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Technologie-Start-ups „Gründer in Osteuropa haben mehr Biss“

Roman Scharf Quelle: PR

Roman Scharf, Mitgründer des Risikokapitalgebers Capital300 mit Sitz im österreichischen Linz, erläutert, warum Start-ups aus Osteuropa gerade im Kommen sind – und wie dortige Gründer und US-Investoren voneinander profitieren können.

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WirtschaftsWoche: Alle Welt redet von der Tech-Szene im Silicon Valley, Israel oder auch Berlin. Warum sehen Sie sich ausgerechnet nach Start-ups in Osteuropa um?
Roman Scharf: Ich war zehn Jahre im Silicon Valley. Natürlich dort gibt es großartige Forschungs- und Bildungseinrichtungen sowie eine riesige Finanzszene. Kein Ort der Welt ist damit vergleichbar. Aber der Markt ist total überhitzt. Einer der Vorteile von Osteuropa ist, dass es dort ebenfalls sehr viele und gut ausgebildete Fachkräfte gibt – und die sind noch nicht zu teuer. Zudem zählen dort selbst kleinere und mittlere Start-ups zu den attraktivsten Arbeitgebern. Während im Silicon Valley alle Spitzenkräfte zu Google oder Facebook wollen, ist in Osteuropa ein Start-up mit 50 Leuten, das einen internationalen Markt bedient, für einen Software-Ingenieur der absolute Traum.

Es geht Ihnen also vor allem um einen günstigen Einstieg?
Das ist nur ein Punkt – der wichtigere ist: Es gibt in Osteuropa wirklich hochklassige Universitäten, die in vielen wichtigen Zukunftsthemen vorne mit dabei sind. Die Universität im tschechischen Brno etwa ist weltweit führend bei Spracherkennung – dort forscht ein ganzer Lehrstuhl daran, wie sich aufgenommene Sprache rechnergestützt analysieren, auswerten und weiterverarbeiten lässt. Die haben dort wirklich Weltklasse. In Moskau und Kiew gibt’s weltweit führende Professoren in den Bereichen künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen. Diese Liste lässt sich beliebig fortführen. Was Osteuropa auszeichnet, ist eine Mischung aus großartiger Ausbildung und günstigen Ressourcen. Aber klar: Wenn ich als Investor für zwei Millionen Euro statt 15 Prozent an einem Unternehmen 30 Prozent erhalte und man mit dem Investor mehr bewegen kann, haben alle im Erfolgsfall einen höheren Return-on-Investment – wovon das Ökosystem und die nächsten Fonds profitieren.

Ein Gründer könnte sich dagegen sagen: In den USA bräuchte ich durch die höhere Bewertung weniger Anteile an meinen Investor geben – hier muss ich dagegen das Doppelte der Firma verkloppen…
Schon, dafür komme ich hier mit dem gleichen Geld aber auch doppelt so weit wegen der viel niedrigeren Kosten. Ein US-Start-up im Valley mit 20 Leuten kommt mit einer Finanzierung von zwei Millionen Dollar nicht mal halb so weit wie ein gleich großes Unternehmen in Warschau.

Was kennzeichnet osteuropäische Start-ups im Vergleich zu den deutschsprachigen Unternehmen?
Das unternehmerische Ethos ist dort noch stärker ausgeprägt. Die Gründer sind oft sehr entschlossen, arbeiten unglaublich hart – und orientieren sich meist sofort am internationalen Markt. Wir haben hierzulande immer ein Problem – und das sage ich als Österreicher: Viele österreichische Gründer denken, Österreich sei ein Markt – was Quatsch ist. Und viele deutsche Gründer orientieren sich zu lange an Deutschland, was vielleicht eine Zeit lang Sinn ergibt, aber langfristig ebenfalls nicht. Die erfolgreichsten Teams haben immer das globale Geschäft im Auge – das machen die osteuropäischen Gründer von Haus aus, weil ihre eigenen lokalen Märkte von vornherein zu unattraktiv sind. Dort wird also immer auch auf Europa und die USA als Absatzmärkte abgezielt.

Können Sie Beispiele nennen?
Nehmen Sie etwa den auf die Prozessautomatisierung von Robotern spezialisierten Software-Anbieter UiPath aus Rumänien oder die aus Armenien stammende Foto-App PicsArt, bei der wir investiert sind: Für UiPath war Rumänien nie ein Markt, für PicsArt waren User in Armenien nie im Fokus. Bei beiden Unternehmen ging es von Anfang an um die ganze Welt. Und ich glaube, dass dies beiden Start-ups sehr geholfen hat, um ihr jeweiliges Produkt zu optimieren oder ihre Mitarbeiter zu rekrutieren.

