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Studie des Gottlieb Duttweiler Instituts So könnte unsere Gesellschaft im Jahr 2030 aussehen

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Szenario 1: Google, Apple und Co. teilen sich die Welt untereinander auf

2030 definieren sich die Menschen nicht mehr über eine Staatszugehörigkeit, sondern über ihre Zugehörigkeit zu Corporate States. Sie bewegen sich im Google-, Facebook- oder Apple-Universum – das sind die neuen Staaten.

Die Wünsche und das Verhalten der Menschen werden mittels Algorithmen vorhergesagt, die riesige Datenmengen auswerten: „Die Geräte werden den Menschen verstehen können“, sagt Karin Frick, die in der Geschäftsleitung des GDIs sitzt und an der Studie mitgewirkt hat. .

Die Bürger des Google-Universums vertrauen Google all ihre Daten an und erhalten dafür einen überragenden Service. Das Auto, der Kühlschrank, die Heizung denken in Zukunft für die Menschen voraus und der Supermarkt liefert ihnen Waren, bevor sie selbst wissen, dass sie sie brauchen.

Wie Computer wurden, was sie sind
Apple-Mitgründer Steve Jobs wollte einen Computer entwickeln, den jeder bedienen kann. Inspiration fand er im Forschungszentrum Xerox PARC: Dort hatten die Tüftler eine grafische Benutzeroberfläche (graphical user interface, GUI) programmiert, die Jobs bei einem Besuch elektrisierte. „Innerhalb von zehn Minuten war mir klar, dass eines Tages alle Computer so arbeiten würden“, sagte er Jahre später in einem Fernsehinterview. 1983 brachte Apple das Modell Lisa samt einer Maus heraus – den ersten Computer mit grafischer Benutzeroberfläche für den Massenmarkt. Allerdings reagierte die Technik nur sehr behäbig. Und der Preis von 10.000 Dollar war für die meisten Privatanwender zu hoch (in Deutschland kostete der Rechner 30.000 DM). Lisa erwies sich als großer Flop, die Restbestände wurden später in der Wüste von Utah entsorgt. Doch Lisa bahnte der Technologie den Weg. Quelle: mac-history.net
Doch Steve Jobs ließ sich vom Misserfolg mit dem Lisa nicht beirren und entwickelte bei Apple mit einem verschworenen Team den Macintosh, der sich ebenfalls mit einer Maus bedienen ließ und deutlich billiger war. Hier ist der junge Firmengründer (l.) 1984 bei der Vorstellung des Rechners mit dem damaligen Apple-Chef John Sculley zu sehen. Der Werbespot für diesen Computer, gedreht von Regisseur Ridley Scott, ist bis heute legendär – er soll zeigen, wie der Apple-Rechner die geknechteten Nutzer von IBM, dem „Big Brother“ mit seinen Einheits-PCs, befreit.
Das Gerät sollte nicht die Geschäftsleute begeistern, sondern die Massen. In Sachen Benutzerfreundlichkeit setzte Apple Maßstäbe, doch der Erfolg stellte sich erst über die Jahre ein, zumal Konkurrent IBM mit seinem PC reißenden Absatz fand. Der war zwar nicht so bequem zu bedienen, es gab aber viel mehr Anwendungen für ihn. Immerhin gelang es Apple mit der Zeit, eine treue Fangemeinde aufzubauen – auch in den Jahren ohne Steve Jobs. Der musste Apple 1985 nach einem Machtkampf mit Firmenchef Sculley verlassen. Quelle: dpa
Zum Durchbruch verhalf der grafischen Benutzeroberfläche nicht Steve Jobs, sondern ein junger Bursche namens Bill Gates. Sein Startup Microsoft entwickelte für den Computerhersteller IBM das Betriebssystem MS-DOS. In den 80er Jahren entdeckte Gates beim damaligen Partner Apple die intuitive Bedienung per Maus und ließ daraufhin die Benutzeroberfläche Windows entwickeln, die später Bestandteil aller Systeme wurde. 1985 kam die erste Version heraus, die ersten großen Erfolge gelangen in den 1990er Jahren mit Windows 3.0 und Windows 3.1. Heute ist Microsoft ein Software-Gigant und Windows der Quasi-Standard auf PCs. Quelle: dpa
Windows 95 bedeutete für Microsoft den Durchbruch – spätestens seit der Präsentation im namensgebenden Jahr 1995 kam kein Computerhersteller mehr an dem Betriebssystem vorbei. Damals führte der Software-Konzern auch den Start-Button ein, über den heute Millionen von Nutzern Programme aufrufen oder auch den Rechner ausschalten. Weitere Meilensteine in der Entwicklung sind Windows XP (2001) und Windows 7 (2009). Aktuell vermarktet Microsoft Windows 8. Quelle: dpa
Steve Jobs verhalf nicht nur der grafischen Benutzeroberfläche zum Durchbruch, sondern auch dem Touchscreen: Nach seiner Rückkehr zu Apple ließ er das iPhone entwickeln – hier die Präsentation im Januar 2007. Es war zwar nicht der erste Handy mit berührungsempfindlicher Oberfläche, hatte aber dank seiner intuitiven und ruckelfreien Bedienung so viel Erfolg wie kein Gerät zuvor. Für damalige Verhältnisse war das revolutionär, heute ist es Standard. Denn Apple fand viele Nachahmer. Quelle: AP
Auch im iPod Touch setzte Apple später seinen Touchscreen ein. Inzwischen kommt die Technologie in immer mehr Geräten zum Einsatz, auch in Notebooks oder Uhren. Quelle: AP

Möglich ist das, weil alle Geräte, die die Menschheit 2030 nutzt, Daten sammeln und miteinander kommunizieren. Das funktioniert nur, solange der Verbraucher nur Produkte eines Herstellers nutzt.

