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Topraks Technik Talk

Ausweglos: Die Killerspiel-Debatte

Killerspiele sind böse, sagen Politiker. Die Gesellschaft hat Schuld, meint die Spieleindustrie. Oder vielleicht die Eltern? Nach dem Amoklauf von Winnenden sind 16 Menschen tot, aber wer übernimmt die Verantwortung? Wiwo.de-Autor Mehmet Toprak über eine trostlose Diskussion.

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Populärer Ego-Shooter Quelle: dpa

Was war wohl der letzte Gedanke des 17-jährigen Amokläufers Tim K., bevor er sich selbst eine Kugel in den Kopf geschossen hat? Und angenommen, er hätte wie durch ein Wunder überlebt, was hätte er zur Diskussion über gewalttätige Computerspiele beizutragen? Diese Diskussion trägt Merkmale des Ausweglosen und Trostlosen. Eine vernünftiges Gespräch über die Wirkung der sogenannten Killerspiele scheint kaum möglich.

Aggressive Chat-Foren

Hinzu kommt, dass sich in den vergangenen Jahren so etwas wie zwei Öffentlichkeiten herausgebildet haben. Die Frage, ob besonders brutale Games verboten werden sollten, diskutiert man im Fernseh-Talkshows zumeist sehr oberflächlich und nicht immer kenntnisreich. Aber wenigstens geht es hier einigermaßen zivilisiert zu. Die Gegen-Öffentlichkeit formiert sich im Internet. Aber nicht ganz so zivilisiert.

In den Chat-Foren und Kommentarspalten der Web-Portale herrscht - beflügelt durch die Anonymität - ein derber Ton. Am lautesten sind die Verteidiger der Killerspiele. Jeder, der es wagt, dieses Spiele-Genre zu kritisieren, wird sofort rhetorisch weggeballert. Fast wie im Ego-Shooter. Bezeichnend auch die gestanzten Phrasen, mit denen die Argumente abgefeuert werden. Politiker haben grundsätzlich "keine Ahnung" und sind immer "mediensüchtig" oder besser: "mediengeil". Psychologen oder Kriminale, die vor der Gewalt in Medien warnen, sind immer "selbsternannte Experten", wahlweise auch "Pseudo-Experten". Logisch, dass die keine Ahnung haben. Und nie fehlt der Hinweis, dass man sich "nicht von Politikern vorschreiben" lassen will, was man spielt. Denn der  Besitz von Counterstrike ist ein grundlegendes Menschenrecht.

15 Thesen zur Mediengewalt

In dieser verfahrenen Situation gibt es hoffentlich ein paar Punkte, die alle unterschreiben könnten. Deshalb nachfolgend 15 Thesen zum Nachdenken und Weiterdiskutieren.

Die Faszination vieler Jugendliche für Killerspiele oder Ego-Shooter ist im Prinzip normal. Solange einer nicht zehn Stunden am Stück vor dem PC sitzt und die Schule vernachlässigt, ist das wohl auch kein Problem.Tag für Tag und Jahr für Jahr gehen Millionen Jugendlicher friedlich zur Schule. Gemessen daran ist die Zahl der Amokläufe in den letzten Jahren verschwindend gering.Vermutlich würde die Einführung eines Tempolimits auf Deutschlands Autobahnen mehr Menschenleben retten als das Verbot bestimmter PC-Spiele.Es gibt einen Zusammenhang zwischen Killerspielen und realer Gewalt. Der ist aber nicht eindeutig und nicht direkt kausal.Da praktisch alle jugendlichen Amokläufer bisher Killerspiele auf dem PC hatten, ist es notwendig und legitim, einen Zusammenhang zu erforschen. Schließlich sind Menschen gestorben.Junge Männer im Alter zwischen 15 und 20, die wenig soziale Kontakte haben, als introvertiert gelten, überdurchschnittlich viel vor dem Ego-Shooter sitzen und leicht Zugang zu Waffen haben, verdienen unsere Aufmerksamkeit.Moderne Ego-Shooter besitzen stellenweise fotorealistische Qualitäten. Sie machen den Spieler zum handelnden Subjekt in einer sinistren und morbiden Kulisse. Das kann gefährlich für die Psyche des Spielers gefährlich sein.

Brutale PC-Spiele können in Einzelfällen auch kathartische Wirkung haben; das sind aber Einzelfälle und nicht die Regel.Die Spieleindustrie hat die Gewalt in Medien nicht erfunden, sondern ahmt diese nach und packt sie in eine neue Form. Killerspiele sind nur ein weiterer Tropfen in einem brodelnden Fass der Gewaltdarstellung in Medien.Die Hersteller dieser Spiele haben diese freiwillig entwickelt, sie tragen deshalb auch Verantwortung für deren mögliche Wirkung.Ein Verbot exzessiv grausamer Spiele könnte helfen, die Spirale der Gewalt in den Medien ein Stück zurückzudrehen.Die Brutalität der Gewaltdarstellung in Medien wie Film oder TV hat in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen. Es ist möglich, das wieder zurückzudrehen, wenn die Gesellschaft es will. Schließlich kann man ja auch das Rauchen verbieten.Ein Verbot von Killerspielen würde das Problem der Gewalt nicht lösen, sondern wäre eine von mehreren denkbaren Maßnahmen. Um komplexe Probleme zu lösen, muss man an vielen Schrauben drehen.Moderne Rechenpower macht eine Weiterentwicklung des konventionellen Action-Shooters möglich. Weniger Blut, mehr Taktik und intelligente Missionen. Die Spielehersteller wären gut beraten, diese Möglichkeiten verstärkt zu nutzen.Solange es frustrierte und wütende Menschen gibt, die Zugang zu Waffen haben, wird es Amokläufer geben.

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