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Tablet-PCs und E-Reader Die deutschen Konkurrenten von Apples iPad

Das iPad von Apple kommt nach Deutschland. Auch Unternehmen von hier wollen im Geschäft mit E-Readern und Tablet-Rechnern mitmischen. Haben sie eine Chance?

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E-Book und TabletPC

Seit 23 Jahren betreibt Kai-Uwe Ahrens in der Düsseldorfer Innenstadt ein Antiquariat. Auch nach Ladenschluss steht er für Kunden zur Verfügung, die alte Schmöker und Schriften an ihn verkaufen wollen. Kein Wunder, dass so jemand elektronische Lesegeräte nicht sonderlich mag. Ahrens hält den Flachcomputer skeptisch in die Sonne: „Das Display reflektiert“, krittelt er. Bei einem echten Buch gebe es das nicht. Einen Roman auf einem Computer zu lesen, das kann er sich nicht vorstellen, vielleicht ein Sachbuch oder eine Zeitung, aber keinen Roman. So dächten doch wohl die meisten Leute.

Wenn Ahrens sich da, nach Einführung von Apples iPad am 28. Mai in Deutschland, mal nicht irrt. Laut einer aktuellen Umfrage der ING Bank können sich inzwischen 37 Prozent der Deutschen vorstellen, Zeitungen und Bücher nur am Bildschirm zu lesen. Der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) zufolge planen 27 Prozent der Bundesbürger sogar ganz konkret, sich binnen eines Jahres ein entsprechendes Gerät zu kaufen: einen multimedialen Tablet-Computer wie das iPad oder ein reines Lesegerät à la Kindle, das der Online-Händler Amazon anbietet.

Angeheizt vom internetfähigen Mobil-Flachcomputer iPad, steht die junge Branche vor einem gewaltigen Boom. Allein auf der Heimelektronikschau in Las Vegas im Januar stellten um die 20 Anbieter E-Reader oder Tablet-Rechner vor. Der koreanische Berater Displaybank prognostizierte kürzlich, dass 2010 weltweit vier Millionen E-Reader abgesetzt würden. Nach den ersten iPad-Verkaufszahlen scheint das bereits eine pessimistische Annahme zu sein. Für 2015 sagt Displaybank 50 Millionen Stück voraus, für 2020 rund 210 Millionen verkaufte Geräte weltweit. Zurzeit vergeht kein Monat, in dem nicht ein weiteres Unternehmen verkündet, in das Geschäft einsteigen zu wollen. Selbst der Internet-Riese Google und der weltgrößte Handybauer Nokia sollen an Geräten basteln.

Zwar scheint wie schon so oft in der Unterhaltungselektronik das Milliardengeschäft an den Deutschen vorbeizugehen. Aber ganz außen vor will das Land der Dichter und Denker nicht bleiben. Aufgesprungen auf den i-Zug sind auch drei Anbieter auf deutschem Boden – kleine Unternehmen, von denen bisher nur Brancheninteressierte gehört haben dürften.

Die drei heißen Plastic Logic, Txtr und Neofonie. Sie wollen noch im Sommer ihre ersten Apparate gegen die Schwergewichte Apple und Amazon auf den Markt bringen – und hoffen, wenn sich binnen zwei bis drei Jahren die Spreu vom Weizen trennt, zu den Überlebenden zu zählen. Ihre Chancen sind in der Fachwelt umstritten.

Schwarz-Weisses Display

Am Stadtrand von Dresden, einen Steinwurf vom Flughafen entfernt, in einem grauweißen Gebäude, residiert Plastic Logic. Das Unternehmen wurde vor zehn Jahren aus der britischen Eliteuniversität Cambridge ausgegründet und hat seinen Hauptsitz im kalifornischen Silicon Valley. Subventionen und hoch qualifizierte Mitarbeiter überzeugten es, die Produktion im Silicon Saxony aufzubauen. Seit zwei Monaten fertigt die sächsische Fabrik nun Displays für das Lesegerät, das Plastic Logic Que genannt hat. Viele der 180 hier Beschäftigten stammen vom inzwischen insolventen Chiphersteller Qimonda oder dem benachbarten Prozessorbauer AMD.

Das in Dresden gefertigte schwarz-weiße, berührungsgesteuerte Kunststoff-Display ist das Herzstück des Que. Es braucht keine Hintergrundbeleuchtung wie das iPad, ist fast unzerstörbar. Plastic Logic lässt den Bildschirm ins chinesische Shanghai fliegen, wo ihn ein Auftragsfertiger montiert. Von Juni an soll es den Que in den USA geben. Die Einführung in Deutschland und Rest-Europa dürfte dagegen noch ein paar Jahre auf sich warten lassen.

Plastic Logic wagt sich aus gutem Grund vorerst nicht nach Europa. Der hiesige Markt sei zu kleinteilig, sagt Produktionsvorstand Konrad Herre. In Europa gebe es zu viele Sprachen, zu viele Mobilfunkanbieter, zu viele Zeitungen. Der US-Markt dagegen ist riesig und homogen – ideal auch für Nischenanbieter, da hier selbst kleine Marktanteile eine wirtschaftlich ausreichende Stückzahl ergeben.

Plastic Logic wird in Dresden zunächst höchstens 100.000 Displays im Jahr fertigen – in der Konsumelektronik eine homöopathische Dosis. So verkaufte Apple allein beim US-Marktstart des iPad binnen eines Tages 300.000 Geräte. Inzwischen sind es insgesamt mehr als eine Million.

