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Soziale Medien Gegen die Radikalisierung des Netzes

Soziale Netzwerke wie Facebook und Twitter stehen als Nachrichtenquellen im Verdacht, die politische Radikalisierung zu forcieren. Nach den US-Wahlen ist die Politik alarmiert – und will gegensteuern.

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In diesen Bundesländern sind Facebook und Co. besonders beliebt
Hamburg Quelle: dpa
Schloss in Stuttgart Quelle: dpa
Mainz Quelle: dpa
Neues Rathaus in Hannover Quelle: dpa
Brandenburger Tor in Berlin Quelle: dpa
Saarschleife Quelle: dpa/dpaweb
München Quelle: dpa

Zu den erstaunlichsten Auswüchsen des an Sonderlichkeiten wahrlich nicht armen US-Wahlkampfs gehört der Internetboom im mazedonischen Veles. Seit nämlich Onliner in dem 45.000-Einwohner-Städtchen auf dem Balkan im Frühjahr entdeckten, wie leicht sich mit dem Kampf um die Präsidentschaft Geld verdienen lässt, schießt die Zahl dort gemanagter, englischsprachiger Nachrichtenseiten in die Höhe. Ob donaldtrumpnews.co, trumpvision365.com oder usconservativetoday.com – gut 150 solcher Seiten zählte jüngst der „Guardian“; kaum eine älter als ein paar Monate.

Fast gänzlich in Donald Trumps Politspektrum angesiedelt, publizierten sie reißerische Meldungen und teilten sie in Facebooks Nachrichtenstrom sowie einschlägigen Nutzergruppen: oft andernorts kopiert, vielfach gespickt mit falschen Behauptungen – bis hin zur angeblichen Verurteilung Hillary Clintons zur Haftstrafe. Kurz vor der Abstimmung titelte etwa USConservative.com noch „Hillary is giving up!“.

Nicht, dass die Betreiber Trump-Anhänger wären. Ihnen ist eigentlich egal, mit welchen Inhalten sie ihre Seiten füllen. Allerdings lässt sich mit Trump-Geschichten ein Mechanismus von Facebook und Co. ökonomisch besonders ergiebig ausnutzen: Je häufiger Bekannte eines Nutzers Inhalte liken oder teilen, desto eher zeigt das Netzwerk sie auch anderen Onlinern an.

Nutzerzahlen der bekanntesten sozialen Medien

Niemand teilt meinungskonforme politische Botschaften bei Facebook eifriger als Fans von Donald Trump. Sprich: Je mehr Trump-Geschichten die mazedonischen Seiten veröffentlichen, umso stärker spült Facebook sie in den Timelines seiner Nutzer nach oben. Und umso häufiger klicken Facebook-Nutzer die Links an – und landen damit auf den mit Onlineanzeigen gespickten mazedonischen Webseiten. Ist die Überschrift nur schrill, die Behauptung politisch konform genug, schießt die Resonanz dank Facebooks Relevanz-Turbo in die Höhe. „Bis zu 3000 Dollar am Tag“ habe man mit den Schlagzeilen im Pro-Trump-Lager verdienen können, verriet ein mazedonischer Onliner dem US-Onlineportal „Buzzfeed“.

Zwar wird der vom Wahlkampf befeuerte Run auf die politischen Posts nach der Abstimmung abebben. Das Phänomen der sich digital befördernden Meinungszirkel im Netz aber bleibt nach der Präsidentenwahl virulent. Und damit die Frage, ob soziale Medien die politische Meinungsbildung beeinflussen, verstärken sie die Radikalisierung, und heizen sie die Verbreitung von Hass-Thesen im Netz womöglich noch an?

Deutsche Politik fürchtet US-Verhältnisse

In den USA ist die Diskussion darüber nach den Exzessen des vergangenen Wahlkampfs bereits in vollem Gange. Nun entbrennt sie auch in Deutschland. Immerhin stehen 2017 die Bundestags- und drei Landtagswahlen an. Und die Politik ist alarmiert. Ende Oktober forderte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Netzwerke auf den Münchner Medientagen zu mehr Offenheit auf. „Die Algorithmen, die die Internetdienste nutzen“, so Merkel, „müssen transparent sein.“ Das birgt – wenn auch diplomatisch verpackt – jede Menge Sprengstoff, schließlich geht es beim Tuning der Filter um „die Coca-Cola-Formel der Onlinekonzerne“, weiß man auch im Umfeld der Kanzlerin.

Verhängnisvolle Posts, die den Job kosten können
Ein Auktionator bei einer Kunstauktion mit dem Hammer den Zuschlag. Quelle: dpa
Wer seinen Ausbilder als Menschenschinder und Ausbeuter bezeichnet, fliegt Quelle: Fotolia
Hamburger Band Deichkind Quelle: dpa
„Ab zum Arzt und dann Koffer packen“Urlaub auf Rezept? Eine Auszubildende aus Nordrhein-Westfalen schrieb bei Facebook: "Ab zum Arzt und dann Koffer packen." Das las der Ausbilder und fand es gar nicht komisch. Er kündigte der Auszubildenden fristlos. Sie zog vor Gericht. Das Argument der Verteidigung lautete übrigens, dass die Auszubildende wegen ihrer Hautkrankheit Neurodermitis Urlaub bräuchte. Spätestens als die aber sagte: "Ich hätte eh zum 31. Mai gekündigt" war klar, woher der Wind weht. Beide Parteien einigten sich auf eine Zahlung von 150 Euro ausstehenden Lohn und ein gutes Zeugnis. Quelle: dapd
Facebook-Nutzung trotz Kopfschmerzen Quelle: Fotolia
"Speckrollen" und "Klugscheißer" Quelle: AP
Eine Lehrerin bezeichnete sich als "die Aufseherin von künftigen Kriminellen" Quelle: dpa

Der deutsche Justiz- und Verbraucherschutzminister Heiko Maas (SPD) pocht dennoch in einem Forderungskatalog für digitale Grundrechte auf mehr Transparenz: „Wir brauchen einen Algorithmen-TÜV, der sicherstellt, dass unsere Handlungs- und Entscheidungsfreiheit nicht manipuliert wird.“ Wie so etwas aussehen soll, dazu schweigen die Kanzlerin und ihr Minister. Ein beiderseits des Atlantiks diskutierter Ansatz aber könnte eine Art Selbstkontrolle der Digitalwirtschaft sein – ähnlich dem Presserat, der Auswüchse der Medienberichterstattung ahnden soll.

Die Vorstellung, unter eine Medienkontrolle zu fallen, sorgt in der Netzwelt indes für Aufregung: Ende Oktober erst betonte Facebook-Frontfrau Sheryl Sandberg wieder einmal, ihr Unternehmen verstehe sich als Technologielieferant und Anbieter einer Plattform zum Austausch unter seinen monatlichen 1,7 Milliarden Nutzern. Ein Medienunternehmen aber sei man sicher nicht.

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