WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Soziales Netzwerk Nähert sich die Ära Facebook dem Ende?

Bei Facebook mit Lehrern und Eltern befreundet zu sein, finden Teenager uncool. Der gesellschaftliche Siegeszug des Netzwerks verschreckt die jungen Mitglieder. Hat Facebook seine erfolgreichsten Zeiten hinter sich?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Daumen hoch? Facebook ist für Teenies nicht mehr die erste Anlaufstelle in den sozialen Medien. Quelle: dpa

Facebook brechen in den USA die jugendlichen Nutzer weg, meldete vor zwei Tagen die US-Unternehmensberatung iStrategyBlabs. Mit 9,8 Millionen 13 bis 17-jährigen Nutzern, seien dort ein Viertel weniger aus dieser Altersklasse unterwegs als noch vor drei Jahren. Trotz einer sachlich falschen Darstellung, bestätigt die Veröffentlichung einen sich abzeichnenden Trend.

Streng genommen sind nicht die Nutzer weniger geworden, sondern die Reichweite in dieser Werbezielgruppe. IStrategyBlabs hat für die Auswertung das Ads Tool, also die Werbefunktion des Internetportals, benutzt. Darin können Werbekunden ihre Zielgruppen nach Alter und Staaten erfassen. Das Programm gibt allerdings keine konkreten Nutzerzahlen an, sondern nur die geschätzte Reichweite, die sich mit einer Anzeige erreichen lässt.

Facebook kauft auf und macht dicht
Es ist ein klassisches Beuteschema: Facebook übernimmt ein Start-up, das dazugehörige Personal und schließt daraufhin den ursprünglichen Dienst der übernommenen Internetfirma. Neuestes Beispiel: der Bookmark-Dienstleister Spool, der ab sofort unter dem Flagge Facebook weitermacht. Der eigene Dienst wird eingestellt, die Nutzer erhielten die letzte Mail am 14. Juni. Der Fall Spool reiht sich in eine lange Tradition von Facebook-Akquisitonen ein, bei denen das große Social-Network es vor allem auf das Können des Personals abgesehen hat. Von der übernommenen Firma bleibt oft nicht mehr als der Blogeintrag: "Tschüss Leute, wir sind dann mal bei Facebook." Quelle: Screenshot
Im Kampf um die besten Talente reichen Gratisessen und Aktienoptionen nicht immer - in der Folge kaufen sich Facebook & Co. manchmal schlicht die besten Leute samt deren Unternehmen. Ein gutes Beispiel für diese auch "acqui-hire" genannte Praxis: Bret Taylor. Er erhielt sogar den Chefentwicklerposten bei Facebook, nachdem sein Start-up Friendfeed von Facebook für 47 Millionen US-Dollar aufgekauft wurde. Das alles fand 2009 statt. Mit Friendfeed kann der Nutzer alle Aktivitäten seiner Freunde auf diversen Sozialen Netzwerkplattformen verfolgen. Doch Zuckerberg ging es in Wirklichkeit um mehr. "Wir wollten vor allem Bret Taylor an Bord holen", wurde der Facebook-Chef in der New York Times zitiert. Friendfeed ist zwar noch online, doch der Dienst wird nicht mehr aktualisiert oder erweitert. Taylor blieb nach der Übernahme nicht lange bei Facebook. Nach dem jüngsten Börsengang verkündete der Chief Technology Officer prompt, Facebook zu verlassen und seine eigene Firma zu gründen. Quelle: REUTERS
Doch nicht immer geht es nur um das Personal. Auch Teile der Technik dürfte für Zuckerberg interessant sein. So wurde Face.com Mitte Juni 2012 geschlossen. Facebook hatte sich zuvor das israelische Start-up für 60 Millionen Dollar einverleibt. Die Gesicht-Erkennungs-Technologie von Face.com dient Smartphone-Nutzern dazu, auf Facebook Freunde zu markieren. Nun wird die Arbeit an der App eingestellt und vom iTunes-Store genommen. Nutzer können noch bis zum 20. Juli ihre Daten sichern, bis Facebook den Dienst endgültig abschaltet. Wenn Facebook ein Start-up-Unternehmen übernimmt, dann zieht in der Regel das obere Management mit nach Palo Alto in Kalifornien. Die unabhängige Nutzung der Marke erlaubt Facebook nicht. Quelle: Screenshot
Gleiches Schicksal ereilte das israelische Start-up Snaptu. Im März 2011 akquirierte Facebook den Dienst für 70 Millionen US-Dollar, mit dem vor allem normale Handynutzer Zugang zu Social-Networks bekommen. Quelle: Screenshot
Der File-Sharing-Dienst drop.io ging im Oktober 2010 an Facebook. Über den Kaufpreis vereinbarten beide Seiten Stillschweigen. Der Gründer Sam Lessin arbeitet seitdem als Produkt-Manager bei Facebook. Quelle: Screenshot
Der Lokalisierungsdienst Gowalla stand in direkter Konkurrenz zu Foursquare. Vier Monate Monate nachdem das Start-up aus Texas im Dezember 2011 aufgekauft wurde, gab Gowalla bekannt, dass es seinen Dienst einstellen würde. Quelle: Screenshot
Für zehn Millionen US-Dollar kaufte Facebook das Unternehmen Hot Potato im August 2010 auf. Mit dem Check-in-Dienst können Nutzer angeben, was sie lesen oder was für Musik sie gerade hören. Quelle: Screenshot

