Suchtbekämpfung Bundesländer verbieten mehr als 100 Online-Glücksspiele

Die Bundesländer haben in den vergangenen Jahren mehr als 100 ausländische Poker- und Kasino-Angebote im Internet untersagt. Derzeit laufen 28 weitere Verbotsverfahren. Der Grund ist der Schutz der Bürger vor "schnellen, suchtfördernden Spielformen".

Glücksspiel kann süchtig machen. Quelle: REUTERS

Es gehe um den Schutz der Bürger und der Allgemeinheit vor "schnellen, suchtfördernden Spielformen", sagt Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU). Aus diesem Grund haben die Bundesländer in den vergangenen Jahren mehr als hundert ausländische Glücksspielangebote im Internet untersagt. Derzeit laufen 28 weitere Verbotsverfahren. Das ergab eine Umfrage der "Süddeutschen Zeitung" und des NDR in den 16 Ländern. Verboten worden seien unter anderem Pokerrunden, Casinos, Sportwetten.

Bislang kann noch fast jeder problemlos im Internet zocken - ungeachtet jeder Suchtgefahr. Experten sprechen von mindestens 3.000 deutschsprachigen Angeboten für Onlineglücksspiele. Legal sind davon nur 48 und das auch nur für Spieler in Schleswig-Holstein. Das Land hat bislang als einziges entsprechende Lizenzen verteilt. Im Rest der Bundesrepublik sind die Online-Glücksspiele illegal.

Das Geschäft mit dem Glücksspiel
Was ist Glücksspiel?Ein Spiel mit Geldeinsatz, dessen Ausgang überwiegend vom Zufall bestimmt ist. Neben den klassischen Spielbanken gibt es in Deutschland zum Beispiel Lotto und Toto, Pferdewetten sowie die Klassen- und Fernsehlotterie. Mit Abstand am beliebtesten aber sind Geldspielautomaten - vor allem in Gaststätten und Spielhallen. Quelle: dpa
Was bedeutet Spielsucht?Dabei geht es um Kontrollverlust. Ein Spieler schafft es nicht mehr, sich gegen ein Glücksspiel zu entscheiden - er braucht den Kick. Spielsüchtige erfinden oft Lügen und Ausreden, um zu verbergen, dass sie ihr Einkommen „verzocken“. Viele häufen einen Schuldenberg auf. Sie sind häufig auch nicht mehr in der Lage, Freundschaften und Beziehungen aufrecht zu erhalten. Die Selbstmordrate unter langjährigen Spielsüchtigen ist nach Angaben von Beratungsstellen hoch. Pathologisches Glücksspiel ist in Deutschland seit 2001 als eigenständige Krankheit anerkannt. Quelle: dpa
Wer ist gefährdet?Deutlich mehr Männer als Frauen. Besonders häufig verlieren in Deutschland junge Migranten und Arbeitslose die Kontrolle über ihre Spielleidenschaft - vor allem an Geldspielautomaten. Als sehr verführerisch gelten auch Sportwetten und Internet-Glücksspiele. Quelle: dpa
Was tut der Staat für mehr Spielerschutz?Im Zuge der Föderalismusreform haben die Länder vom Bund das Recht erhalten, Gesetze für Spielhallen zu erlassen. Im Mai 2011 hat Berlin als erstes Land gehandelt und zum Beispiel einen Mindestabstand von einer Spielhalle bis zur nächsten festgelegt. Begrenzt sind auch die Anzahl der Automaten und Öffnungszeiten. Ein Abstand zu Schulen muss gewahrt bleiben. Inzwischen haben fast alle Bundesländer nachgezogen, die Vorschriften unterscheiden sich aber. Weiter beim Bund liegt zum Beispiel das Recht, über die Technik der Automaten zu bestimmen. Die Länder fordern über den Bundesrat seit längerem mehr Spielerschutz, zum Beispiel Obergrenzen für Geldeinsätze an Automaten oder die Abschaffung von Automatiktasten. Ein Kuriosum bleibt, dass Geldspielautomaten außerhalb von Spielbanken rechtlich nicht als Glücksspiel gelten. Sie werden seit ihren Anfängen als „Unterhaltung“ eingestuft und fallen damit trotz hoher Einsätze lediglich unter das Gewerberecht. Kritiker sehen das als Fehlentwicklung und werten sie Ergebnis einer erfolgreichen Lobbyarbeit der Spielautomaten-Branche. Quelle: dpa
Was verdient die deutsche Glücksspiel-Branche?Die Umsätze steigen seit Jahren und liegen nach den jüngsten Zahlen der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen für 2011 bei 32,5 Milliarden Euro. Der Löwenanteil mit rund 18 Milliarden Euro entfiel dabei auf Geldspielautomaten. 6,6 Milliarden Euro Umsatz machte die Lotto-Toto-Branche, 6,1 Milliarden Euro verdienten Spielbanken. Quelle: dpa
Was verdient der Staat am Glücksspiel?2011 waren das nach Angaben des jüngsten Jahrbuchs Sucht rund drei Milliarden Euro - unter anderem über Rennwett- und Lotteriesteuer und die Spielbankabgabe. Geldspielautomaten brachten den deutschen Kommunen über die Vergnügungssteuer rund 479 Millionen Euro ein. Quelle: dpa
Wer hilft Spielsüchtigen?Bundesweit gab es nach den jüngsten Zahlen für 2011 rund 1320 ambulante Beratungsstellen. Rund 16 800 Spielsüchtige haben in diesem Zeitraum dort Angebote genutzt. In den 161 stationären Einrichtungen wurden 2011 mehr als 2500 Menschen wegen „pathologischem Spielverhaltens“ behandelt. Die Zahl der Selbsthilfegruppen für Glücksspieler hat sich zwischen 2001 und 2011 auf rund 200 verdoppelt. Quelle: dpa

Das soll sich jetzt ändern. Der Staat scheint ernsthaft gegen die Glücksspielindustrie vorgehen zu wollen. Doch das ist ist eine schwierige Aufgabe. Von den 100 bereits ausgesprochenen Verboten wurden die meisten einfach ignoriert. "Wir haben hier überhaupt nichts, was diese illegalen Angebote unterbindet und entsprechend kann jeder frei spielen", sagt Ingo Fiedler von der Universität Hamburg, der den Onlinepoker-Markt analysiert hat.

Daher will der Staat eine Zahlungsblockade einführen.

Sollten die Firmen sich nicht an die Untersagungen halten, könnte ihnen von Niedersachsen aus der Zahlungsverkehr blockiert werden. Das Bundesland ist die zentrale Stelle für das sogenannte Payment Blocking. Banken und Finanzdienstleister dürften dann kein Geld mehr zu beziehungsweise von den betroffenen Anbietern weiterleiten. In den USA haben Behörden auf diesem Weg 2011 dem Markt einen kräftigen Dämpfer versetzt.

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