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Studie Facebook könnte es ergehen wie Friendster

Soziale Netzwerke können schnell Nutzer gewinnen, aber sie auch rasant wieder verlieren. Eine Studie der ETH Zürich will am Beispiel Friendster belegen, was Facebook drohen könnte. Ein Detail fällt dabei unter den Tisch.

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So sieht der neue Facebook-Newsfeed aus
Mark Zuckerberg Quelle: rtr
Das neue Design ist stark an die aktuellen Apps für Smartphones und Tablets angelehnt, künftig soll Facebook auf allen möglichen Geräten gleich aussehen. Quelle: Presse
Das Unternehmen startet eine Art Kampagne, mit der Nutzern die Änderungen erklärt werden. Quelle: Screenshot
Klarere Formen: Die neue Gestaltung setzt ähnlich wie der abgeschlagene Konkurrent myspace auf großflächige Bilder. Die Nutzer bekommen auch mehr Möglichkeiten, die Informationen zu filtern. Man kann sich zum Beispiel mit wenigen Handgriffen alle Nachrichten aller Bekannten anzeigen lassen, oder nur die von besonders engen Freunden, oder auch nur Neuigkeiten zu bestimmten Themen wie Musik, Spiele, Sport oder Kino. Quelle: Presse
Diese persönlichen Einstellungen sollen sich, heißt es laut Gründer Zuckerberg, besonders leicht an der Seite der Nachrichtenanzeige einstellen lassen. Quelle: Presse
Bei der Vorstellung trug Zuckerberg auch das alte Credo vor: Er wolle die Welt offener gestalten und die Menschen verbinden. Ähnlich großspurig kündigte er an, Facebook werde durch die Änderungen, „d ie beste personalisierte Zeitung der Welt". Quelle: AP/dpa
Ende Januar hatte Zuckerberg die „graph search“ vorgestellt. Ausgehend von einem Ort sollen so Freunde gefunden werden. Quelle: AP/dpa

Heutzutage nennt sich ja jede nicht representative Befragung von fünf Menschen Studie und wird dankbar landauf landab von den Medien zitiert, erst recht wenn es um deren Lieblingsthemen geht, wie das Internet, Apple oder Facebook. Insofern besteht eine große Wahrscheinlichkeit, dass eine aktuelle Untersuchung von Forschern der ETH-Zürich zeitnah von der Presse aufgegriffen und genüsslich wiedergegben wird.

Das Onlineportal der Schweizer Gratiszeitung 20 Minuten macht den Anfang. Kein Wunder, immerhin handelt es sich ja nicht um einen marketinggesteuerten “Bericht” in eigener Sache, wie es bei vielen angeblichen Studien der Fall ist, sondern tatsächlich um eine wissenschaftliche Arbeit. Leider bedeutet dies nicht automatisch, dass der Sinn und Zweck der Untersuchung sinnvoll ist. Im aktuellen Fall muss er in Frage gestellt werden.

Abwanderungskaskade

Die Studienverfasser David Garcia, Pavel Mavrodiev und Professor Frank Schweitzer von der Professur Systemdesign im Departement Management, Technologie und Ökonomie der ETH Zürich versuchen am Beispiel des einstmals erfolgreichen sozialen Netzwerks Friendster zu belegen, wie sich jedes Social Network in eine Abwärtsspirale bewegen kann, sofern zwei Faktoren gegeben sind: Der Aufwand für das Benutzen übersteigt den Nutzen, außerdem verringert sich die Verknüpfung der User mit ihrer Umgebung.

Die Forscher sprechen von einer Abwanderungskaskade, die etwa durch ein Redesign ausgelöst werden kann, und die dazu führt, dass erst einige wenige Anwender zu einer besseren Alternative umziehen, woraufhin die folgen, die ihre Verbindungen zu den Ausgetretenen verloren haben. Das waren die Gründe für den Niedergang von Friendster, das einstmals 100 Millionen Mitglieder hatte, nach einem Relaunch im Jahr 2009 aber bei der primär in Südostasien angesiedelten Nutzerschaft in Ungunst fiel. Und weil es Friendster so erging, könne gleiches für sämtliche andere sozialen Netzwerke gelten, so die Schlussfolgerung.

Forscher ignorieren Plattform

Diese Netzwerke sind am bekanntesten
Das Netzwerk Facebook kennen 96 Prozent der Deutschen. Quelle: REUTERS
Das Video-Portal Youtube ist 87 Prozent der Deutschen ein Begriff. Quelle: dapd
Den Kurznachrichtendienst Twitter kennen immerhin 80 Prozent der Deutschen, gefolgt von Werkenntwen.de (72 Prozent) und Stayfriends (71 Prozent). Quelle: dpa
Einst waren die VZ-Netze deutlich bekannter als Facebook. Heute liegt das StudiVZ bei 69 Prozent, das SchülerVZ bei 68 Prozent und MeinVZ bei 58 Prozent. Quelle: dpa
MySpace ist 58 Prozent der Deutschen ein Begriff. Quelle: dpa
62 Prozent der Deutschen kennen laut Umfrage MyVideo. Quelle: dpa
Das Karriere-Netzwerk Xing kennen 56 Prozent der Deutschen. Damit liegt das Portal nur knapp hinter Lokalisten.de (55 Prozent). Quelle: dpa

In der Theorie stimmt das natürlich. Was die Wissenschaftler jedoch in ihre Analyse (Pdf) unter den Tisch fallen lassen, ist die Tatsache, dass Facebook schon lange kein typisches soziales Netzwerk mehr ist. Facebook ist eine Plattform, Friendster war keine Plattform. Diesen Sachverhalt einfach zu ignorieren und aus historischen Entwicklungen vergangener Social Networks Parallelen zu Facebook zu ziehen, ist seit Jahren übliche, aber fragwürdige Praxis – mit dem Unterschied, dass meist der Popularitätseinbruch von MySpace als Beleg für das unveränderliche Schicksale aller Social-Web-Angebote herhalten muss. In diesem Artikel hatte ich den Unterschied zwischen sozialem Netzwerk als Destination sowie einer Plattform erläutert und erklärt, wieso der Vergleich beider Ansätze zu falschen Schlüssen führt.

Die gründsätzliche Erkenntnis der ETH-Forscher ist natürlich korrekt. Sie haben wissenschaftlich belegt, was innerhalb der Internetbranche seit langem als Netzwerkeffekt oder umgedrehter Netzwerkeffekt bezeichnet wird. Es ist zu begrüßen, dass sich auch Wissenschaftler stärker mit diesem im Digitalen eine sehr wichtige Rolle spielenden Phänomen befassen.

Digitale Welt



Das Problem ist, dass sie in ihrem Report den Fakt außer Acht lassen, dass die Abhängigkeit der Nutzer von Facebook durch die Plattform und die Verknüpfung von Millionen Websites rund um den Globus mit besagter Plattform eine ganz andere ist als die bei sämtlichen Netzwerken der Vergangenheit, und deshalb zu einem Fazit kommen, das in dieser Pauschalität der Komplexität des Themas nicht gerecht wird: “Online Social Networks (OSN), such as Facebook or Friendster, can quickly become popular, but can also suddenly lose large amounts of users.”

Ja, Facebook kann theoretisch schnell große Zahlen an Nutzern verlieren. Doch damit das passiert, müssen wichtige Aspekte erfüllt sein, die ausgeblendet werden, wenn man den Dienst auf eine Stufe mit Friendster und Co stellt. Schade, dass diese Erkenntnis seit Jahren einfach stur ignoriert wird.

Dieser Artikel ist zuerst auf netzwertig.com erschienen.

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