Doch auch mit der anderen Begrifflichkeit, ändert sich das Resultat nicht – schließlich hängen Reichweite und Nutzerzahlen zusammen: Facebook verliert bei den US-Teens an Boden. Schon bei der Vorstellung der Unternehmenszahlen für das dritte Quartal 2013 im Herbst gestand Facebook-Finanzchef David Eberman: „Wir haben einen Niedergang an täglichen Nutzern verzeichnet, vor allem unter jüngeren Teenagern.“ Immerhin sieht es  bei den Monatszahlen besser aus: „Unsere monatlichen Nutzerzahlen bleiben konstant und das allgemeine Engagement auf Facebook bleibt stark.“

Keine Panik bei Facebook

Auch Soziologe Jan-Hinrik Schmidt, der zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über das Web 2.0 veröffentlicht hat, warnt davor, diese Zahlen zu dramatisieren: „Man kann daraus keinen Trend schließen, dass junge Leute Facebook verlassen“, sagt er. „Facebook wird für Teenager weiter eine wichtige Rolle spielen, weil sie hier das vorfinden, was ihre Lebensphase prägt.“ Dazu gehört, sich mit Freunden auszutauschen und sich selbst zu inszenieren. „Hier können sie sich ausprobieren und herausfinden, wie sie auf andere wirken.“

Einen Makel hat Facebook jedoch für die 13- bis 17-Jährigen: „Das ist nicht mehr der Ort, an dem die jungen Leute unter sich sind.“ Doch dies ist Pubertierenden besonderes wichtig.  Dass Facebook bei älteren Nutzern immer beliebter wird, macht ihnen dabei einen Strich durch die Nutzung. Die Auswertung von iStrategyBlabs zeigt bei den über 55-Jährigen mit 80,4 Prozent die größte Reichweitenzunahme auf 28 Millionen Menschen.

"Oh mein Gott, meine Mom ist auf Facebook!"

Wer Facebook in die Quere kommt, wird geschluckt. Dienste wie Instagram, die viele neue Nutzer anlocken, verleibt sich das Unternehmen ein und integriert sie in sein Netzwerk. Quelle: dpa

Wie sich das auf junge Nutzer auswirkt, erklärt Facebook-Geschäftsführerin  Sheryl Sandberg in einem Interview im November 2013 mit dem Technologie-Portal AllThingsD:  "Als ich anfangs gerade mal ein paar Jahre bei Facebook war, kamen Erwachsene in immer größerer Zahl zu Facebook und all diese Meldungen tauchten auf – „Oh mein Gott, meine Mom ist auf Facebook“ und so in der Art.“ Das sei jedoch der natürliche Lauf im Geschäft mit sozialen Medien. „Eine der Herausforderungen, denen wir gerade jetzt gegenüber stehen, ist, dass wir schon ein Jahrzehnt alt sind. Das heißt wir sind keine Neuheit mehr. Doch oft, gerade in unserem Bereich, sind neue Dinge anziehender und cooler.“

Gerade bei Teenies kommen neue, soziale Anwendungen besonders gut an, sagt Soziologe Jan-Hinrik Schmidt: „Dann heißt es, da ist was neues, die Erwachsenen verstehen noch gar nicht, wie das richtig funktioniert und da können wir unter uns sein.“ Das bedeutet jedoch nicht, dass neue Dienste alte ersetzen.

Das ist etwa auch nicht bei dem aktuellen Hype um den 2009 erschienenen Messenger WhatsApp zu erwarten. Das Programm hat laut einer am Freitag erschienen Studie des Institut für Demoskopie (IfD) Allensbach bei den 16- bis 29-Jährigen die SMS schon knapp abgehängt: 36 Prozent nutzen die SMS für Kurznachrichten mit dem Handy, 37 Prozent WhatsApp.

Überall locken neue Plattformen

Dem Marktforschungsinstitut Ovum zufolge nutzten im November 2013 bereits mehr als eine Milliarde Menschen Dienste, wie Snapchat, Wechat und Line. Im Laufe des Jahres 2014 werde sich diese Zahl verdoppeln.

Facebook wird seine Fründe jedoch verteidigen, sagt Web-2.0-Experte Schmidt: „Facebook wird  gegensteuern und alles daran setzen, dass es für Jugendliche attraktiv bleibt.“ So geht er davon aus, dass das Unternehmen weiter bestimmte Plattformen aufkauft und in sein Netzwerk integriert. So ging etwa der Bilddienst Instagram im Herbst 2012 für 737 Millionen US-Dollar an Facebook. Die Aufmerksamkeit junger Menschen hat ihren Preis.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%