Zweifler bei Facebook

Das wird Plastic Logic mit Sicherheit das Geschäft erschweren, denn das iPad gilt als beste Schöpfung der neuen Geräteklasse. Auf der Facebook-Seite von Plastic Logic deuten nach dem US-Verkaufsstart des iPad auch schon erste Kunden Zweifel an, ob ihre Entscheidung richtig war, einen Que vorzuordern. Trotzdem gibt sich Plastic Logic selbstsicher. Que und iPad seien zwei völlig unterschiedliche Konzepte, sagt Angreifer Herre. Das iPad sei ein Unterhaltungsprodukt, der Que ein Arbeitsmittel.

Plastic Logic will sich auf den professionellen Einsatz konzentrieren. Der Que soll den Papierberg im Büro reduzieren helfen, etwa bei Vertragsverhandlungen, wenn 30 bis 40 Entwürfe kursieren. Er dient der Lektüre von Spezialliteratur und Fachpublikationen wie dem US-Börsenblatt „Wall Street Journal“. Partnerschaften mit Verlagen und dem US-Buchhändler Barnes & Noble sind bereits unter Dach und Fach.

Noch kann das Que-Display aber nur Schwarz-Weiß. Farbe sei im Profibereich „kontraproduktiv“, behauptet Manager Herre, weil buntes Beiwerk allzu oft ablenke. Trotzdem dürfte Plastic Logic an einer Farbversion arbeiten. Im April verkündete das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Darmstädter Chemiekonzern Merck, der Vorprodukte für organische Displays entwickelt. „Unsere Materialien sind absolut in der Lage, videofähige Farbdisplays möglich zu machen“, sagt Luc Yao, der den Bereich Organische Elektronik bei Merck leitet. Plastic Logic zufolge sind „Produktion und Markteinführung“ der neuen Materialien für 2011 vorgesehen.

Deutscher Start

Schwerer als Plastic Logic dürfte es das Berliner Unternehmen Txtr mit seinem gleichnamigen Lesegerät haben. Das hat wie der Que ein Schwarz-Weiß-Display, das aber nicht einmal halb so groß und nicht berührungsgesteuert ist. Es erinnert an den Kindle von Amazon, der eigentlich nur zum Lesen von Büchern geeignet ist. Mit einem Preis von 299 Euro wird das Gerät, das spätestens im Juli auf den Markt kommen soll, zudem rund 30 Euro teurer als Amazons Kindle.

Das Unternehmen Txtr existiert seit 2007. Firmenchef Christophe Maire hatte 1999 einen Navigationssoftware-Entwickler gegründet und den später an Nokia verkauft. Die Idee, Lesegeräte zu bauen, kam ihm und Kollegen in einer Berliner Sushi-Bar. Nach MP3-Spielern und Navis sahen sie die nächste Technologiewelle anrollen.

Auch die Berliner lassen in China fertigen. Hersteller in Fernost zu finden, sei einfach, die Produktion selbst sei es nicht, sagt Maire. Regelmäßig müsse er einige seiner 30 Mitarbeiter nach China schicken, um die Qualität sicherzustellen. Zwischendurch musste er einmal sogar den Hersteller ganz wechseln – ein Grund, warum sich die Einführung immer wieder verzögerte. Mitte April schloss das Unternehmen eine Vereinbarung mit der Bertelsmann-Buchverlagstochter Random House. Damit kann es E-Books von über 40 Verlagen wie Heyne, Goldmann und Knaus im eigenen Online-Store anbieten. Im Herbst hatte Txtr einen ähnlichen Deal mit der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck getroffen, zu der Verlage wie Droemer Knaur und Rowohlt gehören. Doch wird Txtr kaum mit Exklusivinhalten punkten, wollen sich doch die meisten Verlage nicht an einen Hersteller binden. „Sie bieten ihre Inhalte auf iPad, Kindle und anderen Geräten gleichzeitig an“, sagt Joachim Stephan, Medienexperte und Geschäftsführer bei BCG. Ohne Exklusivität sei es schwer.

Um nicht ganz am Erfolg des eigenen Gerätes zu hängen, wird Txtr E-Books auch über eine Software für das iPad vertreiben.

Top oder Flop

Wie viel Gegenwehr Neulinge erwarten können, erfuhr mit Neofonie der dritte deutsche Hersteller, ebenfalls aus Berlin. Ende März überraschte Firmenchef Helmut Hoffer von Ankershoffen mit der Ankündigung, seinen Tablet-Computer namens WePad auf den Markt bringen zu wollen. „Wir befreien die Verlage aus den Fesseln, die Apple beim iPad aufstellt“, lautete da seine vollmundige Ankündigung (WirtschaftsWoche 13/2010). Kurz darauf musste er das Gerät in WeTab umtaufen, offenbar hatte Apple angedroht, gerichtlich gegen Neofonie vorzugehen.

Aber auch sonst sind die als Hoffnungsträger gestarteten Berliner fast auf Flop-Niveau gelandet: Auf einer Pressekonferenz im April bewarb Ankershoffen noch die Vorzüge gegenüber dem iPad, etwa die Webcam und USB-Anschlüsse. Der gezeigte Prototyp lief aber nicht mit dem hauseigenen Betriebssystem. Stattdessen spielte er bloß ein Video der Software ab. Ende Mai dann die nächste Ernüchterung: Statt im Juni soll das WeTab erst im September ausgeliefert werden. Sollte es Neofonie aber gelingen, ein funktionierendes Gerät zu kreieren, könnte das Unternehmen vor allem Kunden gewinnen, die eine Aversion gegen den Giganten Apple haben.

Wie groß die Chancen für Neofonie, Txtr und Plastic Logic gegen das iPad und den Kindle sind, wird sich in den kommenden zwei bis drei Jahren entscheiden. „Die Hersteller müssen breite Funktionalitäten anbieten“, warnt Berater Stephan und fügt hinzu: „Nischenprodukte sind in diesem Markt mittelfristig nicht überlebensfähig.“  

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