Tauchsieder

Der Tod des Internets

Wikileaks und Assange standen für die Entthronung des Staats durch das Internet. Snowden und die NSA stehen für die Entthronung des Internets durch Staat und Konzerne.

Quelle: Marcel Stahn

Was haben der Dalai Lama, die Mudschaheddin in Afghanistan und Edward Snowden miteinander gemein? Nun, sie alle haben eine doppelte Identität. Ihre Sympathisanten sehen in Ihnen Freiheitskämpfer, die sich aus uneigennützigen Motiven gegen eine herrschende Macht auflehnen, die unterdrückerisch und ungesetzlich handelt. Ihren Gegnern hingegen sind sie Störenfriede, Aufrührer, Widerständler, die aus eigensüchtigen Gründen die herrschende Ordnung gefährden und partikulare Interessen über das Gemeinwohl stellen.

Der Dalai Lama zum Beispiel ist für die Tibeter (und auch für die meisten Europäer und Amerikaner) ein Erleuchteter, der Toleranz für eine besonders friedlich-fröhlich gestimmte Form des Buddhismus predigt - und für das kommunistische China der Staatsfeind Nummer eins: ein Aufwiegler, der Rassentrennung predigt, den Fortschritt hemmt und dem han-chinesischen Mehrheitswillen bockbeinig im Wege steht. Die Mudschaheddin wiederum waren für die westliche Welt Helden im Kampf um religiöse Selbstbestimmung, als die Sowjets 1980 in Afghanistan einmarschierten, bevor sie seit 2001 als eifernde Dschihadisten verfemt sind, die den islamistischen Terror in die Welt tragen. Wir halten fest: Was den einen Bannerträger einer unterdrückten Freiheit sind, sind den anderen Rebellen, Terroristen, Verräter. Das gilt für Mahatma Gandhi, den Dalai Lama und Nelson Mandela, aber natürlich auch für Mao, Fidel Castro und Osama bin Laden.

So lesen Deutsche Behörden mit

Wie aber passen Julian Assange, Bradley Manning und Edward Snowden in diese Reihe? Als Digital-Partisanen, die das abendländische Projekt von Vernunft und Aufklärung auf die durchsichtig-gläserne Spitze treiben, indem sie unsere angeblich “offenen Gesellschaften” ihre letzten Geheimnisse entreißen? Als Internet-Freischärler, die den in der Tat eklatanten Widerspruch zwischen dem Selbstverständnis freiheitlich-demokratisch verfasster Staaten und dem hochherrschaftswissentlichen Verhalten ihrer Geheimdienste und Konzerne aufdecken? Oder doch als untergründige Netz-Guerilla, die im blütenweißen Gewand des Transparenzinteresses gegen den “militärpolitisch-industriellen Komplex” aufbegehrt und sich des Landesverrates schuldig macht - nur um bei waschechten Demokraten wie Vladimir Putin unterzuschlüpfen und den wirklichen Schurken dieser Welt in die diplomatischen Hände zu spielen? Vielleicht gewinnt man eine präzisere Frage, indem man es mit zwei provozierenden Antworten versucht:

  • Wikileaks und Assange standen für die Entthronung des Staates durch das Internet.
  • Snowden und die NSA stehen für die Entthronung des Internets durch den Staat.

Als Julian Assange vor zweieinhalb Jahren Protokolle diplomatischen Hinterzimmergeredes ins Netz stellte, machten sich viele Zeitgenossen Sorgen um die Zukunft des Geheimnisses. Sie riefen den Altmeister der Soziologie, Georg Simmel, als Kronzeugen für das Geheimnis als “eine der größten geistigen Errungenschaften der Menschheit” auf. Das Geheimnis, so Simmel, erreiche eine Erweiterung des Lebens, weil viele seiner Inhalte bei völliger Publizität überhaupt nicht auftauchen würden: Was Angela Merkel “wirklich” über Barack Obama sagt und denkt, würde von ihr erst gar nicht gesagt und gedacht, könnte sie es nicht im Schutz des Geheimnisses sagen und denken.

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