Und wo stehen die beiden heute?
Beide Unternehmen gehören zu den am schnellsten wachsenden Unternehmen weltweit, UiPath im Bereich Enterprise Software und PicsArt im Bereich Consumer-App. Beide konnten Top-Investoren wie Accel und Sequoia Capital gewinnen, erwirtschaften hohe Millionenumsätze und schaffen sehr signifikanten Wert für Investoren, Gründer und Mitarbeiter.

Was führt denn zur Herausbildung von Zentren wie dem von Ihnen genannten Brno? Gibt es einen Zusammenhang zwischen akademischen Hotspots und erfolgreichen Gründungen?
Das ist schwierig zu beantworten. Aber mir kommt es persönlich so vor, als gäbe es in osteuropäischen Ländern auch noch einen viel stärkeren Drang in Richtung akademischer Exzellenz. Es wird dort mehr gelesen und mehr studiert – während wir insbesondere in Deutschland und Österreich manchmal eher eine Wohlfühlgesellschaft haben. Hier ist teilweise die Motivation nicht auf demselben hohen Niveau wie in Osteuropa. Dort hat Ausbildung eine viel höhere Bedeutung und Status als hierzulande – den Wissenshunger dort kenne ich sonst eigentlich nur noch aus Israel.

Das immer noch vorherrschende Wohlstandsgefälle zahlt letztlich also auf den Unternehmergeist ein?
Ja genau, daher haben viele Gründer in Osteuropa auch mehr Biss – denn die Lebensqualität ist dort noch nicht so hoch. In Deutschland, Österreich und der Schweiz fühlen sich viele Menschen dagegen eher schon wie im gemachten Nest. Das spielt da sicher mit hinein. Und der Wunsch, in die Welt hinaus zu ziehen. Osteuropa war für die USA ja schon immer eine Quelle für intellektuelle Zuwanderung. Viele wollen sich mit Exzellenz und hohem Ehrgeiz in ihrer jeweiligen Disziplin nach oben arbeiten. Außerdem ist Unternehmertum für viele Osteuropäer eine sehr interessante Option. Eine Art Sprungbrett. Weil es dort die klassische Konzernkarriere etwa bei Siemens oder BMW in der Form gar nicht gibt.

Wie sieht es denn mit den Finanzierungsmöglichkeiten für Start-ups in Osteuropa aus – bekommen die überhaupt Kapital?
Wir als Capital300 wollen die besten Unternehmer Osteuropas und der deutschsprachigen Region mit dem weltbesten Kapital zusammenbringen. Wie wichtig das ist, zeigt das Beispiel Skype: Deren Aufstieg hat Estland und Schweden deutlich verändert. Beide Länder haben es geschafft, beim Skype-Exit an Ebay im Jahr 2005 viel Geld in die Hände von Software-Ingenieure zu bringen. Und genau das braucht es, um die Start-up-Szene voranzubringen.

Sie meinen einen Effekt, wie ihn die PayPal-Mafia um deren Gründerteam Peter Thiel, Elon Musk und Reid Hoffman im Silicon Valley hatte, die später unter anderem Tesla und LinkedIn gründeten beziehungsweise groß machten?
Ja genau, Schweden hat durch Skype-Mitgründer Niklas Zennström die Investmentgesellschaft Atomico hervorgebracht, die mittlerweile einen der größten Venture-Fonds in Europa betreiben. In Estland haben sich viele ehemalige Skype-Entwickler als Angel-Investoren oder Gründer betätigt, denken Sie etwa an Jaan Tallinn, der sich später am KI-Start-up DeepMind beteiligte, das 2014 für 600 Millionen Dollar von Google gekauft wurde. Dadurch hat sich Estland in der Start-up-Hierarchie allein durch diesen einen Exit um drei Ligen nach oben gearbeitet.

Wer wird – jenseits von Skype seinerzeit – das nächste Einhorn aus Osteuropa sein, also ein Start-up mit einer Bewertung von jenseits einer Milliarde Dollar?
UiPath ist schon ein Unicorn mit einer Bewertung von sieben Milliarden Dollar. TransferWise aus Estland ist ebenfalls schon ein Einhorn. Wir glauben, dass PicsArt eines wird, daher haben wir in das Unternehmen  investiert. Spekulation ist nicht mein Kerngeschäft, aber ich bin überzeugt: Wenn man eine Zeitschiene von heute bis 2030 erstellen und dort die Einhörner aus Osteuropa eintragen würde, ergibt das eine steigende Kurve.



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