Wer in der Google-Welt lebt, wird nur noch wenig Kontakt zu denen haben, die in der Apple-Welt leben. „Es ist bequem, innerhalb eines Systems zu bleiben“, sagt Frick. Man lebe auf einem riesigen Google- oder Apple-Campus.

Dort wachse man auf, entwickele sich, finde Freunde und verliebe sich. „Es ist wie eine große Familie – nur verfügt sie über genug Diversität, um interessant zu bleiben.“ Ein Besuch eines Google-Menschen in der Apple-Welt kann man sich dann vorstellen wie eine Reise nach Amerika. „Der Kontakt bricht nicht ab – er wird nur seltener.“

Im Zentrum dieser Gesellschaften steht der Konsum. Es herrscht hoher Druck zur Anpassung. Kriminalität wird dabei zu einem Randphänomen. Dank der totalen Überwachung, die die Datenvorräte der Unternehmen ermöglichen, können die Corporate States konformes Verhalten erzwingen und Zuwiderhandlungen schon im Voraus sanktionieren.

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Gigaset Elements Quelle: Screenshot
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Qivicon Quelle: Screenshot
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tapHome Quelle: Screenshot
iConnect Quelle: Screenshot
Xavax Max! Quelle: Screenshot

In dieser Welt tritt der Staat kaum noch in Erscheinung – formell existiert er zwar, aber die Macht liegt bei den Großunternehmen. Sie investieren große Summen in die Infrastruktur und Vernetzung und haben volle Kontrolle über sämtliche Datenströme.

Aktuelle Entwicklungen

In Anbetracht der aktuellen Aufteilung des digitalen Markts unter Apple, Google und Microsoft erscheint das Ganze in 20 Jahren durchaus möglich. Apple und Google zielen beide darauf ab, ihre Geräte von denen der Konkurrenz abzuschirmen und möglichst viele Dienste in ihre Systeme zu integrieren.

iPhones und iPads, Android Phones und Chromebooks seien heute viel stärker vom jeweiligen Anbieter kontrolliert, als das früher der Fall war, heißt es in der Studie. Welche Software auf den Geräten läuft, wann sie geupdatet werden und welche Daten sie weitergeben – all das entscheidet der Hersteller.

Mit seiner Suchmaschine und seinem Kartendienst kennt Google heute seine Nutzer und ihre Gewohnheiten. Mit Investitionen sichert sich Google weitere Informationsquellen.

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Tado Quelle: PR
AlphaEos Quelle: PR
Mobilcom-Debitel Quelle: PR
Qivicon Quelle: PR
RWE Heizungssystem Quelle: PR
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Anfang 2014 kaufte Google Nest Labs für 3,2 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen produziert unter anderem lernfähige Thermostate und soll Google im Internet der Dinge eine führende Position sichern. Die Daten, die das Internet der Dinge liefern kann, wird Google sich sicher nicht entgehen lassen.

Die gesammelten Daten und die Monopolstellung geben Unternehmen wie Google oder Facebook große Manipulationsmöglichkeiten. Facebook hat jüngst mit seinem Emotions-Experiment Negativschlagzeilen produziert.

Dabei wurden die Nutzereinträge von hunderttausenden Mitgliedern vorgefiltert und so gezeigt, dass Menschen, die mehr positive Beiträge sehen, eher dazu neigen, positive Einträge zu verfassen – und umgekehrt.

Wie realistisch ist das Szenario?

Denkt man solche Experimente zu Ende, wäre es möglich, ganze soziale Systeme zu steuern. Aus diesem Grund dürfte dieses Szenario scheitern. „Wenn der Nutzer weiß, dass Unternehmen ihn manipulieren, wird er sich irgendwann abwenden und einen anderen Anbieter suchen“, sagt Frick. Dafür brauche es zwei Dinge: Der Leidensdruck muss zu groß sein und eine angemessene Alternative muss vorhanden sein.

Sicher ist allerdings: In Zukunft werden Menschen und Maschinen immer enger zusammenwachsen. „Wir werden mehr Technik im und direkt am Körper tragen, sodass sie uns quasi zur zweiten Natur wird“, schreiben die Autoren. Das Unternehmen die so dazu gewonnen Daten nutzen werden, um die Menschen weiter zu monetisieren. Dass einzelne Unternehmen die totale Kontrolle erlangen, ist allerdings unwahrscheinlich, wie die Autoren der Studie schreiben. Denn: „Rein technisch kann niemand das gesamte Internet heute noch überschauen – weder Google, Facebook oder Amazon, noch die NSA oder die größten Netzbetreiber.“

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