwendungen entwickeln und diese im Microsoft-eigenen Rechenzentrum gegen Gebühr betreiben. So hat die Telekom-Tochter T-Systems eine Energie-Management-Lösung namens Stromboxx für Stromendkunden via Azure erstellt und betreibt sie in der Microsoft-Cloud. Im vergangenen Geschäftsjahr hat Microsoft mehr als eine Milliarde Dollar in die entsprechende Infrastruktur investiert, vor allem für den Bau von Rechenzentren.

Aktuell arbeitet bereits die Hälfte aller 30 000 Microsoft-Entwickler weltweit an Cloud-basierten Lösungen. „In naher Zukunft“ wollen die Redmonder die Quote sogar auf 80 Prozent hochfahren, sagt Martin Berchtenbreiter, Mittelstandschef von Microsoft in Deutschland. Das Cloud-Betriebssystem Windows Azure ging erst im November 2009 an den Start, „inzwischen haben wir bereits 10 000 zahlende Azure-Kunden“, freute sich Microsoft-Boss Ballmer im Juli in Washington.

Und das ist erst der Anfang. Ab sofort öffnet Microsoft Azure für Fremdanbieter. Damit können beispielsweise Microsoft-Partner Windows Azure in ihren eigenen Rechenzentren installieren und ihrerseits als Cloud-Service Drittkunden anbieten. „Das eröffnet unseren Partnern neue Geschäftsmodelle“, lautet Ballmers Botschaft. Die ersten drei Fremdnutzer von Azure sind die IT-Riesen Hewlett-Packard, Dell und Fujitsu.

Und auch an Kunden, die aus Sicherheitsgründen ihre Daten nicht in fremde Rechenzentren verlegen möchten, hat Ballmer gedacht. Die können Windows Azure im eigenen Rechenzentrum nutzen – und schaffen sich so ihre eigene private Cloud. Erster offizieller Referenzkunde für diese Variante ist das weltgrößte Internet-Auktionshaus Ebay, das den Betrieb seiner Web-Site ebay.com kontinuierlich auf Cloud-Betrieb umstellen will. „Microsoft investiert und marschiert voran, um im Cloud-Geschäft die Nase vorne zu haben“, sagt James Barrese, Vice President Technology bei Ebay. „Und ich möchte mit denen kooperieren, die das Spiel gewinnen wollen.“

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